Viva la laguna!
28 | 06 | 2021 ReisenText & Fotos: Ruben Rod 21611
28 | 06 | 2021 Reisen
Text & Fotos: Ruben Rod 1 1611

Viva la laguna!

Das Ende der Reisebeschränkungen durch Corona ist absehbar. Nicht wenige unter uns sehnen sich nach Salzwasser und Strand­feeling. Einige besuchen bei nächster Gelegenheit wahrscheinlich das nahegelegene Mittelmeer. «Petri-Heil»-Redaktor Ruben Rod stellt eine unterschätzte fischereiliche Nische am Strand vor.


Alle, die schon mal versucht haben, Strand- und Badeferien am Mittelmeer mit dem Fischen zu verbinden, wissen es: In Badehosen am Strand beisst kaum was Rechtes, wenn überhaupt. Im warmen und klaren Mittelmeerwasser treiben sich meistens kleinere Brassen, Schwärme von Ährenfischchen und gelegentlich einige Hornhechte an der Oberfläche herum. Beim Schnorcheln sieht man mit etwas Glück eine gute Goldbrasse, und manchmal schwimmt sogar schemenhaft ein Wolfsbarsch vorbei. Um einen ordentlichen Beitrag für den Grillabend zu erwischen, kommt man kaum um eine gebuchte Angeltour zu Boot oder Nachtfischerei herum. Doch es gibt noch eine Nische, die oft übersehen oder unterschätzt wird: die Lagunen. Oft direkt neben dem Strand gelegen und nur durch einen dünnen Streifen Sand vom Meer getrennt, verbirgt sich ein grosser Schatz im Brackwasser.


Ein besonderer Lebensraum

Im ganzen Mittelmeerraum, ja eigentlich an jedem Meer kommen kleine bis sehr grosse Lagunen vor. Es sind vom Meer abgeschnittene Buchten oder Mündungsbereiche von Fliessgewässern, welche kurz vor der Einmündung vom Strand eingestaut sind. Oft sogar ohne erkennbare Verbindung zum Meer, wenn das Wasser durch den durchlässigen Sandboden fliesst. Manche sind auch von Menschenhand angelegt, sei es zur Salzgewinnung oder Muschelzucht. Bei vielen Lagunen besteht nur temporär ein direkter Wasserkorridor zum Meer, etwa während regenreicher Perioden im Winterhalbjahr. Andere wiederum sind stets verbunden mit dem offenen Wasser und sind von Ebbe und Flut geprägt. Täglich fliesst das Wasser in solchen Lagunen mit den Gezeiten in unterschiedliche Richtungen aus der Lagune hinaus und wieder hinein. Auch der Salzgehalt dieser Gewässer unterscheidet sich erheblich. Mit dem Meer verbundene und von den Gezeiten beeinflusste Lagunen beinhalten Salzwasser, während die von einem Fliessgewässer im Hinterland gebildeten Lagunen von Brackwasser geprägt sind. Manchmal stellt sich sogar eine ausgesprochene Schichtung von Salz- und Süsswasser ein: oben angetrübtes Süss- und Brackwasser, unten salziges und klares (!) Meerwasser. Je nach Standort und Art der Lagune stellt sich damit eine vielfältige Mischung von Süsswasser- und Salzwasserarten ein. Den Lagunen gemeinsam ist deren vom offenen Meer geschützte Lage und der hohe Artenreichtum. Nicht nur Fische, sondern auch zahlreiche Wirbellose wie Muscheln und Schnecken, Krebse und Vögel schätzen diese nahrungsreichen Biotope.

 Der Biss einer grossen Meeräsche auf Schwimmbrot und der explosive Drill am leichten Gerät sorgen für jede Menge Adrenalin.

Der Biss einer grossen Meeräsche auf Schwimmbrot und der explosive Drill am leichten Gerät sorgen für jede Menge Adrenalin.

 Wer würde bei diesem Anblick Meeresfische erwarten? In dieser Lagune auf Sardinien lassen sich mit Spinnködern Brassen und Wolfsbarsche überlisten.

