Felchen-Ballett & Maifliegen-Blues
25 | 04 | 2014 SchweizText: Daniel Luther 0900
25 | 04 | 2014 Schweiz
Text: Daniel Luther 0 900

Felchen-Ballett & Maifliegen-Blues

Ist der Vierwaldstättersee bei Weggis die beste Felchen-Adresse der Schweiz? Und stimmt es wirklich, dass die Einheimischen nur noch zur Maifliegenzeit auf Seeforellen fischen, weil alles andere langweilig ist? Kann man beim Fischen auf musikalische Gedanken kommen?

Es ist ein fängiges Ballett, das die feingliedrigen Felchenfühler im Rhythmus des Sees aufführen. Mit jeder kleinen Welle kippt die lange Sichtantenne des unübersehbaren Zapfens graziös zur Seite, um sich sogleich wieder langsam zu erheben. Der Tanz über dem Wasserspiegel überträgt sich auf die Nymphen über dem Seegrund in etwa acht Meter Tiefe. Zu den musikalischen Vergleichen inspiriert mich die Villa Rachmaninov, vor deren Garten die «Principessa», das schöne Holzboot meines Gastgebers Markus Wolfisberg ankert.

Der weltberühmte russische Komponist Sergei Rachmaninov lebte vor dem Zweiten Weltkrieg mehrere Jahre an schönster Weggiser Seelage. Was der geniale Pianist wohl nicht wusste: Von seinem Salon blickte er auf das vielleicht beste Felchenrevier der Schweiz, zumindest was die Grösse der Fische angeht.


Bühne für die Balchen

Die Spitze der Weggiser Landzunge, die das Vitznauer Becken vom Küssnachter See trennt heisst Hertenstein. Der sanft abfallende Felsrücken setzt sich unter Wasser fort. Seine Flanken sind bedeckt mit einem Mosaik aus Sand, Geröll und dichten Wasserpflanzenbeständen, bewohnt von Millionen von Zuckmücken, Eintagsfliegen und Flohkrebsen. Hier im Herzen der Fischenz Weggis befindet sich ein Schlaraffenland für Balchen (grosswüchsige Felchenform), Egli, Forellen und Weiss­fische. Bekannt ist dieser von der Natur begünstigte Winkel des Vierwaldstättersees durch seine immensen Vorkommen von grossen Maifliegen. Wenn an milden Frühlingsabenden abertausende tödlich verausgabter Imagines mit ausgebreiteten Flügeln auf dem See treiben, dann steigen selbst kapitale Seeforellen hoch aus den Tiefen des Sees, um sich etwas vom eiweissreichen Segen zu sichern. Darüber kreisen Turmfalken und Rotmilane, um sich ihren Teil der delikaten Happen zu holen, aber davon später mehr.


Der Tanz beginnt!

Wie in einer Sterbeszene, bleibt die Ballerina (der Zapfen) einfach liegen und mein Gastgeber Markus blinzelt mir vielsagend zu. Dann nimmt er die lange Rute aus dem Rutenhalter, nimmt sorgfältig die lose Schnur auf und hebt die Rute. Oh ja, die Verbeugung ist beeindruckend! Ein Anhieb erübrigt sich, ja er wäre sogar riskant. Die Balchen haken sich gegen den Widerstand des 30 Gramm schweren Endbleis und schwimmen in der Regel gegen diesen unnatürlichen Zug hoch, um den lästigen Haken los zu werden. Dabei verringern sie den Zug auf den Zapfen und dessen lange Antenne bleibt auf dem Wasser liegen. Ganz anders die Seeforellen, die sich gar nicht so selten für die Nymphen interessieren. Sobald sie sich gehakt haben, rasen sie entweder in die Tiefe und der Zapfen verschwindet, oder sie explodieren an der Oberfläche, bevor der Fischer den Biss realisiert hat. In beiden Fällen steht volles Drama auf dem Programm, manchmal sogar mit Happy End!

Markus hat es mit einer weniger artistischen Tänzerin zu tun. Dafür ist sie viel zu füllig. Nach minutenlangem Bohren und Bocken am Grund, wird eine breite silberne Flanke im klaren Wasser sichtbar. Sie folgt scheinbar willig dem Zug, dann spurtet sie mit Wucht zurück zum Grund. Die Bremse hat Markus wohlweislich gelockert. So ein 0,18er-Faden ist rasch entzwei (auch davon später mehr…).


