Stauseespülung – mit Verstand
01 | 12 | 2014 SchweizText: BKFV 01373
01 | 12 | 2014 Schweiz
Text: BKFV 0 1373

Stauseespülung – mit Verstand

Seeentleerungen haben in der Vergangenheit deutlich vor Augen geführt, welche gewässerökologischen Schäden entstehen, wenn solche Ereignisse unkontrolliert und ohne echte begleitende Schutzmassnahmen ablaufen. Man denke dabei an den Spöl oder die Glarner Linth – «Petri-Heil» berichtete. Dabei wäre das mit ein wenig gutem Willen auch schonender möglich.

«Tandem», so heisst das Projekt der Kraftwerke Oberhasli AG (KWO), im Rahmen dessen die Kraftwerkskette vom Räterichsbodensee bis nach Innertkirchen ausgebaut wird. Diese aufwertenden Massnahmen zielen darauf ab, die Stromproduktion mit derselben Wassermenge, nur durch die Verminderung von Reibungsverlusten, um 70 Gigawattstunden/Jahr zu steigern.

Um alle Anliegen der Betroffenen zu berücksichtigen waren an der Planung der Ausbauprojekte die kantonalen Fachstellen, die Umweltschutzverbände, der Bernisch Kantonale Fischerei-Verband (BKFV) sowie die lokalen Fischer beteiligt. 2011 wurde daher das Projekt «Tandem» ohne Einsprachen der Umweltschutzverbände genehmigt. Während des Bewilligungsprozesses war bekannt, dass wegen der baulichen Massnahmen der Räterichsbodensee komplett entleert werden muss.

Seeentleerungen sind leider aufgrund unserer Energiepolitik ein notwendiges Übel, das kein Umweltschützer oder Fischer grundsätzlich gutheissen kann. 

In diesem Fall ist die Seeentleerung notwendig, um das Projekt «Tandem»  zwischen dem neuen und dem bestehenden System beim Räterichsbodensee zu realisieren. Die Arbeiten können aus Hochwasserschutzgründen einzig im Winterhalbjahr ausgeführt werden. Aufgrund der Bauplanung muss von Mitte November 2014 bis Ende Februar 2015 der Räterichsbodensee komplett entleert sein. In dieser Zeit bleibt der Grundablass des Stausees permanent geöffnet. 

Mit der Öffnung des Grundablasses wird es voraussichtlich während der ersten zwei Tage zu einer erhöhten Trübung der Hasliaare kommen. Beim Öffnen des Grundablasses eines Stausees werden Sedimente, die am Seegrund lagern, ausgeschwemmt. Sollte es nach der Absenkung zu intensiven Föhnwetterlagen (verbunden mit einsetzender Schneeschmelze) oder zu starken Niederschlägen im Einzugsgebiet des Räterichsbodensees kommen, könnten noch zusätzliche Trübstoffe ausgeschwemmt werden. Je nach Konzentration und zeitlicher Dauer könnte die erhöhte Trübung für die Fische und andere aquatische Lebewesen gefährlich werden.


Gewässerökologische Voruntersuchungen und Massnahmenpaket

Im Vorfeld der Seeentleerung wurden umfangreiche gewässerökologische Untersuchungen hinsichtlich der Fischfauna, des Makrozoobenthos, der Moose und Algen sowie der Substratbeschaffenheit durchgeführt. Diese Untersuchungen werden auch teilweise während und nach Beendigung der Seeentleerung wiederholt.

Hinsichtlich der Fischfauna  wurden Fischbestandsaufnahmen in der Hasliaare und deren Seitengewässer vorgenommen. Habitats- und Substratkartierungen sowie Untersuchungen zur natürlichen Reproduktion in Form von Laichboxversuchen, Laichgrubenuntersuchungen und Laichgrubenkartierungen wurden ebenfalls gemacht.

Die wichtigste Massnahme besteht in der Verdünnung des trüben Wassers. Dafür wird bis zu 10 m3/s klares Wasser aus dem benachbarten Gelmersee zugeführt. Damit kann ein Verdünnungsfaktor von etwa 20 unterhalb der Fassung Handeck erreicht werden. Die Überwachung der Trübstoffkonzentrationen in der Hasliaare wird durch Sonden, die vollautomatisch ihre Messergebnisse an die Zentrale Leitstelle der KWO übermitteln, gewährleistet. 

