Immer Ärger mit dem Kormoran
27 | 08 | 2020 SchweizText & Fotos: Nils Anderson 0116
27 | 08 | 2020 Schweiz
Text & Fotos: Nils Anderson 0 116

Immer Ärger mit dem Kormoran

Die Kormoranschwärme sorgen auch diesen Sommer wieder für Unmut. Die Populationen sind an zahlreichen grossen Seen der Schweiz grösser denn je und die Fischbestände stehen kurz vor dem Zusammenbruch, trotzdem wird das Problem vielerorts noch immer nicht ernst genommen.

Es sind quälend lange Videos, die auch diesen Sommer auftauchten; Hundertschaften von Kormoranen steuern zusammen eine Bucht an und versammeln sich auf dem Wasser, um gemeinsam Jagd zu machen. Am Lago di Lugano, am Bodensee, am Genfersee, am Bieler- und Neuenburgersee – überall ähneln sich die Bilder der riesigen Schwärme. Ausgangspunkt und Rückzugsort der Kormorane sind fast immer die gewässernah gelegenen Vogelschutzgebiete, wo den Vögeln keine Gefahr droht, da dort eine Vergrämung kategorisch bekämpft wird. 

 
Einbruch der Fischbestände

Die Wassermassen des Neuenburger-, Boden- oder Genfersees sind bekanntermassen gewaltig, es sind richtige Binnenmeere. Und noch vor einigen Jahren hatte es ebenso gewaltige Fischbestände. Die Schwärme von Egli und Weissfischen waren teils kilometerlang. Wer damals am Neuenburgersee auf Hecht schleppte, durfte mit mehreren Hechten über einen Meter pro Ausfahrt rechnen. Damit, und da ist sich die überwältigende Mehrheit der langjährigen Fischer einig, ist es mittlerweile vorbei. Wer seinen See seit Jahrzehnten kennt, der kann den Fischbestand zwar nicht wissenschaftlich standardisiert und objektiv beweisbar beziffern, aber aufgrund seiner Erfahrung sehr wohl genau einschätzen. Bei den gewaltigen Kormoran-Populationen von zeitweise an die 2000 Vögel am Neuenburgersee müssen wir im Übrigen auch nicht darüber streiten, ob jetzt ein Vogel 150 Gramm oder 700 Gramm Fisch pro Tag frisst. Wenn der Berufs­fischer an einem guten Tag zehn Kilo Felchen fängt, wird die Relation augenfällig.

«Seit 2001 ist die Art am Neuenburgersee heimisch», wusste Samuel Furrer in den Freiburger Nachrichten am 28.9.2019 über den Kormoran zu berichten. Dem Kormoran hingegen dürfte es egal sein, wo er eigentlich heimisch ist oder sein sollte; er zieht – sofern nicht gerade gebrütet wird – weiter und kommt wieder zurück, je nach Futterangebot.

 
Kein Verständnis für die Fische

Man hat immer Mühe damit, wenn sich der Freund als Wolf herausstellt, das gilt auch für den Vogelschutz. Da werden für den Fischrückgang sofort alle anderen Faktoren ins Spiel gebracht: Klimawandel, Abwässer und Mikroplastik, die Natur an und für sich, der felchenfressende Hecht (!), und überhaupt, es könne gar keine Aussage über den Bestand an Fischen gemacht und folglich auch nicht bewiesen werden, dass die Grösse einer Kormoran-Population einen Einfluss auf den Fischbestand habe. Es ist genau dieses Vorhalten der nicht abschliessend bewiesenen Tatsachen, mit der sich die Tabakindustrie gegen den Krebsverdacht von Zigaretten wehrte oder sich das BAFU gegen den Besatz der Regenbogenforelle in Fliessgewässern stemmt. 

Was bei der schiefen Argumentation der Kormoranfreunde besonders befremdet, ist das Verständnis für das Leben unterhalb der Wasseroberfläche. «Die Fische im See gehören niemandem. Folgt der Kormoran also seinem natürlichen Jagdtrieb, so schadet er damit auch niemandem», schlussfolgert Furrer im oben zitierten Artikel. Dies ist in etwa so differenziert, wie wenn man Vögel einfach als Vögel betrachtet, im Sinne von: Was kümmert mich der Mauersegler oder die Amsel, so lange es Krähen gibt? Natürlich kann der Schaden an einem Allgemeingut nicht einfach quantifiziert werden. Aber darum geht es auch nicht. Es geht hier um einen Prädator, der so zahlreich geworden ist, dass sein Einfall die Bewohner der Gewässer massiv stresst und ein ganzes Ökosystem durcheinander bringt. Man stelle sich vor, es würden hundert Waschbären auf der Suche nach Vogeleiern ins Fanel eindringen …

 
Verheerende Kombinationen

Nun ist es tatsächlich nicht so, dass einfach nur der Kormoran schuld ist. Und anders als uns Fischern gerne unterstellt wird, wollen wir den Kormoran auch nicht ausrotten. Niemand will das Fanel mit Flinten stürmen, doch ob diese Menge von Kormoranen der ornithologischen Vielfalt zuträglich ist und wieviele Bäume nebenher kaputt gehen, darüber kann nur gemutmasst werden.

