Köderfischangeln[ – Dreikampf mit System]
21 | 10 | 2019 PraxisText & Fotos: Martin Wehrle 0653
21 | 10 | 2019 Praxis
Text & Fotos: Martin Wehrle 0 653

Köderfischangeln – Dreikampf mit System

Es gibt einen Köder, mit dem Raubfische an viel befischten Gewässern doch noch fangen können: Der Köderfisch am System. Martin Wehrle weiht Dich in diese fängige Methode ein.

Silbern blitzt die Flanke des Rotauges auf und spiegelt die Morgensonne. Der Fisch strebt neben den Seerosen zur Oberfläche, taucht ab, verharrt kurz am Grund und zieht mit einer Staubwolke weiter. Da! Die Seerosenblätter schwanken, eine Bugwelle schiesst hervor – und vom Rotauge sind im klaren Wasser nur noch Kopf und Schwanz zu sehen. Der Rest des Fischs ist offenbar im Maul eines Hechts verschwunden. 

Mein Puls rast, ich kurble die Schnur stramm, warte einen Augenblick – und schlage an. Das flache Wasser explodiert, im Sonnenlicht schimmert der Bauch des Hechts wie Bronze. Nach zwei Minuten habe ich den Sechspfünder im Feumer. 

Die Bucht, in der ich den Fisch gefangen habe, liegt nur ein paar Meter vom Bootssteg meines Vereins entfernt. Jeder, der auf den See fährt, macht hier ein paar Würfe mit seinem Wobbler, Gummifisch oder Spinner. Aber kaum einer setzt auf jenen Köder, mit dem ich erfolgreich war: Einen toten Köderfisch am System. Ich gebe zu: Es ist viel bequemer, einen Kunstköder in den Karabiner zu klinken, als erst mal Köderfische zu fangen, sie am System zu montieren und dann regelmässig zu erneuern.


Bereit zum Fangen

Vielleicht reizt Dich die Vorstellung, an Plätzen, wo Kunstköder-Angler leer ausgehen, doch noch Hechte, Zander oder Egli zu fangen? Genau das gelingt mit einem toten Köderfisch am System. Mittlerweile fische ich diese Methode seit über 35 Jahren, aber nicht ausschliesslich: Meist habe ich eine zweite Spinnrute mit Kunstköder im Boot, so kann ich die Fänge vergleichen. Das Ergebnis hängt vom Gewässertyp ab. Je grösser die Wasserfläche, je geringer der Angeldruck, desto besser stehen die Chancen mit Kunstköder. Mit ihnen kann ich schneller fischen, das ist bei grossen Wasserflächen ein wichtiger Vorteil. Und die wenigsten Freiwasserräuber haben je zuvor einen Kunstköder gesehen. 

Genau umgekehrt läuft es an stark befischten und kleineren Gewässern: Dutzendfach habe ich hier meine Wobbler, Spinner und Gummifische ohne Biss angeboten. Aber als ich dann zum natürlichen «Spinnfisch» griff, erwachte das scheinbar tote Wasser zum Leben: Plötzlich fing ich Egli auf Egli. Oder ich bekam Hechtbisse. Oder überlistete Zander.

Was hat der Naturköder, was ein Kunstköder nicht hat? Er sieht exakt wie ein natürlicher Fisch aus. Er riecht wie ein Fisch, schmeckt wie ein Fisch, fühlt sich so an – eben Original statt Fälschung. Es gibt so gut wie keine Nachläufer. Und Fische, die gebissen haben, lassen nicht mehr los. Das spielt uns in die Karten.


Fisch fängt länger 

Raubfische sind klug, das beweist der Hecht: Als Wissenschaftler in Holland einen kleinen Teich befischten und die Hechte markiert zurücksetzten, stellten sie fest: Die Fänge auf Kunstköder lies­sen rasch nach. Die Hechte hatten gelernt, dass von ihnen Gefahr ausging. Dagegen bissen sie auf Köderfisch nahezu unverändert. Natürliche Fische kann ein Hecht nicht meiden, sonst würde er verhungern. 

