Rasante Veränderungen in den Schweizer Seen
05 | 07 | 2021 SchweizText: Erich Staub 52396
05 | 07 | 2021 Schweiz
Text: Erich Staub 5 2396

Rasante Veränderungen in den Schweizer Seen

«Was ist mit den Seen los?», fragten sich die Berufsfischer und kantonalen Fischerei­fachstellen an einem Workshop vom November 2019. Seither gingen die Veränderungen in den Schweizer Seen in rasantem Tempo weiter. Neben Berufs­fischerei, Gastronomie und privaten Fischkäufern ist auch die Angelfischerei betroffen, da viele frühere Flussfischer auf Seenfischerei umgestiegen sind.


Was mit den Seen los ist: Kurzantwort in 10 Punkten

1 | Berufsfischerei-Ertrag          Der Gesamtertrag der Schweizer Berufsfischerei hat sich in den letzten 20 Jahren halbiert, der Felchenertrag ist sogar auf einen Drittel gesunken. Die stark eingebrochene Ökosystemleistung «fischereilicher Ertrag» verlangt nach Erklärungen. Der häufige Hinweis, «die Seen sind wieder im früheren nährstoffarmen Zustand», ist eine völlig ungenügende Erklärung.

2 | Gewässerschutz-Strategie          Die Abwasserreinigungsanlagen entnehmen weit über 80 % des Phosphors (P), aber nur 47 % des Stickstoffs (N) aus dem Abwasser. Dadurch stieg das N:P-Verhältnis in den Seen auf unnatürlich hohe Werte. Dieser Anstieg ist der «Erfolg» einer einseitig auf das Zudrehen der «P-Schraube» fokussierten Strategie (Reduktion bei den Phosphor-Quellen).

3 | Burgunderblutalge          Seit 10 Jahren ist der Zusammenhang zwischen dem ansteigenden N:P-Verhältnis und der Zunahme der toxischen «Blaualgen» bekannt. Das Problem betrifft neben dem detailliert untersuchten Zürichsee auch diverse andere Seen.

4 | Hungernde Felchen          Seit mehreren Jahren ist bekannt, dass unnatürlich hohe N:P-Verhältnisse auch die Ursache sind, weshalb die Zooplankton-fressenden Felchen häufig kein geeignetes Futter finden. Als Folge davon wachsen die Felchen nicht mehr in die Maschenweite der Berufsfischer-Netze hinein und können kaum Fettreserven bilden (für die Produktion von Eiern).

5 | Stichling          Fische müssen die mit dem Futter aufgenommene Energie zuerst in den Grundumsatz investieren (Atmung, Blutkreislauf usw.). Was dann noch an Energie verbleibt, dient u. a. dem Wachstum. Im Vergleich zu grossen Fischen verbrauchen kleinwüchsige Arten prozentual weniger Energie für den Grundumsatz. Sie haben deshalb bei limitiertem Zooplanktonangebot einen bioenergetischen Vorteil. Dies erklärt u. a. den grossen Stichlingsbestand im Bodensee.

6 | Kormoran          In der Kormorandebatte des Ständerats von 2010 wurde vorgeschlagen, die Zahl der Brutpaare auf 200 zu limitieren. Weiter wurde das BAFU beauftragt, mit den Betroffenen eine Kormoran-Vollzugshilfe auszuarbeiten. Der Auftrag wurde aber nie erledigt. Der am Neuenburgersee ungebremst angestiegene Kormoranbestand hat im Jahr 2019 eine Fischmenge von 295 Tonnen aus dem See entnommen. Die Berufsfischerei erreichte einen Ertrag von 87 Tonnen. Die Kormorane fressen die Felchen, Egli, Hechte usw. durchwegs unterhalb der Fangmindestmasse, während die Berufsfischer zuwarten müssen, bis diese erreicht sind.

7 | Quagga-Muschel          Diese in der Schweiz einwandernde, vermehrungsfreudige Muschel bindet Phosphor und filtriert u. a. Zooplankton aus dem Wasser. Dadurch wird sich das N:P-Verhältnis und die Zooplankton-Futterkonkurrenz tendenziell noch verschärfen.

8 | Lösungsansatz          Die einseitig auf das Zudrehen der P-Schraube fokussierte Strategie muss ersetzt werden durch ein Ökosystem-orientiertes, ganzheitliches Nahrungsketten-Management.