Neuenburger- und Bielersee haben die Voraussetzungen zu extrem produktiven Gewässern und die Klima­erwärmung dürfte dieser Produktivität eigentlich noch zuträglich sein, zumal ein Grossteil der Fisch-Biomasse Weissfische und Egli sind, die, ebenso wie der Hecht, weder mit einem Mehr an Nährstoffen, noch mit wärmeren Temperaturen grössere Probleme zeigen. Durch den verminderten Nährstoffeintrag wird das Wasser jedoch immer klarer, was dem Kormoran als Sichtjäger ein willkommener Vorteil ist. 

Ein weiteres Problem: Die flachen Buchten des Bieler- und Neuenburgersees waren einst Sommer für Sommer voller Jungfische, doch seit einigen Jahren räumen die Gänsesäger regelmässig mit der Fischbrut auf. Auch die Berufsfischer des Neuenburgersees glänzten nicht immer mit besonderer Weitsicht. Mag sein, dass das Zurückwerfen der Eingeweide den Frassdruck durch die Kormorane auf die Fischpopulation mindern mag, wohl aber wahrscheinlicher ist, dass damit nur noch mehr Kormorane angelockt wurden. Es war wohl einfach eine besonders bequeme Art der Entsorgung. 

 
Wie bei der Bachforelle?

Handeln könnten in erster Linie die Kantone, sie können Abschüsse oder Vergrämungsmassnahmen erlassen. Der Kanton Bern liess in den letzten Jahren jeweils gegen 300 Kormorane schiessen, während es die Kantone Freiburg, Neuenburg und Waadt zusammen auf etwa 50 Abschüsse brachten. Der Aufschrei der «Vögeler» folgte denn auch prompt, von einer «Kormoran-Hysterie» war zu lesen und dass die Abschüsse weiss Gott was für Probleme bewirken würden. Wäre beim BAFU der entsprechende Wille vorhanden, könnte das Amt eine Empfehlung dazu abgeben. Doch wird dort offenbar die dokumentarische Präzision dem aktiven Eingriff in eigentlich jedem Fall vorgezogen. 

Für die meisten Fischer an den Jura-Alpenrandseen ist klar, dass der Zusammenbruch der Fischbestände, insbesondere am Neuenburgersee, die Fischerei für mindestens ein Jahrzehnt prägen wird und man sich neu orientieren muss. Es ist fast vergleichbar mit der Situation der Bachforellenfischerei. Konnte noch vor 40 Jahren jeder Bachforellenfischer bedenkenlos seine fünf, sechs Fische pro Gang ans Wasser entnehmen, so ist dies heute kaum mehr denkbar. Im See dürfte die Zeit der Hobbyfischer, die pro Jahr mehrere hundert Felchen oder über 1000 Egli entnehmen, vorbei sein. Auch der quasi gewerbsmässige Verkauf von Hechten und Seeforellen durch «Hobbyfischer» an Restaurants sollte eigentlich der Vergangenheit angehören; Fischverkauf sollte ausschliesslich dem Berufsfischer vorbehalten sein. Wir können noch ans Wasser gehen und entnehmen, was wir verwerten können.

Die Fische im See gehören sich selbst.

 Das Fanel am Nordende des Neuenburgersees beherbergt zur Zeit die grösste Kormoran-Population der Schweiz.

Das Fanel am Nordende des Neuenburgersees beherbergt zur Zeit die grösste Kormoran-Population der Schweiz.

 Werden Bäume vom Kormoran in Beschlag genommen, gehen sie in wenigen Monaten ein.

Werden Bäume vom Kormoran in Beschlag genommen, gehen sie in wenigen Monaten ein.


Der Schweizerische Fischerei-Verband verlangt endlich Massnahmen gegen die Kormoran-Invasion

Der Geduldsfaden ist beim Schweizerischen Fischerei-Verband bezüglich Kormorane endgültig gerissen. «So kann es nicht weiter­gehen», steht in einem Faktenblatt, das der Delegiertenversammlung Ende August vorgelegt wird.

