Köderfarben[ – Vier für alle Fälle]
18 | 12 | 2019 PraxisText & Fotos: Matze Brauch 0284
18 | 12 | 2019 Praxis
Text & Fotos: Matze Brauch 0 284

Köderfarben – Vier für alle Fälle

Kaum ein Ausrüstungsdetail sorgt unter Spinnfischern für mehr Gesprächsstoff als die Köderfarbe. Matze Brauch hat lange und akribisch herumexperimentiert. Am Ende steht eine verblüffend einfache und sinnvolle Aussage.

Wir Fischer sind mehrheitlich bestrebt, alles bis ins kleinste Detail zu erforschen. So wollten wir beispielsweise wissen, warum der braune Gummifisch besser als der grüne gefangen hatte. In der Folge tauchten Menschen mit Farbtafeln ins tiefe Wasser ab, um zu sehen, wie sich unsere bekannte Farbwelt unter Wasser verändert und was das im Umkehrschluss für unsere Auswahl an Farbdekoren über Wasser bedeutet. 

Das Problem: Die Erkenntnisse entstanden alle aus der Sicht eines Menschenauges. Das farbliche Sehvermögen eines Fischs unterscheidet sich jedoch von dem eines Menschen. Bekanntlich befindet sich der Mensch in einem anderen Medium (Luft) als Fische (Wasser). Die Augen haben sich folglich unterschiedlich entwickelt und jeweils auf ihre Bedingungen spezialisiert. Viel wissen wir noch nicht über das Fischauge. Doch ein paar Dinge stellten sich im Lauf der Zeit heraus: 

  • Fische haben die Fähigkeit, Farben zu sehen und zu unterscheiden.
  • Fische nehmen wahrscheinlich ein anderes Farbspektrum wahr als Menschen.
  • In einer Welt, in der es nur um Fressen und Gefressen-Werden geht, ist ein Fisch bestrebt, seine Nahrung und seine Fressfeinde frühzeitig zu erkennen, ohne selbst dabei erkannt zu werden.
  • Fische können in verschiedenen Altersstadien unterschiedliche Farbspektren wahrnehmen. Das bedeutet, dass Jungfische, die eine andere Nahrung als Alttiere zu sich nehmen, Farben in einem bestimmten Farbspektren-
  • Bereich erkennen können, diese Fähigkeit aber verlieren, wenn sie im fortgeschrittenen Alter auf andere Nahrung umstellen.
  • Farben können über Wasser sehr auffällig sein, aber unter Wasser völlig unscheinbar werden – und andersherum.
  • Fische kommunizieren über Farb­muster auf ihrem Körper.
  • Fische kennen keine Mode­erscheinungen bei Dekoren.


Auch ein paar Farb-Regeln im Bezug aufs Angeln haben sich herauskristallisiert:

  • Die Industrie bringt Farben für uns Angler heraus.
  • Die Köderfarbe ist dem Angler oft wichtiger als dem Fisch.
  • Es gibt nicht «die» eine Farbe für alle Bedingungen.
  • Fische sind nicht immer in einer Aktivitätsphase, deshalb sind unterschiedliche Farben in unterschiedlichen
  • Momenten manchmal der Schlüssel.

Ich habe anfangs nahezu jeden Hype mitgemacht. So füllten sich meine Boxen und irgendwann drohten sie, aus allen Nähten zu platzen. Das änderte sich, als ich mich mehr mit den Fischen und weniger mit Kaufempfehlungen beschäftigte. Einige Farben, so merkte ich schnell, werden einfach viel benutzt und fangen deshalb überdurchschnittlich viel («Die Köderfarbe ist dem Angler wichtiger als dem Fisch»). Wir müssen uns vielmehr fragen, warum ein Fisch überhaupt beisst. Das hat, aufs Wesentliche heruntergebrochen, vier Gründe. Und bei allen steht die Farbe keinesfalls an erster Stelle! 

1. UV-passive Farbe 2. UV-passive Farbe 3. Natürliche Farbe 4. Reizfarbe
z. B. Weiss, Blau-Weiss, Grün-Weiss, Pearl z. B. Motor­oil, Green-Pumpkin-Chartreuse z. B. Rotauge, Brauntöne, Schwarz, Wakasagi z. B. Chartreuse, Firetiger, Natural Perch




1
| Fische im Jagdmodus

Befindet sich der Fisch in einer aktiven Phase und ist er auf der Jagd, ist es wichtig, dass die Ködergrösse der Grösse der Beute entspricht. Ein jagender Räuber macht kaum Unterschiede in kleinen Farbnuancen, sondern konzentriert sich lieber auf das schnelle Aufsammeln einer ausreichend vorhandenen Nahrung. Sticht der Köder zu sehr aus der natürlichen Nahrung hervor, wird er nicht genommen – der Räuber ist ja nicht darauf angewiesen. 


2
| Nach der Laichzeit

Ist dagegen wenig Nahrung im Wasser, ändert sich die Situation wieder etwas. Das ist zum Beispiel nach der Laichzeit oder nach dem Winter der Fall. Zum Auffüllen seiner Ressourcen nimmt der Räuber gern alles auf, was ins Maul passt. Hunger und Konkurrenzdruck sorgen dafür, dass er den Köder nicht so kritisch beäugt oder gar prüft. Jetzt geht es mehr um Geschwindigkeit. Was ins Maul passt, das wird auch vehement attackiert. Zudem haben viele Räuber während ihrer Laichzeit eine gesetzliche Schonzeit genossen und so sind negative Erfahrungen mit scharfen Haken vielleicht auch schon in Vergessenheit geraten. Ein Köder, der jetzt auffällt, der wird auch fangen. Meine persönlichen Farbfavoriten sind sehr auffällig: Firetiger oder Weiss. 


3
| Der Reflex

Im Falle der völligen Inaktivität ergibt es keinen Sinn, sich an ein natürliches Beutetierchen zu halten. In dieser Phase wird auch das hundertste Rotauge vor dem Maul eines Räubers unbehelligt vorbeischwimmen dürfen. Er wird nicht aus Hunger beissen, wir müssen ihn also «triggern». In Gewässern mit wenigen Einständen sind meist die besten Ecken auch von den grössten Fischen besetzt und diese dulden kaum andere Artgenossen. Natürliche Köder, die die kannibalische Seite des Zielfischs durch Silhouette und Farbe ansprechen, sind jetzt erste Wahl. Nicht selten attackieren grössere Räuber jetzt Artgenossen, die sie vielleicht gar nicht fressen können. Funktioniert der Kannibalismus-Trick nicht, hänge ich mir einen laut rasselnden Störenfried in den Karabiner – zum Beispiel in Firetiger-Optik! Der Räuber wird das nervige Ding irgendwann verbeissen. Die Silhouette und das Bewegungsmuster des Köders machen den Räuber aufmerksam, die Farbe trägt dann dazu bei, dass er genervt zuschnappt. 

Neben dem Reflex, der durch Artgenossen oder Aggression ausgelöst wird, gibt es noch einen dritten. Der Biss als Resultat eines Schreckmoments. Dazu musst Du Dir folgende Situation unter Wasser vorstellen: Zwei etwa gleich grosse Räuber stehen scheinbar friedlich hintereinander. Der hintere Räuber, der sich zwar ausserhalb des visuellen Bereichs, aber doch im Bereich des Seitenlinienorgans befindet, bewegt sich auf einmal abrupt. Dann kann es beim vorderen Räuber zu einer Kurzschlusshandlung kommen – er dreht sich blitzschnell um und beisst den hinteren Räuber. Ein typisches Verhalten, wenn zwei etwa gleich grosse Hechte ein Winterrevier teilen oder wenn Rapfen beim Patrouillieren hintereinander herschwimmen. In diesem Fall spielt die Farbe natürlich keine Rolle. 

4 | Neugier

Fische wissen mit Sicherheit, dass es keine Firetiger-Rotaugen gibt. Schwimmt nun aber ein vermeintliches Lebewesen, passend in Grösse, Form und Bewegung in das Sichtfeld eines Räubers, so wird auch das Dekor erst einmal zur Nebensache. Fische können diese vermeintliche Nahrung nicht in die eigene «Hand» nehmen und dann entscheiden, ob sie fressbar ist. Jeder von uns hat schon mal Tränen vergossen, weil die Chili viel zu scharf war. Eben aus einem Grund: Neugier – klar ist sie scharf, aber wie scharf ist sie wirklich? Fischen geht es ähnlich. Sie erkennen bestimmt, dass unsere knallig-bunten Kunstköder keine gewohnte Beute darstellt, aber es könnte irgendwas Essbares sein. Deshalb nehmen sie das Stück Plastik, Gummi oder Holz ins Maul. Auch in diesem Fall spielt die letztendliche Farbe keine übergeordnete Rolle. Wichtig ist wieder nur, dass sich unser Köder wie eine vermeintliche Beute verhält und visuell aus der Rolle fällt. Dies kann auch ein natürliches Egli-Design sein, auch in einem See, in dem sonst keine Egli vorkommen. 