9 | Standortbestimmung zur Fischerei          In der bundesrätlichen Standortbestimmung von 2019 fehlen die Stichworte N:P-Verhältnis, Kormoran und Nahrungsketten-Management. Mit dem Verschweigen dieser Themen vernebelte das fachlich zuständige BAFU seine Arbeitsverweigerung bei der Kormoran-Vollzugshilfe und seine Abneigung gegen das Nachjustieren der Politik im P-Bereich.

10 | Eingreifen des Parlaments          Das Parlament beurteilt die N-Elimination in den ARAs als ungenügend und verlangt eine rasche Verbesserung (Motion «Reduktion der Stickstoffeinträge bei ARAs»). Auch bei der Elimination der Mikroverunreinigungen (Pestizide, Medikamentenrückstände, usw.) gibt es Bewegung nach oben: Die Anzahl ARAs mit einer notwendigen vierten Reinigungsstufe wurde von anfänglich 100 auf 180 erhöht, allerdings mit wenig zeitlichem Druck (Baubeginn bis spätestens 2035).


Immer weniger Ertrag

 Die Schweizer Berufsfischer werden immer weniger. Keine Amtsstelle fühlt sich verantwortlich, um die Ursachen davon anzugehen.

Die Schweizer Berufsfischer werden immer weniger. Keine Amtsstelle fühlt sich verantwortlich, um die Ursachen davon anzugehen.

Innerhalb der letzten zwanzig Jahre sanken die Gesamterträge der Berufsfischerei auf die Hälfte, bei den Felchen auf einen Drittel (siehe Grafik). Die Fangmengen pro Betrieb sind derart gering geworden, dass ein betriebswirtschaftliches Überleben oft nicht mehr möglich ist. «Wir haben ein Mengenproblem», sagt Reto Leuch, Präsident des Berufsfischerverbands. Im traditionellerweise als Familienbetrieb organisierten Fischereigewerbe verzichten die Kinder auf eine Geschäftsübernahme. Entsprechend rasant schrumpft die Zahl der Fischereibetriebe: Im Jahr 2010 existierten noch über 300 Betriebe; gemäss dem Trend der letzten 30 Jahre werden im Jahr 2029 noch 164 und im Jahr 2039 noch 87 Fischereibetriebe vorhanden sein. Eine Trendwende für diese «Sterberate» ist derzeit nicht sichtbar.


Fangertrag Berufsfischerei  2000 - 2019


Halbierung der Fangerträge der Berufsfischerei innerhalb der Jahre 2000 bis 2019.
Gleichzeitiger Rückgang beim Felchenertrag um zwei Drittel.


Während andere Ökosystemleistungen der Seen wie Baden oder Trinkwassergewinnung in der Gewässerschutzgesetzgebung explizit verankert sind, ist die Ökosystemleistung «angemessener fischereilicher Ertrag» nirgendwo festgeschrieben. Deshalb fühlt sich bei Bund und Kantonen auch niemand richtig zuständig, beispielsweise für ein neuartiges Nahrungsketten-Management (vgl. Seite 50). Einziger Lichtblick: In einer im Jahr 2020 gegründeten «Plattform Seenfischerei» wollen Fischer und Fischereifachstellen nach Erklärungen und Lösungen suchen.

Wenn ein Fischereibetrieb eingeht, bleibt die frei­werdende Seefläche ungenutzt. Insgesamt sinkt deshalb der Befischungsdruck, was neben den häufig halbleeren Netzen den gesamtschweizerischen Fischereiertrag zusätzlich reduziert.


Kormoran

 Die Kormorane entnehmen mittlerweile gesamthaft mehr Fische aus den Schweizer Seen als die Berufsfischer. Besonders extrem ist die Situation am Neuenburgersee.

Die Kormorane entnehmen mittlerweile gesamthaft mehr Fische aus den Schweizer Seen als die Berufsfischer. Besonders extrem ist die Situation am Neuenburgersee.