Kurt Bischof – Das Fass zum Überlaufen gebracht hat der unverständliche Gerichtsentscheid des Thurgauer Verwaltungsgerichts. Der Schweizerische Fischerei-Verband SFV fordert die nationalen und kantonalen Behörden auf, endlich aus der Lethargie zu erwachen. Der SFV wird alle rechtlichen und politischen Mittel prüfen – und ergreifen! Es ist höchste Zeit, dass das Wegschauen der Behörden beim Kormoran aufhört. In der Pflicht steht in erster Linie das Bundesamt für Umwelt. «Wir haben uns lange genug vertrösten lassen und mussten zusehen, wie der Kormoran viele, auch geschützte Fischarten wie die Äschen brutal wegfrisst», sagt SFV-Zentralpräsident Roberto Zanetti.

 
Die tödliche Fresslust

Damit spricht Zanetti das Kernproblem an. Im Jahr 2017 haben Kormorane 900 bis 1000  Tonnen Fische aus Schweizer Flüssen und Seen gefressen (Quelle «Petri-Heil»). Das ist vergleichsweise viel, wenn man bedenkt, dass die Berufs- und Angelfischer gemeinsam im gleichen Jahr 1751 Tonnen entnommen haben. Unglaublich! Das liegt einerseits am grossen Tagesbedarf von bis zu 500 Gramm pro Vogel und an den hohen Winterbeständen, die in den letzten Jahren laufend gewachsen sind. 2019 überwinterten gemäss Vogelwarte Sempach mehr als 6230 Kormorane in der Schweiz. Besonders schwerwiegend ist jedoch die Zunahme der Brutbestände. Waren diese im Jahr 2000 noch nicht existent, wurden 2019 in der Schweiz bereits 2400 Brutpaare gezählt. 

Diese Zahl muss naturaffine Zeitgenossen aufschrecken. Es kann nicht sein, dass der Kormoran als «zugewanderter» Vogel sich ungehindert breit macht und bedrohte Fischarten auf der roten Liste wegfrisst. Das betrifft insbesondere die Äsche, die in ihrem Bestand gefährdet ist. 

 
Wo ist der Konfliktlösungsausschuss?

Der SFV fordert das Bundesamt für Umwelt BAFU ultimativ auf, endlich zu erwachen und bei der Kormoran-Plage die Verantwortung als – glaubwürdige - Umweltbehörde wahrzunehmen. Das ist kein populistischer Vorwurf. Im Gegenteil: Seit Jahren döst der «Massnahmenplan Kormoran» (2005) des BAFU vor sich hin und ebenfalls seit Jahren hätte das BAFU den parlamentarischen Auftrag, eine «Vollzugshilfe Kormorane» in Kraft zu setzen, um die Probleme anzugehen. Im «Massnahmenplan Kormoran» sind klare Leitplanken festgelegt: Es müsste ein sogenannter Konfliktausschuss einberufen werden, wenn eines der folgenden Kriterien eintrifft: 

Mehr als fünf Kormoran-Brutkolonien in der Schweiz oder mehr als zwei an einem See oder in einem Kanton.
Mehr als 100 Brutpaare in der Schweiz 
Hohes Ausmass von Netzschäden durch Kormorane in der Berufsfischerei.
Der Ausschuss besteht aus Vertretern des BAFU, der Vogelwarte und des SFV. «Alle diese Kriterien sind seit Jahren erfüllt, aber wo ist der Konfliktlösungsausschuss?», ärgert sich SFV-Geschäftsführer Philipp Sicher. «Wir verlangen, dass endlich gehandelt wird.»

 
«Wir werden kämpfen»

Das Thema ist dramatisch genug, weshalb der SFV bereits erste Beschlüsse gefasst hat. Die Geschäftsleitung hat die nötigen Finanzen genehmigt, damit ein Kompetenzteam mit Sachverständigen gebildet werden kann, das zügig einen Strauss von rechtlichen und politischen Massnahmen ausarbeiten wird – auch im Zusammenhang mit den unverständlichen Beschwerden von Birdlife gegen die Abschussbewilligungen im Hochrhein in den Kantonen Thurgau und Schaffhausen. 

0 Kommentare


Keine Kommentare (Kommentare erscheinen erst nach unserer Freigabe)


Schreibe einen Kommentar:

Zurück zur Übersicht

Das könnte Dich auch interessieren:


Anzeige