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| 23 | 01 | 2026 | Schweiz | |
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Der Schweizerische Fischerei-Verband (SFV) hat die Elritze als Fisch des Jahres 2026 gewählt, weil gerade ihr Beispiel zeigt, dass wir noch viel zu wenig über die Fische in unserem Land wissen. Vor allem, wenn sie klein und kulinarisch uninteressant sind. Das ist nicht nur ein Problem für den Gewässerschutz, sondern auch ein kulturelles Defizit. Neue Forschung zeigt, dass in der Schweiz nicht nur eine einzige Elritzenart lebt, sondern mindestens vier! Jede einzelne angepasst an ganz unterschiedliche Lebensräume vom Quellbach bis zum grossen See.
Dieses quirlige braune Gewimmel am Ufer, die weissen Bäuche und funkelnden Messingschuppen! All diese herzigen Fischli, die neugierig unsere nackten Zehen inspizieren, wenn wir sie im kalten Bergsee abkühlen. Das gehört zu den Schweizer Wanderfreuden wie die Alpenrose am Wegrand, der Munggenpfiff und der Duft von Cervelat über dem Feuer.
Trotz dieser Vertrautheit kennt kaum jemand den Namen dieser vorwitzigen Fischchen. Es sind Elritzen, nicht etwa Babyforellen, wie das gern vermutet wird. Diese leben zwar oft im selben Lebensraum, sind aber viel scheuer und ungesellig.
Ihr deutscher Name lautet Elritzen, in der Deutschschweiz nennt man sie je nach Region Butzli oder Bameli. In Bayern und Österreich hört man oft auch Pfrille.
Elritzen sind kleine, höchstens fingerlange Schwarmfische aus der Familie der Weissfische (Leuciscidae), die mit etwa 25 teilweise sehr häufigen Arten zu den ökologisch wichtigsten Fischgruppen der Schweiz gehört.
Anders, als die meisten ihrer Verwandten wie Rotauge, Laube oder Karpfen, die eindeutig warmes Wasser bevorzugen, sind Elritzen in dieser Beziehung enorm anpassungsfähig. Sie schätzen ebenfalls Temperaturen um die zwanzig Grad, aber sie können mühelos in viel kühlerem Wasser überleben. Das ermöglichte ihnen, sich bis über den Polarkreis hinauf auszubreiten. In der Schweiz bewohnen sie nicht selten als einzige Fischart Hochgebirgsseen auf mehr als 2500 Metern über Meer.
Nur ganz wenige Süsswasserfische auf diesem Planeten sind natürlicherweise noch weiter verbreitet als die Elritzen. Ihre Schwärme findet man von Irland im Westen bis zum zwölftausend Kilometer entfernten Grenzfluss Amur zwischen Ostsibirien und China. Die südlichsten Elritzen-Populationen leben am 40. Breitengrad, zum Beispiel in Spanien und Griechenland.
Elritzen kommen in einer Vielzahl von Gewässerlebensräumen zurecht: Vom Wiesenbächlein bis zu den Uferzonen grosser Ströme, in Moortümpeln und riesigen Seen, ja sogar im Brackwasser der Ostsee.
Was die Verbreitung der Elritzen einschränkt, sind starke Strömung und Wanderhindernisse. Sie bevorzugen klares, sauerstoffreiches und flaches Wasser, das sich rasch aufwärmt. In Seen und grossen Fliessgewässern halten sie sich deshalb mit Vorliebe in der Uferzone auf.
Elritzen schätzen kiesigen oder felsigen Gewässerboden mit vielen Versteckmöglichkeiten. Wasserpflanzen und Totholz im Wasser ziehen sie magnetisch an. Kein Wunder! Sie sind eine begehrte Beute überall, wo immer sie vorkommen und müssen immer auf der Hut sein.
Vor allem in höheren Lagen und nördlichen Breitengraden sind Elritzen ein wichtiger Teil der Nahrungskette. Nicht nur für Forellen, Saiblinge und Hechte, sondern auch für so unterschiedliche Räuber wie Libellenlarven, Wasserspitzmäuse und Fisch fressende Vögel.