In der Schweiz brüteten im Sommer 2019 gegen 5000 Kormorane (2479 Nester). Diese entnahmen 1200 Tonnen Fischbiomasse aus den Seen und überholten damit den auf 1000 Tonnen abgesunkenen Berufsfischerei-Ertrag. Ganz extrem zeigt sich die Situation am Neuenburgersee, wo über 1000 Brutpaare nisten. Dort wurden im Jahr 2019 von Berufsfischern und Kormoranen zusammen 381 Tonnen Fisch entnommen (17,7 kg/ha). Davon gingen 77 % auf das Konto der Kormorane, während die Berufsfischerei zu einem Juniorpartner mit lediglich noch 23 % der entnommenen Fischbiomasse degradiert wurde. Der Berufsfischerei-Ertrag im Neuenburgersee, der im Jahr 2000 noch bei 15 kg/ha lag, ist mit zunehmender Kormoranpräsenz stets gesunken und erreichte im Jahr 2019 noch 4 kg/ha. Nur in den extrem nährstoffarmen und steilufrigen Gewässern Brienzer- und Walensee liegen die Erträge noch tiefer.


Gleiche Beutefische bei Kormoran und Berufsfischern

Die 549 untersuchten Mägen von Kormoranen, die an verschiedenen Schweizer Seen erlegt wurden, zeigen folgendes Nahrungsspektrum: weit über 1000 Stichlinge, 435 Egli, 252 Rotaugen, 106 Felchen, 81 Hechte und vereinzelte Fische von 18 weiteren Arten. Neben dem Futterspektrum interessiert der Anteil der Kormorane, die mindestens ein Exemplar der «Brotfischarten» der Berufsfischer im Magen hatten: 17,4 % der Kormorane hatten Egli im «Tagesmenu», 16,5 % Felchen und 15,0 % Hecht. Weiter sind die Gewichte der gefressenen Fische zu erwähnen: 185 g mittleres Stückgewicht bei den Hechten, 164 g bei den Felchen und 18 g bei den Egli. Daraus lässt sich Folgendes ableiten:

Die gesamtschweizerische Anzahl Kormorantage («konsumierte Tagesmenus») lässt sich aus der landesweiten
Januar-Wasservogelzählung, der Anzahl Brutpaare und aufgezogenen Jungvögel sowie der November-Wasservogelzählung abschätzen. Diese Zahlen ergeben für das Jahr 2019 eine von den Kormoranen entnommene Fischmenge von 140 Tonnen für Felchen, Egli und Hecht (ohne Rotaugen usw. und ohne Futterbedarf der Jungvögel). Zum Vergleich: Der gleichzeitige gesamtschweizerische Berufs­fischerei-Ertrag dieser drei Arten lag bei rund 800 Tonnen.

Die Beutefische von Berufsfischern und von Kormoranen sind weitgehend gleich; die vom Kormoran entnommenen Fischgrössen sind aber kleiner: Im Vergleich zum Berufsfischer werden Felchen und Hechte um einen Jahreszuwachs früher «geerntet», die Egli zwei Jahre früher. Die Kormorane verursachen deshalb eine «Wachstumsüber­fischung», d. h. wenn die Fische länger wachsen könnten, würde der Summeneffekt aus Gewichtsgewinn dank Wachstum und aus Verlust wegen Sterblichkeit zu einem insgesamt viel grösseren Gesamtertrag führen.

Der Berufsfischer ist an ein Fangmindestmass respektive eine Netzmaschenweite gebunden. Aber der konkurrenzierende Nutzer Kormoran erntet die Fische, bevor sie in die Netze des Berufsfischers hineinwachsen. Ohne Anwesenheit des Kormorans würden deshalb nicht nur die erwähnten 140 Tonnen Kormoran­futter grossenteils in den Berufsfischer-Netzen landen − zusätzlich würden diese Kormoranfutter-Fische mit einem viel grös­seren Stückgewicht gefangen. Beim Stichwort Futterkonkurrenz müssen deshalb die 800 Tonnen Berufsfischerei-Ertrag mit einem Kormoranfrass-Schaden verglichen werden, der weit über den 140 Tonnen der von den Kormoranen gefressenen Berufsfischer-«Brotfischarten» liegt.


«Netto-Null» für den Export von Kormoranen

«Netto-Null» ist der Slogan der Umwelt- und Fischereiministerin Sommaruga für die CO2-Emissionen der Schweiz. Dieser Slogan sollte auch für Kormorane gelten. Denn es ist unhaltbar, dass ganz Europa unter einem Kormoran-Überbestand leidet und der Schweizer «Beitrag» zur Problemlösung darin besteht, dass wir jedes Jahr 4500 Kormorane exportieren. Denn wir produzieren jedes Jahr über 6000 ausfliegende Jungvögel und erlegen 1500 Kormorane.

