Schnur, Wind & Strömung
14 | 01 | 2022 PraxisText: Ivan Valetny 0368
14 | 01 | 2022 Praxis
Text: Ivan Valetny 0 368

Schnur, Wind & Strömung

Die Schnurverbindung zwischen Köder und Rutenspitze ist eine Gerade? Von wegen! Ivan Valetny beantwortet einige Fragen zum Schnurverhalten bei unterschiedlichen Bedingungen.


Ich will vom Ufer aus fischen, aber es windet. Auf was muss ich achten?

Vom Ufer aus hat man die schlechtesten Karten bei Seitenwind. Bei Windböen unter 30 km/h kann man aber auch bei Seitenwind noch fischen, wenn man einige Tipps beachtet: Beim Auswerfen bremse ich den Köder kurz vor dem Auftreffen auf dem Wasser ab und senke sofort die Rutenspitze. Ich kurble zuerst einige Male, um die Schnur noch weiter zu straffen, erst dann habe ich eine gute Köderkontrolle. 

Nach Möglichkeit wechsle ich das Ufer oder suche eine windgeschützte Stelle. Bei Rückenwind kann man weiter auswerfen, als es bei Windstille je möglich wäre. So kann man vor allem mit leichten Ködern Traumdistanzen erreichen. Da die Schnur nicht so stark gegen die Seiten abgelenkt wird, hat man auch auf grosse Distanz guten Köderkontakt. Dieser ist zwar nicht vergleichbar mit den Verhältnissen bei Windstille, aber man kann so die Bisse und Grundkontakte doch noch recht gut bemerken.

Bei Gegenwind sinkt die Wurfweite natürlich, aber man hat doch noch eine brauchbare Bisserkennung. Dabei sollte man die Rute möglichst gegen unten halten, sonst wird die Schnur durch den Wind stark zum Fischer zurückgedrückt; dadurch würde der Kontakt zum Köder wieder schlechter werden. 

Köder, die stetig unter Zug geführt werden, vertragen deutlich mehr Wind als Köder, bei denen die Bisse zumeist in der Absinkphase kommen und ein schneller Anschlag nötig ist. Wer beim Fischen mit Gummiködern keine Bisse spürt, fängt wenig bis nichts. Da hat man jetzt mit einem Wobbler oder Spinner oft deutlich bessere Fangchancen.


Es windet und ich bin mit dem Boot unterwegs. Soll ich ankern oder mich treiben lassen?

 © André Suter

© André Suter

Auf dem verankerten Boot kann man sich gut dem Wind anpassen. Der Anker hält es auf Position, der Wind drückt das Boot in die Windrichtung. Wer gezielt einen kleinen Spot befischt, muss jetzt exakt und vorausschauend ankern. Das braucht bei Wind ein genaues Timing und das richtige Einschätzen der Strömungs- und Windverhältnisse. 

Idealerweise wirft man vom verankerten Boot mit dem Wind. So kommt man am weitesten und hat noch einen brauchbaren Köderkontakt. Wer seitwärts zum Wind wirft, hat eine deutlich schlechtere Bisserkennung.

Vom treibenden Boot aus hat man bei Wind nur mit unter Zug geführten und schweren Ködern gute Erfolgschancen. Spinner, Jerkbaits, schwere Gummifische oder Wobbler lassen sich so gut fischen. Wer mit leichtem Material unterwegs ist, kommt schnell in Schwierigkeiten: Es braucht erstaunlich wenig Bewegung und schon erreicht ein Gummifsch am leichten Jigkopf oder eine Dropshotmontage kaum mehr den Boden und die Schnurbögen sind schnell so gross, dass eine Bisserkennung kaum mehr möglich ist. Wenn ich auf Egli fische, ankere ich fast immer. Nur wenn es wirklich komplett windstill ist, lasse ich den Anker auch mal im Boot. 

Sobald weisse Schaumkronen zu sehen sind, wird es auf dem Boot ungemütlich. Bei Windböen spätestens ab 50 km/h wird das Fischen unmöglich. Von der Sicherheit auf dem Boot ganz zu schweigen.


Ich fische am Fluss. 
Kann ich da den Wind vernachlässigen?

Wirft man stromauf, hängt die Schnur zunächst stark durch und der Grundkontakt ist zwar da, aber schwierig zu erkennen. In dem kurzen Bereich, wo der Köder auf etwa gleicher Höhe wie der Fischer ist, hat man fast dieselben Bedingungen wie im Stillgewässer, aber dieser Bereich ist nur kurz. Sobald sich der Köder stromabwärts vom Fischer befindet, spannt sich die Schnur und Köder und Schnur werden durch den Strömungswiderstand gegen die Oberfläche gedrückt. Mit genügend Gewicht ist die Fischerei gegen die Strömung der Uferkante entlang noch immer vielversprechend. Was den Wind anbelangt, ist es ähnlich wie beim Stillwasser: Nach dem Auswurf sollte man die Schnur auf dem Wasser ablegen. Wenn der Wind stromauf kommt, ist die Köderkontrolle am schwierigsten. Kommt der Wind stromab, ist es etwas besser mit dem Köderkontakt. Rücken- oder frontaler Gegenwind spielen hier ausser bei der Wurfweite, nur eine untergeordnete Rolle. Bei windigen Verhältnissen sind also stark bebleite Köder oder solche, die nicht mit Grundkontakt arbeiten, einem Jig oder einer Rig-Montage vorzuziehen. Unter Zug präsentierte Köder wie Wobbler oder stromauf­geworfene Spinner bringen jetzt eher verwertbare Bisse.


