Der nicht so friedliche Friedfisch
16 | 10 | 2020 Schweiz | PraxisText & Fotos: Robin Melliger 0941
16 | 10 | 2020 Schweiz | Praxis
Text & Fotos: Robin Melliger 0 941

Der nicht so friedliche Friedfisch

Explosionsartige Attacken, blitzschnelle Fluchten, reissende Vor­fächer. Das sind keine Dinge, die an einen heimischen Friedfisch denken lassen. Auch wenn der Rapfen zu den Karpfenartigen und damit zu den Friedfischen zählt, ist er ein Vollbluträuber und äusserst spektakulärer Zielfisch. Robin Melliger hat dem Fisch in Basel einen Besuch abgestattet.

Der Rapfen (lat. Aspius Aspius), oder auch gekürzt «Asp» genannt, ist unter Fischern auch als «poor mans tarpon» bekannt, der Tarpon des armen Mannes. Dies kommt nicht von ungefähr, sieht der Rapfen dem Tarpon Megalops Atlanticus des Schuppenkleids und der Form wegen recht ähnlich. Zu unserem Glück ist der Rapfen nicht etwa in Florida, sondern in weiten Teilen Europas und bis zur Wolga in Russland heimisch. Die südliche Verbreitungsgrenze ist die Donau, im Norden erstreckt sich sein Habitat bis nach Mittelschweden und Südfinnland. Durch den Main-Donau-Kanal ist er nach Westeuropa gelangt, wo er sich weiter ausbreitet. Der Rapfen bevorzugt schnellfliessende, kiesige Gewässer, fühlt sich aber auch in stehenden Nebengewässern wohl. In der Schweiz ist der Rapfen nur im Rhein von Basel bis Rheinfelden verbreitet. Der erste Nachweis aus dem Hochrhein (Stau Birsfelden) erfolgte 1994. Eine weitere Ausbreitung rheinaufwärts sowie in die Zuflüsse ist Biologen zufolge möglich und wahrscheinlich, dies ist jedoch keineswegs selbstverständlich. Flussverbauungen, Verschmutzung, verhärtete Flussböden, das Verschwinden der für die Brutfische überlebenswichtigen Kiesbetten sowie die Verschlammung potenzieller Laichplätze limitieren seine Verbreitung. Damit teilt er sein Schicksal mit vielen anderen Kieslaichern unserer Fliessgewässer. Das Fleisch des Rapfens ist übrigens geniessbar. Wegen seiner über 130 Zwischenmuskelgräten bedarf er jedoch einer speziellen Behandlung bei der Zubereitung.

 
Nicht zum Rauben geboren

Obwohl diese Fische als reine Friedfische geboren werden, mutieren sie im fortgeschrittenen Alter zu Raubfischen. Dies erklärt, warum auf Kunstköder selten Fische unter 50 cm gefangen werden. Als Jungfische ernährt sich der Rapfen von Kleintieren aller Art und bewegt sich in kleineren Gruppen den Flussufern entlang. Ausgewachsene Rapfen stellen ihre Ernährung um; jetzt ernähren sie sich hauptsächlich von kleineren Fischen, ab einer gewissen Grösse gelegentlich auch von kleinen Wasservögeln, Fröschen und Kleinsäugetieren. Diese Wandlung ist unter den lokalen Süsswasserfischen ein seltenes Vorkommnis. Nebst dem Alet ist der Rapfen der einzige Karpfenartige in Schweizer Gewässern, der sich öfters auch räuberisch ernährt. Der Rapfen jagt oberflächenorientiert und patrouilliert in den Uferbereichen, kann sich aber auch auf Beute in Grundnähe spezialisieren, wie zum Beispiel die in grossen Mengen im Rhein vorkommende Schwarzmeergrundel. Aus diesem Grund sind Rapfen auch willkommene Beifänge auf gejiggte Gummifische bei der Zanderangelei. Bei Dämmerung und in der Nacht kann man raubende Rapfen beobachten, die mit hoher Geschwindigkeit in die Beutefischschwärme schiessen und mit ihrer grossen Schwanzflosse ein hörbares Klatschgeräusch erzeugen. Mit diesem starken Schlag versuchen sie, einige Fische im Schwarm kurzzeitig ausser Gefecht zu setzen, um sie anschliessend mit ihrem nach oben gerichteten Maul einzusaugen. Sie verschmähen jedoch auch untertags eine willkommene Mahlzeit nicht. Ebenfalls greifen sie einzelne Beutefische an, welche sich vom Schwarm entfernen. Wer bereits Zeuge einer solchen Jagdszene werden konnte, weiss, wie brachial sich diese Fische in die Futterfische stürzen können. 