Wie bieten wir einen Köderfisch mit der Spinnrute an? Nicht immer braucht es dazu teure Systeme aus dem Handel. Meist kommt man mit ein paar Drillingen oder einem Einzelhaken aus. Solche einfachen Montagen bieten einen grossen Vorteil: Der Fischer riskiert kaum einen Hänger. Und gerade an Hindernissen wie versunkenem Holz stehen Räuber mit Vorliebe. Jemand, der seinen teuren Wobbler nicht riskieren will, wird dies nie erfahren. 

In diesem Artikel möchte ich Dich fit für den Dreikampf mit System machen. Ich zeige Dir für Hecht, Zander und Egli je eine tolle Montage zum Spinnen mit Köderfisch. Ausserdem gebe Dir Tipps, wie Du den Köder am fängigsten führen und die Räuber am sichersten haken kannst.


Hecht

Top-System 1, Zwei-Drillings-Montage: Meine Lieblingsmontage besteht aus zwei Drillingen der Grösse 4. Den ersten Drilling knote ich ans Ende eines flexiblen Stahlvorfachs, den zweiten ziehe ich oberhalb auf und fixiere ihn, indem ich das nach unten durchlaufende Vorfach mehrfach um den Schenkel des Hakens winde. Der obere Drilling wird per Lippenköderung durchs Maul des Fischs gezogen. Der zweite Drilling sitzt in der Mitte der Fischflanke. Achte darauf, dass das Stahlvorfach locker ist, der Köder soll sich nicht biegen. Gelegentlich löst sich der untere Drilling beim Angeln und muss neu in den Fisch gestochen werden. 

 System-Tipp 1 | Tiefgang erwünscht: Wenn man die Schwimmblase des Fischs mit einer Köder­nadel durchsticht, sinkt er schneller ab.

System-Tipp 1 | Tiefgang erwünscht: Wenn man die Schwimmblase des Fischs mit einer Köder­nadel durchsticht, sinkt er schneller ab.

 Das Zwei-Drillings-System erfordert wenig Material, ist schnell montiert und hakt Hechte zuverlässig.

Das Zwei-Drillings-System erfordert wenig Material, ist schnell montiert und hakt Hechte zuverlässig.

Führung dieser Montage: Der Köderfisch gleitet bei Zug natürlich durchs Wasser. Die Hechte lieben es, wenn der Köder erst losrast (Rute ruckartig anheben) und dann nach unten taumelt (Rute wieder absenken). Im flachen Wasser, also unter zwei Meter Tiefe, kann der Köder unbeschwert und sehr langsam angeboten werden. Danach sollte man pro Tiefenmeter ein grosses Bleischrot vors Stahlvorfach klemmen, ab Tiefen von fünf Meter eine Bleiolive von fünf bis zehn Gramm.

Top-­Köderfische: Der mit Abstand beste Köderfisch beim Hechtangeln ist das Rotauge. Fische zwischen 15 und 20 Zentimetern sind ideal. Grössere werden auch genommen, erschweren aber das Haken des Räubers. Alternativ biete ich grosse Lauben an, gelegentlich auch Egli; sie halten besonders gut am Haken und fangen vor allem, wenn die Hechte unter raubenden Eglischwärmen lauern, wie oft im Spätsommer.


Egli

Top-System 1, Bleischrot-Montage: Meine beste Montage für kleine Egli-Köderfische ist zugleich die einfachste: Ich ziehe einen Einzelhaken der Grösse 8 bis 10 durch den Kopf des kleinen Köder­fischs und sichere ihn durch ein Stückchen Einweckgummi ab, das ich bis über den Widerhaken ziehe (ein Trick, der auch bei allen anderen Systemen die Lebensdauer der Köder verlängert). Nun klemme ich ein grosses Bleischrot zehn Zentimeter vor dem Köderfisch aufs Vorfach – meist verwende ich 0,25er-Fluorocarbon, nur in sehr hechtreichen Gewässern ein dünnes Stahlvorfach, das jedoch die Fangaussichten bei klarem Wasser mindern kann. 

 System-Tipp 2 | Glitzernde Versuchung: Ein vorgeschaltetes Spinnblatt kann den toten Köderfisch noch fängiger machen.

System-Tipp 2 | Glitzernde Versuchung: Ein vorgeschaltetes Spinnblatt kann den toten Köderfisch noch fängiger machen.

 Verfasser Martin Wehrle ist ein System­verfechter mit Erfolg!