Nach dem Auswurf lasse ich den Köder an gespannter Schnur absinken. Sobald er den Grund erreicht hat, entspannt sich die Schnur und hängt durch. Warum ist das eigentlich so? 

Über der Wasseroberfläche ist uns das Phänomen vertraut: Die Schwerkraft zieht die Schnur nach unten. Unter Wasser jedoch hängt die Schnur gegen oben durch und macht einen Bogen, weil sie vom Wasserwiderstand gebremst wird. Ein bei gespannter Schnur absinkender Köder sinkt nicht senkrecht hinunter, sondern kommt uns näher. Sobald die Spannung beim Grundkontakt wegfällt, nimmt die Schwerkraft der verbleibenden Schnur über der Wasseroberfläche überhand und sie hängt jetzt mehr durch als während der Absinkphase. Dadurch entspannt sich auch die Rutenspitze bei Grundkontakt und die Schnur im Wasser streckt sich langsam etwas. Diese feine Bewegung spürt man mit straffen Spinnruten und einer geübten Hand. Man merkt also auch ohne Blickkontakt zur Schnur oder zur Rutenspitze, wenn man mit dem Köder am Grund angekommen ist.


1 | Durch den Wasser­widerstand sinkt der Köder nach dem Auswurf nicht senkrecht hinunter. Die Schnur beschreibt einen Bogen.

2 | Ist der Köder am Grund angekommen, entspannt sich die Schnur.

3 | Vor dem Anjiggen sollte man die Schnur langsam nachziehen. Dadurch fischt man länger im tiefen Bereich.


Ich fische in tiefem Wasser.
Auf was muss ich achten?

 Wer in grosser Tiefe auf Grund fischt, muss die Schnur sauber nachziehen, um auch feine Bisse zu bemerken. © André Suter

Wer in grosser Tiefe auf Grund fischt, muss die Schnur sauber nachziehen, um auch feine Bisse zu bemerken. © André Suter

Mit der Durchmesserwahl der Schnur lässt sich auch der Lauf des Köders beeinflussen. Eine dünne Schnur lässt sich vor allem bei Wind besser werfen und beschleunigt die Absinkphase des Köders. Je tiefer man fischt, desto stärker macht sich der Umgebungsdruck bemerkbar. Beim Vertikalfischen in grosser Tiefer braucht es daher mehr Gewicht an einer Hegene als beim Fischen in nur 10 bis 15 Metern Wassertiefe. Wer mal eine kleine Trüsche in grosser Tiefe angeschlagen hat, kann den Effekt gut bemerken: Es fühlt sich zuerst an, wie wenn ein richtig guter Fisch dranhängen würde.

Wenn man in tiefes Wasser auswirft, muss man das Nachziehen der Schnur beachten. Um den Köder möglichst senkrecht und damit möglichst weit draussen absinken zu lassen, senke ich die Rutenspitze und lasse am offenen Rollenbügel Schnur abziehen. Ist der Köder am Grund angekommen, kann man langsam die Schnur wieder aufziehen, ohne dass sich der Köder von der Stelle bewegt. So macht man die grosse Kurve in der Schnur wieder gerade. Bei einem gesetzten Köder erkennt man jetzt die Bisse zuverlässig. Beim Spinnfischen lohnt sich dieses langsame Nachziehen ebenfalls. Beginnt man direkt nach dem Absinken mit dem Anjiggen, bewegt sich der Köder fast vertikal nach oben und wandert damit zu schnell aus der fängigen Zone.


Was ist das «Phänomen der in den Himmel steigenden Schur»?

Ein beängstigendes Phänomen ist es, wenn man bei schlechtem Wetter am Wasser steht und die geflochtene Schnur nach dem Auswerfen nicht wie gewohnt durchhängt, sondern sich munter weiter von der Rolle abspult und in Richtung Himmel bewegt. Wenn man sie nicht abstoppt, steigt sie immer schneller in den Himmel. Wer das noch nicht erlebt hat, kann froh sein, denn dieses Phänomen ist brandgefährlich. Durch die elektrostatische Aufladung wird die geflochtene Schnur zum Isolator: Sie hat einerseits über Angelrute und Fischer Kontakt zum Boden und wird anderseits vom Gegenpol in den Wolken angezogen. Bei gewittrigen Bedingungen entsteht ein Spannungsungleichgewicht zwischen Boden und Himmel. Die Schnur, die nun hinaufgezogen wird, möchte gerne als «Potenzial­ausgleich zwischen Himmel und Erdboden» dienen, sprich als Blitzableiter. Ich habe das schon einige Male erlebt. Zusammenpacken ist nur zu empfehlen, spätestens wenn die Angelrute zu singen anfängt und man feine Stromschläge in der Hand spürt. Die Natur sollte man nie unterschätzen, nicht umsonst ist auf allen Ruten ein Warnsticker wegen Blitzgefahr aufgeklebt!

 

0 Kommentare


Keine Kommentare (Kommentare erscheinen erst nach unserer Freigabe)


Schreibe einen Kommentar:

Zurück zur Übersicht

Das könnte Dich auch interessieren: