Ab in die Tiefe
12 | 11 | 2015 PraxisText: Rasmus Ovesen 0892
12 | 11 | 2015 Praxis
Text: Rasmus Ovesen 0 892

Ab in die Tiefe

Im Winter stehen die Hechte manchmal tagelang am Grund und nehmen kaum Nahrung auf. Um sie hier mit der Fliegenrute zu fangen, muss man sich etwas einfallen lassen. Rasmus Ovesen gibt Tipps, wie man den Räubern das Maul öffnet.

Ich fische schon seit Stunden und habe bislang nichts gefangen. Die Kälte durchdringt langsam meine Kleidung. Obwohl ich versuche, mich durchs Werfen des rattengrossen Streamers warm zu halten, denke ich wegen der starken Winterkälte daran aufzugeben. Ich hatte bislang einen guten Nachläufer, aber ich weiss, dass dieser Flussabschnitt ein paar richtig dicke Hechte beherbergt. Nur der Gedanke daran lässt mich weitermachen.

Die verschiedenen Streamer, die ich den Räubern anbot, brachten bislang keinen Biss. Vielleicht muss ich meine Strategie komplett ändern. Einige Minuten später habe ich mit meinen vom Frost erstarrten Fingern meine Montage komplett verändert. Die Schwimmschnur habe ich durch eine schnell sinkende ersetzt, den langen Intermediate-Polyleader gegen ein kurzes Fluorocarbon-Vorfach ausgetauscht und den grossen blitzenden Streamer durch einen kleinen weissen Pop-Up-Streamer aus Rehhaar und Marabou ersetzt. Nun heisst es: Jetzt oder gar nicht!


Streamer über dem Grund

Ich gehe 20 Meter flussabwärts und stelle mir vor, dass ein Grosshecht am Rande der Strömungskante am Grund liegt, genau dort, wo die alte Erle wie ein Skelett in den Fluss ragt. Ich werfe ein wenig stromauf, damit die Sinkschnur den Grund erreicht. Dabei verleihe ich dem Köder ab und zu ein paar kleine Zupfer. Mit der Sinkschnur am Boden und der Fliege kurz darüber, hoffe ich, dass ein Hecht meinen Köder, der mit Marabou und Glitter schön im Wasser pulsiert, einsaugt.
 
Gerade als ich mit dem Einholen beginnen will, stoppt plötzlich die Schnur. Zuerst denke ich an einen Hänger, aber als ich die Rute zurücknehme, bemerke ich das Gewicht und das Schlagen eines grossen Fisches. Auf einmal spüre ich die Kälte nicht mehr. Der starke Hecht kämpft gewaltig und biegt meine 8er-Fliegenrute zum Halbkreis. Nach einigen guten Fluchten und kräftigem Kopfschütteln im Flachwassser greife ich mir einen dicken Räuber von etwa 16 Pfund. Ich bin glücklich.

Obwohl ich jetzt eigentlich abbrechen könnte, ziehe ich noch weiter stromab für ein paar zusätzliche Würfe. Eine Stunde später habe ich drei weitere Hechte zwischen sechs und zehn Pfund gefangen. Ich hatte also Recht: Mein Taktikwechsel bedeutete den Unterschied zwischen Fangen und Schneider bleiben.


Experimentierfreudig bleiben

Oft werden Hechte als unersättliche Gierschlunde gesehen, die alles, was sich in ihrem Blickfeld bewegt, attackieren. Doch in Wahrheit sind sie viel vorsichtiger und schlauer, als wir es wahrhaben wollen. Das gilt besonders, wenn die Wassertemperaturen fallen und die Hechte immer weniger Nahrung aufnehmen. Dann kann es eine ziemlich grosse Herausforderung sein, einen Hecht mit der Fliegenrute zu fangen.

Im Allgemeinen unterscheidet sich das Fliegenfischen im Winter nicht besonders vom Fliegenfischen auf Hecht im Herbst oder Sommer. Man muss den Räuber finden und ihm einen Streamer anbieten, dem er nicht widerstehen kann. Aber im Winter ist es so, dass Hechte mit den fallenden Wassertemperaturen Schwierigkeiten haben. Plötzlich werden sie zu Mimosen, ziehen relativ kleine Köder vor, beissen nur noch zögernd und halten sich nur noch in Grundnähe auf. Nun müssen wir Fliegenfischer bereit sein, unsere Taktik umzustellen und zu experimentieren.

Bei Flusshechten, aber auch bei Hechten in kleineren und grösseren Seen, habe ich die Erfahrung gemacht, dass es an der Zeit ist, die Sinkschnur aufzuspulen. Die Hechte stehen nun im Tiefen und sind nicht mehr bereit, einen Köder auf grössere Distanzen zu verfolgen. Stattdessen verlegen sie sich auf Angriffe aus dem Hinterhalt und warten dazu am Grund, um so wenig Energie wie möglich zu verbrauchen. Abgesehen von wirklich flachen Gewässern, braucht man unbedingt eine Sinkschnur. Aber eine Sinkschnur ist nicht so einfach zu fischen wie eine Schwimmschnur. Man muss immer wieder die Tiefe richtig einschätzen. Ansonsten bekommt man einen Hänger nach dem anderen, wenn man zu tief fischt, oder man fischt nicht nah genug am Grund.


Langsam und grundnah führen

Wenn Sie das Gewässer kennen und der Grund gleichförmig verläuft, ist es relativ einfach, in der heissen Zone zu fischen. Aber wenn die Wassertiefe schwankt oder die Strömung in die Schnur drückt, ist alles viel schwieriger. Daher verwende ich extrem schnell sinkende Schnüre und auftreibende Streamer. Diese Montage in Verbindung mit einem einen Meter langen Fluorocarbon-Vorfach sorgt dafür, dass der Streamer sofort über dem Grund schwebt. Bei einem Zug bewegt sich der Köder Richtung Grund, in Einholpausen steigt er wieder auf – die perfekte Technik, um es mit am Grund stehenden Winterhechten aufzunehmen.

Diese Technik hat aber noch einen anderen Nutzen. Sie erlaubt mir, den Streamer sehr langsam einzuholen – was bei traditionellen Sinkschnüren schwierig ist, denn früher oder später wird der Streamer über Grund schleifen und sich dort festsetzen. Mit meiner Technik kann man dem Hecht einen Streamer verführerisch vor der Nase entlang führen. Besonders Streamer aus pulsierendem Material wie Marabou lassen sich so im Zeitlupentempo präsentieren.

Es gibt Zeiten im Winter, in denen die Hechte überhaupt nicht zu fressen scheinen. Doch auch für eine solche Situation gibt es eine Lösung. Dann kann man grellfarbige Streamer verwenden, die auf jeden Fall die Aufmerksamkeit der Hechte auf sich ziehen. Besonders fluoreszierendes Flash-Material eignet sich für auffällige Streamer, aber auch Rosa, Hellgrün, Hellgelb und helles Orange sind tolle Winterfarben. Ob die Hechte diese Streamer aus Neugier, Instinkt oder aus reiner Aggression attackieren, ist zweitrangig. Vor allem an Tagen, an denen realistische Muster, die einen kleinen Fisch nachahmen, nicht punkten, lässt sich mit den farbigen Reizfliegen oft doch noch ein Hecht fangen. Holen Sie diese Fliegen mit aggressiven, unregelmässigen Zügen ein und seien Sie jederzeit auf knallharte Bisse gefasst.


Erfolgsrezept: Abwechslungsreich fischen

Mein bester Rat zum Fischen auf Winterhechte mit dem Streamer lautet: «Fischen Sie so abwechslungsreich und experimentierfreudig wie möglich!» Fischen Sie eine grosse Wasserfläche ab, fischen Sie so nah am Grund wie Sie können, und scheuen Sie sich nicht, alle Streamer in Ihrer Köderbox an einem Tag zu verwenden. Werfen Sie einige der 25 Zentimeter langen Flash-Streamer, die vor allem im Herbst fangen, verwenden Sie kleinere realistische Rot-augen-Muster, die mit längeren Pausen gefischt werden, und versuchen Sie es mit grellfarbenen Reizstreamern und einem schnellen Einzug-Tempo. Im Winter verhalten sich die Hechte anders, und auch Sie sollten dann anders fischen, um die Räuber zu fangen.

 

 Der Autor drillt einen kräftigen Winterhecht, den er mit einem langsam geführten Streamer knapp über Grund zum Biss verleitet hat.

Der Autor drillt einen kräftigen Winterhecht, den er mit einem langsam geführten Streamer knapp über Grund zum Biss verleitet hat.

 Rasmus Ovesen empfiehlt beim Streamerfischen auf Winterhechte eine abwechslungsreiche Köderführung.

Rasmus Ovesen empfiehlt beim Streamerfischen auf Winterhechte eine abwechslungsreiche Köderführung.

 Rasmus Ovesen empfiehlt beim Streamerfischen auf Winterhechte eine abwechslungsreiche Köderführung.

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