Wer würde bei diesem Anblick Meeresfische erwarten? In dieser Lagune auf Sardinien lassen sich mit Spinnködern Brassen und Wolfsbarsche überlisten.

 Besonders bewährt haben sich Oberflächenköder am frühen Morgen und abends, um auf dem ruhigen Wasser der Lagunen «Wölfe» zu überlisten.

Besonders bewährt haben sich Oberflächenköder am frühen Morgen und abends, um auf dem ruhigen Wasser der Lagunen «Wölfe» zu überlisten.


Wundertüten

Via Google Earth kann man sich ein (Luft-)Bild der nächstgelegenen Lagune am Urlaubsziel machen. Ist sie direkt mit dem Meer verbunden? Handelt es sich um den Mündungsbereich eines Fliessgewässers im Hinterland? Wo sind zugängliche Stellen? Wo sieht es nach Sandbänken und wo eher nach tieferen Stellen aus? Obwohl solche im Voraus gemachte Beobachtungen aufschlussreich sind, bleiben Lagunen eine Wundertüte. Verschiedene Meeresbewohner finden hinein und können dort festsitzen, etwa wenn eine offene Verbindung zum Meer durch eine Trockenperiode mit weniger Wasserabfluss im Mündungsbereich unterbrochen wird. Meistens sind es brackwasserliebende Fische wie Meeräschen, Wolfsbarsche und Aale, die man zusammen mit kleinen Kärpflingen (Gambusen) und Grundeln in Lagunen am Mittelmeer antrifft. Doch nicht zu unterschätzen ist auch das Auftreten verschiedener Brassen und mancherorts auch Flundern. Je nach Meeranschluss und Salzgehalt verirren sich auch Muränen, Gabelmakrelen oder Barrakudas in die kleinen «Binnenmeere». Auch Tintenfische (Sepia) kommen in manchen Lagunen sogar besonders häufig vor und lassen sich mit Wobblern fangen. Besonders überraschungsreich bezüglich der Artenzusammensetzung sind süsswasserhaltige Lagunen. So lassen sich in manchen Flussdeltas Meeräschen und Karpfen nebeneinander fangen. Oder man kann beim Spinnfischen mit Wolfsbarschen und Forellenbarschen rechnen. Die meisten solcher Brackwasserlagunen sind stark von Schilf bewachsen und machen optisch den Eindruck eines Süssgewässers. Es hat eigentlich für jede Fischereitechnik etwas dabei: für den Ansitz mit Naturködern (Aal, Brassen, Flundern, manchmal Weissfische und Welse), das Zapfenfischen mit Brot oder Maden (Meeräschen, Brassen, Weissfische) oder das Spinnfischen auf räuberische Arten (Wolfsbarsch, Brassen, Forellenbarsch, mancherorts auch andere Süss­wasser­prä­datoren). Auch dem Fliegenfischer bieten sich mit Fliegen, Nymphen und Streamern Möglichkeiten. Nicht immer erschliessen sich an einer Lagune sogleich die vorkommenden Arten und damit die funktionierenden Methoden. Es lohnt sich, Verschiedenes auszuprobieren. Wer ein Bellyboat oder gar ein Kajak mit dabeihat, kann die oft verwinkelten und unzugänglichen Bereiche dieser Wasser- und Tierwelt noch besser erkunden. Mit Kindern unterwegs, kann man mit Netzen und Reusen auch zu Fuss manche Entdeckungen machen.

 «Was sind das für komische Vögel?», hatte ich mich abends am Strand einer Lagune in Südfrankreich gefragt. Ich konnte es kaum fassen, als ich vor zwei leibhaftigen wilden Flamingos stand.

«Was sind das für komische Vögel?», hatte ich mich abends am Strand einer Lagune in Südfrankreich gefragt. Ich konnte es kaum fassen, als ich vor zwei leibhaftigen wilden Flamingos stand.

 Lagunen haben für die ganze Familie viel zu bieten. Vom angetrübten Brackwasser muss man sich nicht abschrecken lassen.

Lagunen haben für die ganze Familie viel zu bieten. Vom angetrübten Brackwasser muss man sich nicht abschrecken lassen.

 Die Wolfsbarsche können auch in kleinen Lagunen beachtliche Grössen erreichen. Doch um einen «Grand Loup» beim Spinnfischen zu tupfen, braucht es Durchhaltevermögen und ziemlich viel Glück.

Die Wolfsbarsche können auch in kleinen Lagunen beachtliche Grössen erreichen. Doch um einen «Grand Loup» beim Spinnfischen zu tupfen, braucht es Durchhaltevermögen und ziemlich viel Glück.

 Viele Lagunen liegen unmittelbar am Strand, nur durch einen Streifen Sand vom Meer getrennt. Manche Lagunen sind auch permanent oder temporär mit dem offenen Wasser verbunden.

Viele Lagunen liegen unmittelbar am Strand, nur durch einen Streifen Sand vom Meer getrennt. Manche Lagunen sind auch permanent oder temporär mit dem offenen Wasser verbunden.


Meine Vorlieben

Obwohl etliche Arten in Lagunen vorkommen und die Meeräschen sehr zuverlässig auftreten, habe ich vorzugsweise die Wolfsbarsche im Visier. Zum einen, weil es sich um einen attraktiven und spannenden Raubfisch handelt, und zum anderen, weil er kulinarisch kaum von einer anderen Art zu übertreffen ist. Die «Wölfe» lassen sich grundsätzlich mit der aus heimischen Gewässern vertrauten Egli- und Zanderausrüstung überlisten. Jedoch können sie auch zickig sein. Oft bringt sie nur eine ganz bestimmte Köderwahl und -führung zum Anbiss. Ich habe die besten Erfahrungen mit Oberflächenködern frühmorgens und abends gemacht. Auch mit Gummis am Texas- oder Carolina-Rig sowie Wobbler war ich schon erfolgreich, aber nicht so zuverlässig. Einheimische Fischer am Mittelmeer überlisten die begehrten und vorsichtigen Räuber vorwiegend mit lebenden Krebsen und Fischen als Köder. Ein besonderer Spassfaktor hat für mich auch das Fischen auf die grossen und ausserordentlich kampfstarken Meeräschen mit Schwimmbrot. Dazu bringe ich die ansonsten eher scheuen Fische in Stimmung durch Anfüttern mit schwimmenden Brotstücken. Zuerst werden ausgeworfene Brotteile an der Wasseroberfläche von den kleinen Exemplaren «herumgeschoben», bis die Grossen einsteigen und die Stücke in grossen Happen in kürzester Zeit verdrücken. Dann ist der Moment gekommen, um Brotstücke am feinen 0,16- oder 0,18-mm-Vorfach mit einem kleinen Haken zu präparieren und nur durch Befeuchten mit Wasser beschwert, sachte ohne Zapfen oder Blei in die Fresszone hineinzuschwingen. Steigt eines der grossen vegetarischen Kraftpakete an der Oberfläche ein, geht die Post ab am leichten Geschirr! Auch das Grund­fischen mit Würmern oder Fischstückchen auf die in Küstennähe immer noch häufig vorkommenden Aale funktioniert gut, wobei Krebse und Grundeln für viele Fehlbisse sorgen. Jedenfalls wird mir an einer Lagune nie langweilig und meine Familie ist am Strand auch glücklich.

 

2 Kommentare


Roland

05 | 07 | 2021

Wie sieht das techtlich aus. Wohl nicht in jeder Lagune (wenn vom Meer getrennt, wird freies Fischen erlaubt sein, oder?

Antworten an: Roland

Ruben

28 | 07 | 2021

Das ist nicht immer klar, besonders wenn es um Lagunen geht die mit dem Meer verbunden sind. Meistens können einheimische Fischer oder Anwohner etwas dazu sagen (sei es bloss ein Schulterzucken…). Allerdings werden manche Lagunen auch genutzt als Art „Fischteiche“ für die Zucht von Doraden oder Wolfsbarschen. Diese sind dann jedoch mit Schildern oder Absperrungen gekennzeichnet. Bei Flussmündungen und Brackwasserlagunen kann man in Frankreich (Korsika) oder in Italien (Sardinien) eine Fischereiberechtigung für die Süssgewässer kaufen, um sich diesbezüglich abzusichern.


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