Dicke Diva

Nach weiteren Pirouetten taucht die zickige Diva endlich auf und Markus umgarnt sie routiniert mit dem Nylonfeumer. Ich staune: Aber mit 60 Zentimeter und fast fünf Pfund liegt sie nur knapp über dem aussergewöhnlichen Durchschnitt, den die Felchenfischer hier gewohnt sind. «Falls jemand seinen persönlichen Felchen-Rekord brechen möchte, dann gibt es in der Schweiz wohl kaum einen besseren Platz», ist Markus Wolfisberg überzeugt

Nur Minuten später bin ich nahe dran an meiner neuen Bestmarke. Zunächst läuft alles wie besprochen und geprobt. Die Rolle singt in höchsten Tönen, doch sie wird endlich leiser. Ich höre schon die Siegesfanfaren, da schiesst «meine» Kapitale wie eine Furie senkrecht unters Boot und beendet unser Rendez-vous mit einem harten Ruck. Aua! Meine Stimmung ist nur kurz getrübt, hier darf man ja auf eine Zugabe hoffen. Sie kommt auch und sie ist tatsächlich ausnehmend hübsch. Nur halt nicht ganz so üppig um die Gräten wie die eine.


Das fängige Gerät

Markus verwendet für die Zapfenfischerei auf Balchen etwa vier Meter lange Sbirolino-Ruten, auch eine leichte Äschen- oder Matchrute funktioniert. Die Länge ist nötig, um die bis zu drei Meter langen Hegenen zu werfen und die Grossen bei ihren rasanten Fluchten besser zu kontrollieren. Auf die Stationärrolle, deren Bremse möglichst ruckfrei arbeiten sollte, spult Markus ein gut sichtbares 0,22er-Nylon. Wichtig ist, dass die Schnur gut gefettet wird, damit sie an der Oberfläche treibt und nicht zwischen Wasserpflanzen und andere Hindernisse absinkt.

Die Nymphen bindet der begeisterte Bootsfischer selber. Er verwendet goldfarbene, Nymphenhaken Nr. 12 und Nr. 14. Seine fängigsten Muster sind betont schlank und ohne Schnickschnack gebunden. Eine Kopfperle in Rot oder Schwarz ist das Maximum! Wenn Violett nicht fängt, dann Schwarz oder Rot. Andere Nymphen-Farben findet man auf der «Principessa» nicht.

Markus bevorzugt Felchenfühler gegenüber Auftriebskörpern. Er hält die feinen Bewegungen, die sich dadurch auf die Hegene übertragen für das eigentliche Erfolgsgeheimnis. Um das «Gefummel» mit dem Stopper in Grenzen zu halten, wirft er hangabwärts und zieht dann die Montage zur Halde hin, bis die lange Antenne tanzt.

Die beste Zeit für die Balchenfischerei beginnt bei milder Witterung Mitte März und dauert bis Ende Mai, manchmal auch länger. Wird der See wärmer, ziehen die Felchen wieder in tieferes Wasser, wo man sie besser mit der herkömmlichen Zupffischerei fängt. Die besten Weggiser Balchenplätze liegen zwischen sechs und 15 Metern Tiefe, manchmal tauchen die Fische aber auch in unmittelbarer Ufernähe auf und lassen sich sogar mit der Fliegenrute überlisten…


Im Bann der Maifliegen

Einen besonderen Klang hat Weggis bei einem Kreis von Fliegenfischern, die sich der Seeforellenpirsch verschrieben haben. Das aussergewöhnlich gute Vorkommen von Maifliegen rund um die Landzunge Hertenstein führt bei passenden Bedingungen zu fantastischen Schlüpfen, die an irische Loughs erinnern. Oft bleiben allerdings die wunderschönen Duns, die wie kleine Segelboote auf dem See treiben, unbeachtet. Die Fische interessieren sich viel mehr für die so genannten Spent, die ihre Eier im See abgelegt haben und dann tot auf dem Wasser treiben. Einfache Beute. Perfekte Bedingungen sind ein bedeckter Himmel, hohe Luftfeuchtigkeit und wenig Wind. Dann tauchen mit Einbruch des Abends oft Dutzende von Forellen auf und manche Wirbel und Schwälle lassen den Puls in die Höhe schnellen. «Die meisten Fische, die man hier fängt sind deutlich grösser, als die beim Schleppen, aber…» Markus seufzt aus Erfahrung. Für die diese heikle Fischerei braucht man Glück, eine gute Wurftechnik, Geduld und nochmals Glück. Oft finden die Seeforellen vor lauter toten Maifliegen die Imitation nicht. Meist aber sind sie so heikel, dass sie fast jedes Imitat grossräumig umkurven oder noch schlimmer: kurz begutachten und dann verächtlich links liegen lassen. Der Maifliegen-Blues eben.