Da das Gelmersee-Wasser erst beim Kraftwerk Handeck zugeführt werden kann, ist es unmöglich, das Wasser der Hasliaare zwischen Räterichsbodensee und Handeck zu verdünnen. Im Abschnitt zwischen Räterichsbodensee und Handeck müssen deshalb zusätzliche Massnahmen zum Schutz der dort in der Hasliaare lebenden Bachforellen und der seltenen Rotalge getroffen werden. Im Oktober wurde der Gebirgsbach daher unterhalb der Staumauer bis zum Kraftwerk Handeck an allen zugänglichen Abschnitten mehrfach ausgefischt. Bei diesem E-Befischungseinsatz waren der lokale Fischereiverein, das Fischereiinspektorat, externe Fischereibiologen und die Fachstelle Ökologie der KWO beteiligt. Ziel war es, möglichst alle jungen Bachforellen in den Reichenbach und die ausgewachsenen in den Unterlauf des Gadmerwassers umzusiedeln.


Innovation für die Seeforelle

Um den Erhalt des Seeforellenjahrgangs 2014/15 sicherzustellen, ist in der Hasliaare in Höhe der Urbachmündung bei Innertkirchen eine Seeforellenweiche Installiert worden. Dieser aus Bambusstäben gefertigte Fischzaun soll die aufstiegswilligen Seeforellen aus dem Brienzersee daran hindern, in den Oberlauf der Hasliaare zu gelangen. Dort wäre die Entwicklung des Laichs im Winter aufgrund der erhöhten Trübung und der damit verbundenen Sohlenkolmation stark gefährdet. Ziel ist es, einen Grossteil der Seeforellen fischschonend in das Urbachwasser zu lenken, so dass diese dort natürlich ablaichen können. 

Diese eigens für die Räterichsbodensee-Entleerung entwickelte Konstruktion wurde bereits im Herbst 2012 hinsichtlich der Hochwassersicherheit und der fischökologischen Ansprüche getestet. Des Weiteren wurde oberhalb der Seeforellenweiche eine Pumpe installiert, die bei Bedarf Hasliaare-Wasser ins Urbachwasser förder. Dadurch kann eine Lockströmung mit dem «Geschmack von Hasliaare» im Urbach erzeugt werden. 

Nach Abschluss der Bauarbeiten am Räterichsbodensee soll der Ausgangszustand des Substrats in der Gewässersohle wieder hergestellt werden. Deshalb wird zur Dekolmatierung der Hasliaare eine Nachspülung mit klarem Seewasser durchgeführt. Diese wird über den sogenannten «Kriegsablass» des im Sommer wieder gefüllten Räterichsbodensees ab Mitte Juni 2015 über mehrere Tage erfolgen. Die Nachspülung wird messtechnisch intensiv begleitet und eine Wirkungsanalyse wird erstellt.

Für den Besatz der Hasliaare mit Seeforellen- und Bachforellen-Vorsömmerlingen nach der Nachspülung der Hasliaare wurden drei grosse Rundbecken in der Brutanstalt in Meiringen installiert. Diese dienen als Zwischenhälter für Seeforellen- und Bachforellen-Elterntiere sowie der Aufzucht von Jungfischen. Kurz vor der Laichreife werden Seeforellen vor der Seeforellenweiche und die Bachforellen, die im Unterlauf des Gadmerwassers zwischengehältert wurden, zum Abstreifen eingefangen. Im Sommer 2015 werden die zwischengehälterten Tiere wieder in die Hasliaare eingesetzt.

Eine Stauseeentleerung stellt für das darunter liegende Fliessgewässer einen ökologischen Eingriff dar. Durch eine seriöse Vorbereitung konnten individuelle Massnahmenpakete realisiert werden. Mit diesen Schutzmassnahmen sollte es gelingen, die Hasliaare und ihre Lebewesen möglichst rasch wieder in einen guten ökologischen Zustand zurückzuführen. Hoffen wir also, dass alles gut geht.

Matthias Meyer, Steffen Schweizer, Sandro Schläppi, Jan Baumgartner, Andrea Baumann, Yasmin Dressler (Kraftwerke Oberhasli AG), Willy Müller, Martin Flück (Fischereiinspektorat), Kurt Wächter (Limnex AG), Peter Büsser

 

 Eine Seeforelle versucht vergeblich die Seeforellenweiche zu passieren. Foto: M. Meyer

Eine Seeforelle versucht vergeblich die Seeforellenweiche zu passieren. Foto: M. Meyer

 Der Räterichsbodensee – Aufgrund des Stollenanstichs muss der Stausee komplett entleert werden. Foto: KWO

Der Räterichsbodensee – Aufgrund des Stollenanstichs muss der Stausee komplett entleert werden. Foto: KWO

 Wo die Hasliaare während der Seeentleerung nicht verdünnt werden kann, wird vorgängig mehrfach abgefischt. Foto: P. Buesser

Wo die Hasliaare während der Seeentleerung nicht verdünnt werden kann, wird vorgängig mehrfach abgefischt. Foto: P. Buesser

 Die installierte Seeforellenweiche in der Hasliaare bei Innertkirchen. Foto: A. Bernhardt

Die installierte Seeforellenweiche in der Hasliaare bei Innertkirchen. Foto: A. Bernhardt

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