Die seit über zehn Jahren beim BAFU pendente «Kormoran-Vollzugshilfe» muss neben dem «Netto-Null» für Kormorane auch auf Folgendes hinweisen: Beim Kormoran handelt es sich um einen Klimawandel-Profiteur, wobei anfänglich vorwiegend die Männchen profitierten, da sie um 20 % schwerer und damit winterhärter sind als die Weibchen. So wurde aus einem einst seltenen Durchzieher ein Brutvogel – letztlich als Folge einer Umweltschädigung. Weiter lässt die Tatsache, dass der Kormoran innerhalb sehr kurzer Zeit eine dominierende Rolle in der Futterkette der Seen erobern konnte, auf vorhandene invasive Eigenschaften schlies­sen. Ein angemessenes Wildtier-Management ist dringend notwendig: Im Ständerat wurde im Jahr 2010 eine Limitierung auf 200 Brutpaare vorgeschlagen (entsprechend dem Stand von 2006).


Nährstoffe Phosphor (P), Stickstoff (N) und deren Verhältnis (N:P)

 Die giftige Burgunderblutalge tritt wegen des zusehends unausgewogenen Verhältnisses von Stickstoff und Phophor immer häufiger auf.

Die giftige Burgunderblutalge tritt wegen des zusehends unausgewogenen Verhältnisses von Stickstoff und Phophor immer häufiger auf.

Sobald im Frühling genügend Licht und Temperatur im See vorhanden sind, beginnt der See zu produzieren: Die Algen wachsen, nehmen dabei Nährstoffe auf und befeuern die Nahrungskette, an deren Ende die Fische stehen. Ein Teil des produzierten Planktons sinkt auf den Seeboden ab. Im tiefen Seebereich entsteht deshalb jedes Jahr eine Anreicherung des wichtigen Nährstoffs Phosphor.

Während der Winterzirkulation des Seewassers wird dieser Phosphor aus der Tiefe wieder in die Oberflächenschicht zurückgeführt − ein natürlicher, sich jährlich wiederholender Kreislauf. Wenn aber der Klimawandel das Oberflächenwasser stärker als in früheren Jahren aufwärmt, beginnt die winterliche Zirkulation später und bleibt möglicherweise unvollständig. Dadurch entsteht die Gefahr, dass der im tiefen Seebereich vorhandene Phosphor nicht in die Oberflächenschicht zurückkommt. Folglich haben die Algen im nächsten Frühling weniger Nährstoffe. Weniger Zirkulation bedeutet auch, dass weniger Sauerstoff in die oft sauerstoffarmen, tiefen Wasserschichten gelangt.


Erfolgreiche Gewässerschutzpioniere

Bis in die 1970er-Jahre führte die künstliche Nährstoffzufuhr aus häuslichem Abwasser und aus der Landwirtschaft zu einer zunehmenden Überdüngung der Schweizer Seen. Die eutrophierten Seen reagierten mit einer riesigen Produktion von Algen. Dies befeuerte zwar die Nahrungskette und liess den Fischbestand anwachsen. Aber im Tiefenwasser, wo die absinkenden Algen abgebaut wurden, entstand Sauerstoffarmut. Dies bedeutete für alle Fischarten, deren Fortpflanzung oder Leben auf sauerstoffreiches Tiefenwasser angewiesen ist, eine Katastrophe.

Mit der zunehmend flächendeckend eingeführten Abwasserreinigung wurde der Kampf gegen die Eutrophierung aufgenommen – mit der simplen Strategie: Phosphor-Schraube zudrehen. Heute entsprechen die meisten Seen der rechtlichen Vorgabe, wonach der Nährstoffgehalt «höchstens eine mittlere Produktion von Biomasse zulassen» darf.


Phosphor-Schraube teils unwirksam bis kontraproduktiv

Im Sommer 2015 sorgte der phosphorarme Bodensee für folgende Zeitungsmeldung: «Der flächenmässig drittgrösste See Europas leuchtet seit einigen Tagen in schillerndem Türkis-Grün und sorgt für ‘Karibik-Flair’.» Offenbar können auch nährstoffarme Gewässer phasenweise viel Algen produzieren, wenn sich eine an Nährstoffarmut angepasste Algenzusammensetzung bildet. Deshalb erstaunt es nicht, dass die Seenforscherin Orlane Anneville vom Seeninstitut INRA am Genfersee eine kürzlich erschienene Publikation mit «The paradox of re-oligtrophication» betitelte. Darin beleuchtet sie die paradoxe Situation, dass das Zudrehen der P-Schraube auch zu mehr anstatt zu weniger Algenproduktion führen kann. Es ist klar: Bei Phosphorwerten unterhalb von 10-15 mg/m3 ist die P-Schraube weder effektiv noch in ihrer Wirkung prognostizierbar. Das frühere Seen-Magagement mit dem Dreisprung «weniger P  weniger Algenproduktion  mehr Sauerstoff am Seegrund» muss deshalb ersetzt werden durch ein Ökosystem-orientiertes, ganzheitliches Nahrungsketten-Management, d. h. es interessiert nicht nur, wieviel Phosphor die Nahrungskette befeuert, sondern auch, was damit in der Nahrungskette passiert.

Aber kritische Bemerkungen zur fragwürdigen Wirksamkeit der P-Schraube werden derzeit in der Schweiz noch massiv bekämpft. Beispielsweise, wenn die Berufsfischerei Folgendes verlangt: Die wenigen Dutzend ARAs, die das gereinigte Abwasser in einen See einleiten, sollen dieses Abwasser nicht mit einer Tiefenwassereinleitung in grosser Seetiefe versenken, sondern es mit einer «Epilimnion-Klappe» ins Oberflächenwasser einleiten (bei Normalbetrieb). Und weiter sagen die Fischer, dass es für diese wenigen ARAs genügen sollte, die festgelegte 80 %-P-Reinigungsleistung bloss zu erfüllen, anstatt sie mit 95 % oder mehr zu übertreffen.


N:P-Verhältnisse fördern Blaualgen

Die zugedrehte P-Schraube (hohe P-Reinigungsleistung in den ARAs) führt in den Seen zu unnatürlich hohen N:P-Verhältnissen, da die ARAs beim Stickstoff eine Reinigungsleistung von weniger als 50 % aufweisen und viel Stickstoff aus der Landwirtschaft in die Gewässer gelangt.

Dies hat Folgen für die Burgunderblutalge (Planktothrix rubescens, Blaualge resp. Cyanobakterium). Bereits im Jahr 2012 zeigte Thomas Posch von der Limnologischen Station der Universität Zürich in einer Publikation, dass im Zürichsee das N:P-Verhältnis vom natürlichen Zustand (bei 16:1) auf 85:1 angestiegen war und dass dies mit einer Zunahme der Burgunderblutalge korreliert. Planktothrix kann sehr hohe Biomassenanteile erreichen, ist aber wegen seiner fädigen Struktur vom Zooplankton kaum verwertbar. Letztlich fördert die heutige Gewässerschutz-Strategie einen Organismus, der für die Nahrungskette (Futter für Zooplankton) «nutzlos» ist und zeitweise sogar toxisch wirkt. Wie bei normalen Algen wird beim Absterben in der Seetiefe Sauerstoff verbraucht. Planktothrix war auch im Neuenburgersee im Sommer 2020 in grosser Dichte vorhanden und führte zu ein paar toten Hunden und einem temporären Badeverbot.

Herwig Stibor von der Universität München beschäftigt sich mit den negativen Auswirkungen von unnatürlich hohen N:P-Verhältnissen auf die Nahrung der Felchen. Die Bakterien, Algen, Zooplankter usw. stehen in einer andauernden Überlebenskonkurrenz. Welche Arten sich jeweils durchsetzen, hängt stark vom vorhandenen N:P-Verhältnis ab. Bei hohen N:P-Verhältnissen nimmt die Menge der P-reichen Zooplankter ab (weniger Cladoceren, wozu die Daphnien gehören). Als Folge davon fehlt den Felchen zeitweise die Nahrung in genügender und geeigneter Form. Entsprechend sind dann die Fischmägen häufig leer und das Wachstum reduziert.


Parlament verbessert indirekt das N:P-Verhältnis

Das Parlament verlangt vom Bundesrat, dass die Stickstoffmengen, die aus den ARAs in die Gewässer gelangen, rasch reduziert werden (Mo. 20.4261 vom 13.10.2020). Denn in Deutschland und Österreich liegt die N-Reinigungsleistung der ARAs bei 75 %, in der Schweiz aber nur bei 47 %. Die anvisierte Erhöhung der N-Reinigungsleistung läuft bisher unter der Zielsetzung «weniger Nitrat-Eintrag ins Grundwasser». Wie rasch und wie weit diese Massnahme auch das N:P-Verhältnis in den Seen verbessern kann, ist noch unklar. Am 15. Juni 2021 hat der Ständerat als Zweitrat der Motion zugestimmt. Damit hat der Bundesrat den Auftrag, die Gewässerschutzverordnung entsprechend anzupassen.