Verfasser Martin Wehrle ist ein System­verfechter mit Erfolg!

Führung dieser Montage: Wenn Du diese Montage mit einer 0,08er-Geflochtenen oder einer 0,16er-Monoschnur verwendest, kannst Du Wurfweiten von 15 bis 20 Metern erreichen. Beim Bootsangeln reicht das, an etlichen Uferplätzen ebenfalls. Es gibt zwei grundsätzliche Arten, diese Montage zu führen: horizontal oder vertikal. Beim horizontalen Spinnfischen wird die Montage ausgeworfen, dann lässt man sie absinken und zupft sie langsam ein. Lass den Köder immer wieder mal zum Grund durchsacken und dann sehr schnell nach oben durchstarten. Die meisten Bisse kommen in den kurzen Spinnpausen. Je wärmer das Wasser, desto schneller darf der Köder geführt werden. Dagegen ist im späten Herbst und im Winter das Fischen in Zeitlupe angesagt. 

Beim vertikalen Spinnen lasse ich den Köder von Spundwand, Steg oder Boot bis zum Grund hinab trudeln. Dann hebe ich die Montage 30 bis 50 Zentimeter an, während ich aus dem Handgelenk zittere. Ich lasse den Köderfisch einen Moment schweben und wieder durchsacken. Wenn ich einen Eglischwarm getroffen habe, kommen die Bisse oft schon beim ersten Absinken. 

Top-­Köderfische: Ideal sind Köderfische in der Länge eines kleines Fingers, gerade im Frühsommer, wenn die Fischbrut noch winzig ist. Später im Jahr darf der Köder etwas grösser ausfallen. Schlanke Fischarten wie Laube und Rotauge gleiten deutlich natürlicher durchs Wasser als hochrückige, die zum Rotieren neigen. Am haltbarsten sind kleine Egli, sie werden von ihren grossen Artgenossen gern genommen. 


Zander

Top-System 1, Drachkovitch-System: Das Drachkovitch-System, benannt nach dem französischen Angler und Künstler Albert Drachkovitch, ist ideal fürs Zanderangeln. Die Klammer des Systems wird in den Schlund des Fischs geführt und verbindet ihn fest mit der Montage. Den Kupferdraht schiebe ich zunächst hinter den Kiemen durch den Körper des Fischs, bevor ich ihn durch seine Lippen führe und in mehreren Windungen um das Maul sichere. Dann übersteht der Fisch viele Würfe und manchmal sogar Zander-Fänge. Die Bleikugeln des Systems sind dank einer kleinen Klammer austauschbar; es gilt die Regel: So leicht wie möglich – so schwer wie nötig.

 System-Tipp 3 | Fisch auf Vorrat: Köderfische aus dem Frost sind die sicherste Wahl – dann bleibt mehr Zeit fürs Raubfischangeln.

System-Tipp 3 | Fisch auf Vorrat: Köderfische aus dem Frost sind die sicherste Wahl – dann bleibt mehr Zeit fürs Raubfischangeln.

 Naturliebhaber: Dieser kapitale Zander biss auf ein Fischchen, weil das einfach besser schmeckt als ein Gummifisch.

Naturliebhaber: Dieser kapitale Zander biss auf ein Fischchen, weil das einfach besser schmeckt als ein Gummifisch.

Führung dieser Montage: Das Drachkovitch-System ist für das bodennahe Fischen konzipiert. Das bewegliche Blei am Kopf des Fischs sorgt für ein verführerisches Spiel. Je flacher das Wasser, desto weniger Gewicht wird benötigt. Lass den Köder immer wieder absinken, ein Stück nach oben starten und erneut auf den Grund schlagen. Dieses gezielte Abklopfen des Grunds ist für Zander unwiderstehlich. Nur wenn die Fische sehr raublustig sind, empfiehlt es sich, den Köder auch mal durch schnelles Anheben der Rute und gleichzeitiges Kurbeln ins Mittel­wasser durchstarten zu lassen.

Top-­Köderfische: Je schlanker ein Köderfisch, desto besser für den Zander. Ideal sind Rotaugen und grosse Lauben. Hochrückige Köderfische wie Kärpflein werden öfter mal losgelassen oder erzeugen Fehlbisse. Egli nimmt der Zander weniger gern als der Hecht.

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