Der wirkungsvollste Schutz der Elritzen ist das Leben im Schwarm. Das hektische Gewimmel verwirrt ihre Fressfeinde und jedes Mitglied profitiert davon, dass tausend Augen viel mehr sehen als zwei. Elritzen haben zudem ein biochemisches Warnsystem entwickelt (siehe Box links oben).
Im Winter halten sich die Elritzenschwärme gern in etwas tieferen Bereichen mit wenig Strömung auf und reduzieren die Aktivität. In so einer heiklen Phase können starke Hochwasser grosse Teile einer Population auslöschen.
Elritzen lassen sich relativ leicht in Aquarien halten und nachzüchten. Das machte sie eine Zeitlang zu beliebten Laborfischen, die viele Einsichten über die Anatomie und das Verhalten von Fischen ermöglichten. Der deutsche Biologe Karl von Frisch wurde weltberühmt mit seiner Studie über den «Schreckstoff» der Elritzen. Ganz kurz: Wird eine Elritze verletzt – bepielsweise durch einen Vogelschnabel, setzen spezielle Hautzellen ein Pheromon frei, dass die anderen Elritzen schon in kleinster Dosis riechen. Dieser «Alarmgestank» dient als Warnung, und die Elritzen reagieren darauf mit Flucht und erhöhter Vorsicht.
Elritzen haben kleine Mäuler, aber einen scheinbar unstillbaren Appetit! Den ganzen Tag durchstreifen sie das Gewässer und fressen, was der Lebensraum an maulgerechter tierischer Nahrung zu bieten hat – Plankton, Kleinkrebse und Insektenlarven, Laich und Jungfischchen. Tote Fische oder Frösche sind für sie ein besonderes Festmahl. Sie zupfen daraus Fleischfetzen und erinnern dabei an kleine Piranhas. Sie haben allerdings keine Zähne.
Wenn sich die Chance bietet, pflücken vor allem grössere Exemplare Nahrung von der Wasseroberfläche, zum Beispiel Eintagsfliegen oder vom Wind verwehte Ameisen. In manchen Seen patrouillieren sie den Picknickplätzen entlang und stürzen sich gierig auf Brotreste oder ein Stückchen Wurst.
Je nach Lebensraum pflanzen sich die Elritzen bei Temperaturen zwischen 10 und 20 Grad fort – im Hochgebirge kann das August bedeuten, im Tal unten finden die Festivitäten meist im Mai statt.
Die Elritzen-Hochzeit ist ein Spektakel: Die sonst gut getarnten Tierchen werden farbig wie tropische Zierfische, vor allem die Männchen. Teile ihres Bauchs und die Lippen leuchten blutrot, die Flanken funkeln smaragdgrün, und der Rücken färbt sich dunkel. Auf Kiemendeckeln und Kopf bildet sich ein körniger, weisser Ausschlag. Er erhöht den Berührungsreiz. Denn als Vorspiel stimulieren sich die Elritzen durch zahllose Körperkontakte.
Das wilde Treiben zieht natürlich Räuber wie Forellen, Hechte oder Gänsesäger an. Sie nutzen die Unachtsamkeit der liebestollen Fischchen gnadenlos aus. Elritzen aus grossen Gewässern wandern deshalb gern in kleine, flache Zuflüsse, weil sie und ihr Nachwuchs dort sicherer sind.
Die Weibchen zeigen ihre Laichbereitschaft durch subtile Signale. Die Männchen erkennen sie sofort. Sie drängeln sich hektisch an das Weibchen heran und befruchten die mohnsamengrossen Eier. Sie sinken ab und verschwinden im Kies- oder Geröllgrund, den die Elritzen bewusst für ihren Nachwuchs aussuchen. Gut geschützt in den Zwischenräumen schlüpfen nach einigen Tagen die winzigen Elritzenlarven. Sie verbringen ihre ersten Lebenswochen «im Untergrund», dann wagen sie sich ins Freie und schliessen sich zu ihrem ersten Schwarm zusammen.
In den letzten 150 Jahren sind viele Elritzenpopulationen in der Schweiz verschwunden – vor allem jene im Flachland. Unzählige Moore wurden trockengelegt, Tausende von kleinen Bächen dolte man ein und liess sie verschwinden. Die Kanalisierung und Verbauung der Fliessgewässer machte zahllose kleine Laichbäche unzugänglich für kleine, schwimmschwache Fischarten wie die Elritze. Es reichte dafür oft nur eine einzige unüberwindbare Schwelle.
Die grössten Elritzenpopulationen unseres Landes findet man heutzutage in alpinen Stauseen und Bergseen. Hier waren die Elritzen ursprünglich nicht heimisch. Sie hätten diese früher fischlosen Gewässer aus eigener Kraft nie erreicht.
Seit dem frühen Mittelalter wurden sie zusammen mit Forellen und Saiblingen angesiedelt als willkommene Ergänzung des kargen Speisezettels auf den Alpen.
Noch vor zwanzig Jahren fand man in Fischbestimmungsbüchern eine einzige Elritze. Sie trug den einprägsamen Namen Phoxinus phoxinus, was auf Griechisch so viel wie spitzköpfig bedeutet.
Schon damals hegten viele Fischbiologen Zweifel an dieser extremen Vereinfachung. Wenn man beispielsweise die Elritzen aus den Pyrenäen und der Mongolei verglich, gab es deutliche äusserliche Unterschiede. Ausserdem leben Elritzen wie beschrieben in erstaunlich unterschiedlichen Lebensräumen – vom kleinen Quellbach bis zu den Küsten der Ostsee.
Der renommierte Schweizer Fischexperte Maurice Kottelat vermutete schon 2007 in einer viel beachteten Studie, dass man diese eine Art in mindestens sieben Elritzenarten würde aufteilen müssen. Obwohl sie zum Verwechseln ähnlich aussehen. Er behielt Recht: Sie lassen sich heute genetisch klar unterscheiden.
Das ist nur eines von zahlreichen spektakulären Ergebnissen der Eawag-Forschungsprojekte Projet Lac und Progetto Fiumi, die massgeblich von der Wyss Academy for Nature, dem BAFU und dem Kanton Bern unterstützt wurden.
Nach heutigem Kenntnisstand sind die vier Elritzenarten, die in der Schweiz heimisch sind:
Ganz neu ist die Entdeckung der See-Elritze, die man in einigen grossen Voralpenseen im Einzugsgebiet von Aare und Rhein entdeckt hat.
Die Verbreitungsgebiete der vier Elritzenarten sprenkeln die Schweizer Karte und überlappen sich. Noch unübersichtlicher ist die Situation in den Hunderten von Stau- und Bergseen, in denen Elritzen heute vorkommen. In ihnen wurden – teilweise seit Jahrhunderten – Fische unterschiedlichster Herkunft eingesetzt und wahrscheinlich auch weitere Arten.
Karte: Dr. Bárbara Calegari, eawag
Jede dieser vier Arten ist an einen spezifischen Lebensraum angepasst – vom Quellbach bis zum grossen Voralpensee. Für den Gewässerschutz bedeuten diese und diverse weitere Erkenntnisse unerwartete neue Herausforderungen.
Die Artenvielfalt in Schweizer Gewässern ist offensichtlich viel grösser als bisher angenommen. Sie ist dadurch auch stärker gefährdet, denn Arten, die wir noch gar nicht kennen, drohen verloren zu gehen, weil wir ihre Bedürfnisse nicht verstehen – und sie deshalb nicht angemessen schützen können!
Es stellt sich die bittere Frage: Wie viele Arten sind bereits verschwunden, ohne dass wir es gemerkt haben?
Videos, mehr Bilder und weitere Informationen über die Elritze findest Du auf der Website des SFV.
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