 Reizpunkte – wie hier am Kopf des Shads – können den Räuber zum Biss reizen. Nicht immer aus Hunger, sondern oft aus Aggression.

Reizpunkte – wie hier am Kopf des Shads – können den Räuber zum Biss reizen. Nicht immer aus Hunger, sondern oft aus Aggression.

 Jagen Egli eine konkrete Beute, sollte man diese in Form und Farbe imitieren.

Jagen Egli eine konkrete Beute, sollte man diese in Form und Farbe imitieren.

 Ein UV-aktiver Köder «tarnt» sich selbst gegen hellen Himmel im Flachwasser.

Ein UV-aktiver Köder «tarnt» sich selbst gegen hellen Himmel im Flachwasser.


Wichtige Farben

Auch wenn wir daraus schliessen können, dass die Lauftiefe des Köders, sein Laufverhalten und seine Silhouette in erster Linie entscheidend für den Fang­erfolg sind, müssen wir uns dennoch über die Farbwahl Gedanken machen. Sie kann die Fängigkeit eines Köders in vielen Situationen entscheidend verbessern – oder verschlechtern. In Fall 1 (Fisch im Jagdmodus) setze ich zum Beispiel auf natürliche Dekore, möglichst ähnlich zur Beute. Um in Fall 2 die meisten Fische zu fangen, verwende ich sehr auffällige Muster. Damit errege ich die Aufmerksamkeit der hungrigen Hechte schneller. Um den Reflex eines beissunwilligen Fischs (Fall 3) auszulösen, hänge ich mir ein natürliches Muster in den Karabiner, zum Beispiel die Imitation eines Artgenossen. Und Fall 4 erfordert zum Beispiel, wie auch nach der Schonzeit, eine sehr auffällige Farbe.

Auch die UV-Aktivität des Köders spielt eine Rolle. In klares (Flach-)Wasser dringt zum Beispiel viel Sonnenlicht ein; ein UV-aktiver Köder «tarnt» sich dadurch gegen den grellen Himmel und wird schlechter erkannt. Dann setze ich auf UV-passive Köder. Das bedeutet aber nicht, dass ich auf UV-aktive Köder total verzichte. Ich hatte mal eine interessante Beobachtung in einem Aquarium. Zwei Egli stritten sich um einen Unterstand. Dabei stupsten sie sich gegenseitig mit offenen Mäulern in die Seite oder nahmen die Brustflosse direkt ins Maul. In einem Labor­test fand ich heraus, dass besonders die Flossen mancher Fische unter UV-Licht stark leuchten. Mehr dazu findest Du im Infokasten «UV». Gummis mit UV-aktiven Bestandteilen im Dekor sollte man deshalb immer dabeihaben.


UV – Was ist das eigentlich?

Ein UV-aktiver Köder «tarnt» sich selbst gegen hellen Himmel im Flachwasser.
Das Sonnenlicht besteht aus Strahlen verschiedener Wellenlängen. Menschen können nur etwa die Hälfte der Strahlung, die die Erde erreicht, sehen. Das ultraviolette Licht beispielsweise bleibt für uns unsichtbar, da unser Auge nicht in der Lage ist, es wahrzunehmen. Dennoch ist UV-Strahlung ständig vorhanden, selbst nachts in deutlich geschwächter Form. Auch ist der Anteil des UV-Lichts in klarem Wasser deutlich grösser als in trübem. Und sehen Fische UV-Licht? Das ist leider nicht klar zu beantworten, bis jetzt konnte sich noch niemand mit einem Fisch unterhalten. Es gibt aber Hinweise darauf, dass Fische (je nach Art) Farben im UV-Bereich im Gegensatz zum Menschen wahrnehmen können. Ich selbst wollte wissen, wie Räuber ihre Beute sehen und betrachtete deshalb einige Fischarten mit einer UV-Kamera unter Wasser. Ich nahm an, dass alle optisch «verschwinden» würden – sie müssen sich ja tarnen. Doch ich wurde überrascht! Stinte beispielsweise sind UV-aktiv. Und Rotaugen-, Hecht-, Zander- und Egliflossen leuchten im UV-Licht.

 Ein UV-aktiver Köder «tarnt» sich selbst gegen hellen Himmel im Flachwasser.

Ein UV-aktiver Köder «tarnt» sich selbst gegen hellen Himmel im Flachwasser.

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