Ideale Lage

Müsste jemand eine touristische Ideallage konstruieren, sähe sie ziemlich sicher aus wie Weggis. Eine Halbinsel in einem gros­sen See, ein sanfter Südwesthang mit Panoramablick auf den Sonnenuntergang und einige der schönsten Innerschweizer Berge. Geschützt von kalten Nordwinden und gewärmt durch den Föhn gedeiht eine Flora, wie man sie eher mit dem Tessin verbindet: Edelkastanien, Feigen, Palmen und ergiebige Rebstöcke.

Auch fischereilich ist das Luzerner Vorzeigedorf ein Sonderfall. Die Fischenz gehört der Dorfkorporation Weggis. Diese verpachtet sie dem Fischerverein Weggis, der im Gegenzug für die Bewirtschaftung besorgt ist. Zwölf Kilometer Ufer und eine bis zu 460 Meter breite Uferzone sind daher ganzjährig netzfrei. Mit dem dicht bewaldeten Hertenstein-Westufer gehört ein ökologisches Juwel zum Angebot, das erstklassige Fischerei vor einer spektakulären Kulisse bietet.

Neben den beschriebenen Salmoniden ist auch der Bestand an Egli und Hechten ausgezeichnet. Markus Wolfisberg hat jahrelang erfolgreich mit Schleppbrettchen auf die gros­sen Freiwasser-Hechte gefischt, mittlerweile bevorzugt er aber das Spinnfischen am Ufer, das vom 1. Mai bis tief in den November Action verspricht. Seinen bislang kapitalsten Hecht von 115 Zentimeter Länge hat Markus tatsächlich im Schatten einer umgestürzten Buche überlistet.

Die Eglifischerei beginnt meist Ende Mai, für Markus ist der Höhepunkt aber die Herbstfischerei, insbesondere im Umkreis des Hafens Lützelau. Dort jagen dann Rehlig «in Kalibern, die man sonst das ganze Jahr nicht sieht», schwärmt Markus, der hier schon Egli jenseits der 50er-Marke auf den Hafensteg gelegt hat. Er empfiehlt für diese Fischerei den tief geführten Wobbler oder einen kleinen Jucker.

Sympathisch an der Fischenz Weggis ist, dass man auch als Uferfischer gute Chancen auf eine attraktive Fischerei hat. Selbst die Balchen und Seeforellen können an diversen gut erreichbaren Stellen erfolgreich befischt werden. Ballett oder Blues? Weggis tönt fast zu gut, um wahr zu sein.


Fischen in Weggis

In der Fischenz Weggis gilt das Freiangelrecht. Das Fischen mit einer Rute, Zapfen, einfachem Haken mit natürlichem Köder (exkl. Köderfisch) ist von öffentlich zugänglichen Uferabschnitten gebührenfrei gestattet. Fliegen-, Spinn- und Bootsfischerei jeder Art ist patentpflichtig.

Die Tageskarte kostet für Ausserkantonale 15 Franken, die Woche Fr. 35.–, der Monat Fr. 60.–. Das Jahrespatent (SaNa-Ausweispflicht) kostet Fr. 140.–.

Patentausgabe: Tourist Information Weggis, Seestrasse 5, 6353 Weggis,

Tel. 041 227 18 00, weggis@luzern.com oder Boutique Robinson, Rolf Schmid, Seestr. 58, 6353 Weggis, Tel. 041 390 29 68, robinson@boutique-robinson.ch.

Wanderboote sind wie auf dem gesamten Vierwaldstättersee zugelassen. Die touristische Infrastruktur in Weggis ist exzellent. Mehr Info auf www.wvrt.ch.

 

 In Weggis fischen manchmal auch die Bootfischer vom Ufer

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 Die Weststeite der Halbinsel Hertenstein: Hier tönts nach Fisch!

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 Markus Wolfisberg mit 60er-Balche. Der FV Weggis unterstützt den Bestand mit Vorsömmerlingen, die er in einem beleuchteten Netzgehege naturnah aufzieht.

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