Sommerfelchen
12 | 07 | 2022 PraxisInterview: Nils Anderson | Fotos: Markus Iten 0909
12 | 07 | 2022 Praxis
Interview: Nils Anderson | Fotos: Markus Iten 0 909

Sommerfelchen

Die Felchenfischerei ist vor allem im Frühling sehr beliebt: Wenn die Zuckmücken steigen, stehen die Chancen besonders gut für einen üppigen Fang. Doch wie alle Fische müssen auch Felchen das ganze Jahr über fressen. Auf was muss man also achten, wenn man Felchen im Sommer fangen will? Und lohnt sich das überhaupt? Wir haben Markus Iten alias «Felchenfreak» dazu ein paar Fragen gestellt.

 

«Petri-Heil»:  Felchen sind bekannt für ihr delikates Fleisch. Schmecken sie im Sommer auch so gut?

Felchenfreak:  «Sommerfelchen kann man nicht fressen», ist die etwas derb formulierte Meinung von einigen Fischern am Zürichsee. Doch ich sehe das entschieden anders. Auch packen sich einige Spezialisten lieber im Frühling den Tiefkühler voll, als sich im Sommer frische Felchen zu holen. Ich kann dieses Vorgehen aus kulinarischer Sicht nicht empfehlen, im Gegenteil! Zu lange gefrorene Felchen sind für mich der Horror, sogar meine Katze Stöpsel rümpft darüber die Nase. Auch im Sommer geht für mich nichts über frische Zürisee-Felchen. Die Berufsfischer liefern übrigens ihre Felchen im Sommer auch nicht an den Zoo!

 Kapitale Sommerfelche: Kollege Chris im Drill ...

Kapitale Sommerfelche: Kollege Chris im Drill ...


Die Zürichsee-Felchen sind also auch im Sommer gut. Wie sieht es bei den anderen Seen aus?

Je nach See leidet die Qualität der Felchen schon. Der Greifensee ist beispielsweise bekannt dafür, dass seine Sommerfelchen einen moosigen Geschmack haben. Im Boden-Untersee komme es auf den Ort an, meinte ein Kollege: Findet man die Fische in Bereichen mit Strömung, seien sie einwandfrei, an anderen Stellen würden sie nach Schlamm und Moder stinken. Generell kann man sagen, dass die grossen und vor allem die steil abfallenden und tiefen Seen wie Thuner-, Brienzer-, Vierwaldstätter- oder Walensee im Sommer die bessere Qualität liefern als kleinere Seen, die keinen grossen Durchfluss an frischem Wasser haben. Ich habe ja auf meiner Seite «Felchenfreak» im Facebook eine Umfrage über Sommerfelchen gemacht. Es zeigte sich eindeutig, dass viele auf Sommer­felchen fischen und sogar deren Fleisch im Sommer lobten!

 

Auch ich gehöre zu den Frühlingsfelchen-Fischern. Wenn ich jetzt im Sommer losziehe, finde ich die Felchen an den gleichen Stellen und in gleicher Tiefe?

Ja und nein. Die Felchen sind momentan stärker verteilt und oft in der Schwebe anzutreffen. Das Tiefenspektrum ist jetzt deutlich grösser: Von bis zu 30 Meter Tiefe hinauf bis auf 6 Meter. Die ü60er-Felchen fand ich an den heissen Tagen zwischen 12 und 16 m. Ein Echolot ist aktuell fast unverzichtbar: Grosse Sicheln suchen und ausprobieren ist angesagt. Und wenn man sie gefunden hat, heisst das noch lange nicht, dass sie auch beissen. Nicht weil sie nicht hungrig wären, sondern weil das Nahrungsangebot jetzt vielfältiger ist und man entsprechend eine grössere Vielfalt an Hegenen dabei haben muss. Wichtig ist es, verschiedene Grössen, vom ganz kleinen Wasser­floh­imitat (Hakengrösse 22) bis zum Libellen­larven­imitat (Hakengrösse 6), und in diversen Körperformen dabeizuhaben. Um herauszufinden, was auf dem Speise­plan stehen könnte, muss man jeden verfügbaren Hinweis beachten. Manche Gäste staunten, wie viele Felchen ü40?cm mit Hakengrösse 22 (La Perla) gefangen wurden. Am nächsten Tag sind dann evtl. wieder grosse Haken gefragt; erkennbar an den Häuten von über 3 cm Länge auf dem Wasser.

 Kapitale Sommerfelche: Kollege Chris mit ü50er-Beute.

Kapitale Sommerfelche: Kollege Chris mit ü50er-Beute.


Und was für Hinweise wären das?

Die Wasseroberfläche und die Mägen der Felchen! Die Häute der geschlüpften Insekten geben immer wertvolle Hinweise auf Formen und Grössen der Nymphen, die gerade funktionieren könnten. Es gibt Tage, da entdeckt man nichts, dann beginne ich mit den kleinen Wasser­floh­imitationen. Und wenn dann die erste Felche im Boot ist, lohnt es sich, den Mageninhalt unter die Lupe zu nehmen. Manchmal sind die Mägen im Sommer gefüllt mit einem «Tuttifrutti» aus Puppen, Wasserflöhen, Schnecken, Muscheln, Larven, Puppen von Libellen, Fadenwürmern, Asseln, Tubifex und vielem mehr. Am Zürichsee sind im Sommer die Mägen teilweise prall gefüllt nur mit Wasserflöhen. Mit den nun immer häufiger aufkommenden Süsswassergarnelen hat mich bisher erst ein Egli überrascht. Ich bin aber überzeugt, die Felchen kommen auch bald auf den Geschmack.

 Der Mageninhalt der Felchen gibt wertvolle Infos über fängige Muster. Vom kleinen Wasserfloh ...

Der Mageninhalt der Felchen gibt wertvolle Infos über fängige Muster. Vom kleinen Wasserfloh ...


Was macht den Reiz der Sommerfischerei auf Felchen aus?

Der Sommer ist die beste Zeit für den Fang von sehr grossen Felchen. Ich habe Felchen über 60 cm bei bis zu 30 Grad und mehr über die Mittagszeit gefangen. Ich sass jeweils unter dem Sonnenschirm hinten im Boot neben dem Motor und hatte die Füsse im Wasser. Aber es waren auch hart erkämpfte Felchen. Nicht nur die Hitze, sondern auch der sehr unruhige See mit den vielen anderen Booten machte es schwierig! Da spielt natürlich auch eine dazu taugliche kurze Rute (1,80 bis 1,85 m) eine grosse Rolle. Die grossen Felchen beissen sehr fein, die Rutenspitze bewegt sich dabei nur um ein paar Millimeter. Die Konzentration auf die Rutenspitze und die Langsamkeit vom Ziehen der Hegene sind wichtig. Sehr selten hat eine Grosse die Spitze voll herunter gezogen! 

 ... bis zur Larve der Libelle kann im Sommer alles Mögliche auf dem Speiseplan stehen.

... bis zur Larve der Libelle kann im Sommer alles Mögliche auf dem Speiseplan stehen.


Du hast den Sonnenschirm erwähnt. Was braucht es sonst noch für einen guten Fischertag?

Es gibt nur eine Regel: Eis, Eis und nochmals Eis! Wir haben eine grosse Kühlbox auf dem Schiff, die mit gefrorenen Pet-Flaschen und Kühlelementen gefüllt ist. Nur so ist man sicher, dass die Fische nicht innert kürzester Zeit massiv an Qualität verlieren.  

 

Und wann ist die beste Zeit im Sommer? Der Morgen oder Abend?

Ich liebe im Sommer die Sonnenaufgänge auf dem Boot, die Ruhe, die Natur und auch das Beobachten der vielen Vögel auf dem See. Das Fischen war zweitrangig. Ich probierte dann am Morgen ein paar neue Spots aus und gegen 11 Uhr war ich an den Stellen, wo die grossen Sandfelchen zu erwarten waren. Bei sehr heissem Wetter war meistens um 14 Uhr Schluss. Bei «normalem» Sommerwetter spielte es keine Rolle, wann und bis wann ich fischte. 

 Sommerfelchen verderben schnell in der Wärme. Der Fang gehört deshalb subito in die Kühlbox!

Sommerfelchen verderben schnell in der Wärme. Der Fang gehört deshalb subito in die Kühlbox!


Im Frühling ist ja sonniges und windstilles Wetter durchs Band gut fürs Felchenfischen. Wie sieht es da im Sommer aus? Sind aufziehende Gewitter, Vollmond oder solche Dinge Faktoren, um eher aufs Wasser zu gehen?

«Fische fängt man, wenn man auf dem See ist», ein ewig alter Spruch. Für mich war der einzige Grund die Hitze, um auf die Grossen zu fischen. Sonst spielte es mir nie eine Rolle, wann ich ging. Höchstens ein aufziehendes Gewitter oder mein Aberglaube «Bei Vollmond fängst du keine Felchen!» haben mich daran gehindert. Aber als ich die Klatsche meines Felchenfischer-Lebens an einem Vollmondtag von meinem Sohn Reto erhielt, kam ich ein wenig ins Grübeln!


Felchenfreak

Felchenfischer-Buch

Markus Iten hat seine Erfahrungen übers Felchenfischen – garniert mit vielen Anekdoten und Geschichten – niedergeschrieben und im Eigenverlag herausgegeben. Interessierte können das 180 Seiten starke Buch für CHF 32.– (exkl. Porto) direkt beim Autor via E-Mail (felchenfreak@bluewin.ch) bestellen.

 

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