Der Autor


Erich Staub ist einer der Gewässerschutz- und Fischerei-Pioniere des BAFU. Er war mitbeteiligt, als im Jahr 1986 die Phosphate in den Waschmitteln und im Jahr 2003 der Austrag von Klärschlamm auf den Feldern verboten wurde. Er ist ein entschiedener Verfechter einer ganzheitlichen Sicht beim Seen-Management, d. h. man darf in den wieder nährstoffarmen Seen nicht einfach nur auf den Phosphor fokussieren (die Phosphorschraube zudrehen). Vielmehr muss man die ganze Nahrungskette, inklusive die Ökosystemleistung «Fischereiertrag» der Seen, im Auge behalten. Der Gewässerschutz muss deshalb dringend auf ein gesamtheitliches Nahrungsketten-Management umschwenken; das N:P-Verhältnis und der Biomassefluss in die Richtung der Kormorane muss viel mehr interessieren, als dies heute der Fall ist.

 

5 Kommentare


Billo Heinzpeter Studer

05 | 07 | 2021

Danke für diesen aufschlussreichen Beitrag!


Robert Bachofner

07 | 07 | 2021

Ich schliesse mich Heinzpeter Studer an! Nur, wird sich so schnell nichts zum Besseren ändern, da sich die Schweizer ja weiterhin sogar mit Pestizidhaltigem Trinkwasser vergiften wollen….


Hubert Wnuck

07 | 07 | 2021

Sehr guter Bericht. Die aussterbende Fischerzunft wir von Politikern, nicht nur in der Schweiz sondern in ganz Europa, nicht gehört.


Elke Dilger

14 | 07 | 2021

Danke für den interessanten Artikel. Der Wildfisch und seine Zukunft, auch als hochwertiges und mit Tierwohl herangewachsenes Lebensmittel für uns Menschen sollte in der Zukunft mehr beachtet und betrachtet werden. Die Forschung ist gefordert, die Berufsfischer auch in Deutschland hoffen auf eine gute Entwicklung.


Lukas Baumann

21 | 07 | 2021

Herr Staub spricht in seinem Beitrag die Problematik des N:P Verhältnisses an. Diesem müsste auf jeden Fall mehr Beachtung geschenkt werden. Trotzdem finde ich es verwunderlich, dass er sich hier auf die Kläranlagen fokussiert und nur gerade in einem Nebensatz auf die Rolle der Landwirtschaft eingeht, welche für rund zwei Drittel des Stickstoffeintrags in unsere Gewässer verantwortlich ist.

Bei der Sache mit dem Kormoran büsst er leider viel an Glaubwürdigkeit ein.
Er lässt nichts unversucht den verursachten Schaden möglichst hochzurechnen, doch mit welchem Ziel?
Der Vorwurf, das der Vogel sich nicht an gesetzliche Mindestfangmasse hält, scheint noch amüsant, doch wenn hier erneut das 200-Brutpaare Ziel genannt wird, frage ich mich dann endgültig wo der Realitätssinn des Autors geblieben ist.
Wer nach der Abstimmung zum Jagdgesetz glaubt ein Politiker würde ernsthaft in Erwägung ziehen 90% der Kormorane aus der Schweiz zu entfernen, lebt in einer Traumwelt. Zumal die inländische Berufsfischerei gerade mal für knapp 1.5% des produzierten Fisches verantwortlich ist, von den allenfalls ein paar hundert Arbeitsplätzen gar nicht zu sprechen. Wenn man etwas erreichen will muss man die Sache anders angehen - Wo bleiben die neuen Ideen?!

Zum Schluss fällt es mir als Hobbyfischer dann auch schwer mich uneingeschränkt mit den Berufsfischern zu solidarisieren. Klar - Wir haben sehr viel gemeinsam, aber wenn ich sehe wie von Anfang März bis Ende April vor jeder Krautbank ein Grundnetz steht, dann frage ich mich ob wir wirklich die gleichen Vorstellungen von Hege haben. Auch sollte, sobald in einem Gewässer die Naturverlaichung klappt, der Laichfischfang eingestellt und die Laichgründe geschützt werden. Oft kommt da dann aber starker Widerstand der Berufsfischer.


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