Zu schnell geht nicht

Die Köderführung beim Rapfenfischen kann nicht zu schnell ausfallen, wie mir mein Kollege Colin Robertson mit funkelnden Augen erzählt. Colin fischt bereits einige Jahre auf diese Fischart und lud mich an sein Hausgewässer, den Rhein ein. Der Rapfenspezialist überlistet immer wieder schöne Exemplare, indem er den Köder mit hoher Geschwindigkeit zu sich herankurbelt. Dabei kommen Topwaterköder wie der «Whopper Plopper» von der Marke «River2Sea» und der «Sammy 85», ein Stickbait von «Lucky Craft», zum Einsatz. 

Bis dato habe ich noch nie einen Rapfen in natura zu Gesicht bekommen. Das sollte sich an diesem windigen Sommertag ändern. Bereits nach 20 Minuten haut es uns fast aus den Schuhen, als sich ein schöner 70er-Rapfen den Köder von der Oberfläche holt. Nach einem intensiven Kampf streckt Colin den Fang mit einem breiten Grinsen in meine Kameralinse. Was für ein Fisch! Kurze Zeit danach verfehlt ein grosser Fisch meinen Oberflächenköder und verabschiedet sich mit einem kräftigen Schwall. Keine halbe Stunde später kann auch ich  – unter Beifall von einigen Zuschauern – meinen ersten Rapfen in den Händen halten, ebenfalls ein etwa 70 cm langes Exemplar. Jetzt geht lange nichts mehr und wir versuchen es eine Etage tiefer. Nach einem Rapfenfang kommt es oft vor, dass an dieser Stelle eine Weile keine weiteren Rapfen mehr einsteigen, da die ausgesendeten Stresssignale des kämpfenden Rapfens die Artgenossen in der Umgebung warnen. Bei einem schnell geführten Twitchbait hat schliesslich ein dritter Räuber ein Einsehen und packt sich den Köder direkt vor unseren Füssen. Übrigens ist Speed zwar oft, aber nicht immer die richtige Wahl. Will partout nichts beissen, kann eine etwas langsamere Köderführung Abhilfe schaffen. 

 Speed und Radau machen muss er! Dank des propellerförmigen Endes sorgt dieser Oberflächenköder für genug Aufmerksamkeit.

Speed und Radau machen muss er! Dank des propellerförmigen Endes sorgt dieser Oberflächenköder für genug Aufmerksamkeit.

 Die Kleinfische halten sich bevorzugt in Ufernähe auf. Hier sind auch die Chancen auf einen Rapfenbiss am grössten.

Die Kleinfische halten sich bevorzugt in Ufernähe auf. Hier sind auch die Chancen auf einen Rapfenbiss am grössten.

 Colin Robertson präsentiert zufrieden einen 70-Zentimeter-Rapfen.

Colin Robertson präsentiert zufrieden einen 70-Zentimeter-Rapfen.

 Oberflächenköder sind meistens eine gute Wahl, doch der Rapfen lässt sich auch in Grundnähe überlisten.

Oberflächenköder sind meistens eine gute Wahl, doch der Rapfen lässt sich auch in Grundnähe überlisten.


Rapfen-Material

Fürs Rapfenfischen passt eine etwa 2,40 m lange Rute mit einem Wurfgewicht von 20 – 40 Gramm. Eine parabolische Rutenaktion ist von Vorteil, da sie die sehr agilen und schnellen Fluchten dieser starken Kämpfer gut abfedern kann. Eine 2500er- bis 3000er-Rolle mit einer ruckelfreien Bremse ist ideal. Die Bremse sollte nicht offen sein, aber auch nicht zu hart eingestellt. Hier ist ein Mittelmass gefragt, damit man weder Schnurbruch noch ein Ausschlitzen riskiert. Idealerweise sollte man mit der Hand Schnur von der Rolle ziehen können, ohne schmerzhaftes Einschneiden in die Finger. Bei der Rolle ist eine hohe Übersetzung von 6:1 oder mehr hilfreich, um die Köder schnell und ermüdungsfrei einzukurbeln. Da die misstrauischen Rapfen visuelle Jäger sind, gelten sie als schnurscheu. Damit sie mit ihren wachsamen Augen keinen Verdacht schöpfen, kommt eine 12er bis 16er helle geflochtene Schnur zum Einsatz, da so kein grosser Kontrast zum hellen Himmel entsteht. Ein 0,35er-Fluorocarbon als Vorfachmaterial trägt zusätzlich dazu bei, nicht vom Fisch bemerkt zu werden, und ist robust genug, um die brachialen Attacken auszuhalten. Auch mit der Fliegenrute lassen sich Rapfen fangen; einen schnell geführten Streamer lassen sie nur selten links liegen. Sowohl Epoxy-Streamer als auch stromlinienförmige Federstreamer sind fängig. Wichtig ist, dass diese Fliegen in Höchstgeschwindigkeit eingestrippt werden. Geeignet hierfür sind Ruten und Fliegenschnüre der Klasse 7/8. 

 

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