Mit Litze und Nuggi auf grosse Egli
09 | 02 | 2015 PraxisText: Wale Morgenthaler 0780
09 | 02 | 2015 Praxis
Text: Wale Morgenthaler 0 780

Mit Litze und Nuggi auf grosse Egli

Diese alte Kunst droht angesichts der vielen modernen Spinnfischmethoden und -köder in Vergessenheit zu geraten. Nico Kipfer hat die Tradition vor einigen Jahren für sich entdeckt und fängt damit endlich die grossen Egli, auf die er es lange erfolglos probiert hatte.

Murtensee, ein milder Samstagabend Mitte Mai: «Hier probieren wir es!», ruft mir Nico Kipfer vom Heck seines Motorboots zu, bremst ab und beginnt  die sauber aufgespulte Litze – eine aus Kupferdrähten geflochtene, eigenschwere Schlepp-Leine – von der Rolle zu ziehen. Etwa 17 Meter des Kupferkabels legt er fein säuberlich hinter dem fahrenden Boot aus und lässt daran den Köder durch kurze und unregelmässige Rucke mit der Hand durchs Wasser tanzen. Er erklärt mir dabei seine Taktik: «Der Murtensee ist hier über eine grössere Fläche rund drei Meter tief, der Boden zu dieser Jahreszeit noch fast ohne Krautbänke und sandig, deshalb kann man hier perfekt auf Egli schleppen.» Und kaum hat er das gesagt, zieht es die Kupferlitze nach hinten, ein heftiges Schütteln, der Fisch hängt. Nico führt ein Egli ans Boot, das bei mir mit seinen Proportionen ehrfürchtiges Staunen auslöst. Dieser prächtige Rehlig hat fast 40 Zentimeter! «Das habe ich dir ja versprochen», meint Nico zufrieden.
Der fängige Köder ist ein herkömmlicher umgedrehter Baby-Nuggi, aufgezogen auf einen scharfen Karpfen-Haken der Grösse Nr. 1. Der Nuggi hängt an einem 0,50 mm-Vorfach (das hält auch einem Hecht stand) von rund 2,5 Metern Länge. Warum der Egli – aber auch Zander und Hecht – so gut auf dieses eher unscheinbare,  bräunlich transparente Ding reagiert, kann man nur erahnen. «Wenn der Nuggi beim Zupfen den Sand aufwirbelt, vermutet der Fisch dort wohl einen leckeren Krebs», ist Nico Kipfer überzeugt.  
Auf die Kupferlitze und den Nuggi gekommen ist Nico Kipfer vor rund vier Jahren. Er sah am Broyekanal einem alten Herrn beim Fischen zu: «Der schleppte ungewöhnlich schnell und machte mit der Hand diese seltsamen Bewegungen», erinnert er sich. «Aber als ich gesehen habe wie gut der auf diese Weise fängt, habe ich mich bei ihm vorgestellt und er hat mir viel gezeigt.»

Fängige Tradition

Kipfer, von Beruf Veterinärmediziner hat über das Thema einiges recherchiert: «Das Fischen mit der Kupferlitze gibt es schon seit Sportfischer auf unseren Seen schleppen. Es wird je nach See mit drähteln, schlücheln, litzeln oder kratzen bezeichnet, sagt Kipfer. Aber die Methode geriet immer mehr in Vergessenheit. Einerseits, weil viele alte Fischer ein Geheimnis um «ihre» Methode und die Fänge machen und anderseits, weil das Angebot an modernen, glitzernden Alternativen heute natürlich riesengross ist. Aber, das erstaunt Nico Kipfer auch selbst immer wieder: Der gute alte Nuggi fängt vielfach besser, vor allem die grossen Fische.
Am besten funktioniert der Nuggi hier am Murtensee im Frühsommer, bevor der Pflanzenbewuchs das Schleppen in Grundnähe schwierig macht. Die Egli stehen im Mai und Juni in der Regel in grossen Schulen zusammen. Die Herausforderung ist, die Plätze zu finden, wo diese Schwärme stehen. «Wenn man auf den richtigen Schwarm trifft, dann geht die Post ab», schwärmt Nico. Und schon hat er wieder einen Biss. Dieser Rehlig misst 39 Zentimeter und wiegt fast ein Kilo. Ich bin baff!
Aber ganz so einfach, wie das jetzt tönt, ist es dann doch nicht! Für solche Fänge muss einiges stimmen. «Ruhiges mildes Wetter, klares Wasser und die eben richtigen Plätze: Nicht zu tief, mit Sandgrund und – eine Theorie – mit einem starken Krebsbestand. Wenn das alles passt, dann sind gute Fänge möglich und man hat Chancen auf kapitale Fische. Immerhin werden im Murtensee jedes Jahr Rehlig bis über 50 Zentimeter gefangen.» Ich habe Mühe mir so ein zwei Kilo schweres gestreiftes Ungetüm vorzustellen! So ein Kaliber bleibt an diesem Abend ein Traum, aber  wir haben immerhin sechs Rehlig von 34 bis 40 cm im Boot. Genug für ein Festessen!

Gaumenfreuden

Nun gehts ans Ausnehmen und Filetieren und da ist Dr. med. vet. Nico Kipfer offenkundig im Element: Gekonnt führt er das Filetiermesser, es ist eine Freude, ihm dabei zuzusehen. Kein Wunder, arbeitet er doch sonst mit dem Skalpell: Der 35 Jahre alte Tierarzt ist spezialisierter Kleintierchirurg – vor allem für Hunde und Katzen.
An diesem Abend verwöhnt er mich und zwei Freunde mit einem einfachen, aber ausgezeichneten Egli-Gericht: Er würzt die grossen Filets mit Salz und Pfeffer, brät sie in der Bratpfanne mit Öl an, löscht mit gutem weissem Vully ab, gibt in kaltem Wasser aufgelöstes Mehl und Bouillon bei und verfeinert grosszügig mit Rahm. Wir alle sind begeistert über dieses Luxusessen und manche schöne Fischergeschichte macht die Runde bis zu später Stunde.
Trotzdem fahren wir am Sonntagmorgen bereits um 6 Uhr wieder auf den spiegelglatten See hinaus. Noch vor dem Morgenessen haben wir wieder zehn Egli im Boot zwischen 35 und 41 cm Länge. Das Fischen mit der Kupferlitze ist nicht unbedingt die sensibelste Fischerei, aber wenn man mit dieser Methode auf Egli-Schwärme trifft, dann fängt man so die Grossen. Ob ich das auch einmal versuchen sollte? Mein grösstes Egli, das ich in über 50 Fischerjahren fing, mass lediglich 29 cm. Und so ein Vierziger ist schon ein wunderbarer Anblick! Im Wasser und auf dem Teller…

 

 Mit dem Original-Babynuggi auf erwachsene Egli.

Mit dem Original-Babynuggi auf erwachsene Egli.

 Die Litze wird von Hand geführt: Das erlaubt eine fängige Führung und eine sensible Fehlbiss- und Bisserkennung.

Die Litze wird von Hand geführt: Das erlaubt eine fängige Führung und eine sensible Fehlbiss- und Bisserkennung.

 Nennen Sie ihn «Dr. Rehlig»!

Nennen Sie ihn «Dr. Rehlig»!

0 Kommentare


Keine Kommentare (Kommentare erscheinen erst nach unserer Freigabe)


Schreibe einen Kommentar:

Anzeige
Anzeige
Zurück zur Übersicht

Das könnte Dich auch interessieren: