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| 01 | 10 | 2026 | Schweiz | |
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Was bleibt nach einem Hitzesommer, in dem zahlreiche Bäche teilweise oder vollständig trockengefallen sind und Fischbestände massive Verluste erlitten haben? «Petri-Heil» hat bei einem engagierten Pächter, bei SFV-Geschäftsführer David Bittner und bei Andrin Krähenbühl von der Fischereiberatungsstelle FIBER nachgefragt, wie es nun weitergehen soll.
Das Bundesgesetz über die Fischerei formuliert einen klaren Auftrag. Es soll unter anderem «die natürliche Artenvielfalt und den Bestand einheimischer Fische, Krebse und Fischnährtiere sowie deren Lebensräume erhalten, verbessern oder nach Möglichkeit wiederherstellen», bedrohte Arten schützen und gleichzeitig eine nachhaltige Nutzung der Fischbestände gewährleisten.
Nach dem Hitzesommer 2026 erhalten diese Ziele eine neue Dringlichkeit. Wo Bäche über längere Strecken trockenfielen, Wassertemperaturen kritische Werte erreichten und lokale Fischbestände teilweise verschwanden, geht es nicht mehr nur darum, bestehende Lebensräume aufzuwerten. Vielerorts stellt sich die grundsätzliche Frage, welche Fischbestände sich unter veränderten klimatischen Bedingungen überhaupt erhalten lassen – und mit welchen Massnahmen.
Dabei treffen unterschiedliche Ebenen aufeinander: Pächter und Fischer, die ihre Gewässer oft seit Jahrzehnten kennen, kantonale Fachstellen, Wissenschaft und Beratung sowie der Bund mit seinem gesetzlichen Auftrag und dem geplanten Aktionsplan Fische. Was lässt sich retten? Wo braucht es neue Konzepte? Wann ist Wiederbesiedlung sinnvoll – und wo muss vielleicht sogar akzeptiert werden, dass ein Gewässer künftig anders aussieht als bisher?

«Petri-Heil»: Dein Bachsystem hat während der Trockenheit massive Verluste erlitten. Einen verbliebenen Zufluss konntest du mit Wasser aus einem Hydranten stützen. Wie kam es dazu?
Lukas Baumann: Zuerst stellte sich die Frage: Wo ist eine solche Massnahme überhaupt sinnvoll? Das gesamte Bachsystem ist rund 14 Kilometer lang. Es war klar, dass wir nur punktuell helfen und nicht tagelang Hunderte Liter pro Minute einleiten konnten. Der Hauptbach fiel deshalb weg. Wir suchten einen noch nicht zu stark geschädigten Abschnitt mit einem Hydranten in der Nähe. Ich kontaktierte den Fischereiaufseher, der mich an den Projektleiter für Biodiversität und Naturschutz der Stadt Wädenswil verwies. Dort stiess ich sofort auf offene Ohren. Die Stadt übernahm auch die Wasserkosten.
Danach musste alles organisiert werden: Wasseruhr, Hydrantenschlüssel und Schlauch. Als schliesslich Wasser in den Bach floss und ich nachts wieder kleine Forellen darin sah, fiel mir ein Stein vom Herzen.
Lukas Baumann
Du hast den Bach mehrfach begangen, das unterschiedliche Trockenfallen der Gewässerabschnitte dokumentiert und arbeitest an einem Massnahmekonzept zur Bewältigung solcher Extremsommer. Müssten solche Grundlagen nicht bereits vorhanden sein?
Bei den Begehungen zeigte sich, dass die Situation nicht einfach schwarz oder weiss ist. An einzelnen Stellen blieb Wasser erhalten, etwa durch Feuchtgebiete oder Grundwasseraufstösse. Dorthin zogen sich Tiere zurück. Solche Bereiche müssen wir künftig kennen, gezielt schützen und bei Bedarf stützen. Diese Informationen sollten auch in Renaturierungen einfliessen.
Für Behörden ist die Situation schwierig, wenn klare Aufträge und Konzepte fehlen. Trockenheit ist für viele Regionen der Schweiz ein vergleichsweise neues Problem. Aber wir können nicht warten, bis für alles neue Gesetze geschaffen sind. Bis dahin sind manche Ökosysteme bereits nachhaltig geschädigt. Oft braucht es auch gar kein neues Gesetz. Man kann beispielsweise einen Bauern fragen, ob er während des heissesten Sommers einen halben Meter Gras neben einem kleinen Bach stehen lässt.
Lukas Baumann
Du hast einen enormen Aufwand betrieben, um letztlich nur wenige Fische und einen kleinen Gewässerabschnitt zu retten. Was bleibt für dich nach diesem Sommer?
Wir können die Fische nicht retten, ohne ihren Lebensraum zu retten. Als Fischer nutzen wir letztlich die Leistung eines ganzen Ökosystems – die Fische bilden nur dessen Spitze.
Gerade kleine Wiesenbäche werden unterschätzt. Dort leben vielleicht keine kapitalen Fische, aber eine enorme Vielfalt an Organismen. Für die Wiederbesiedlung nach einer Katastrophe können solche Kleingewässer und Refugien Gold wert sein.
Gleichzeitig sind sie extrem verletzlich. Ein falscher Pestizideinsatz oder eine schlecht entwässerte Baustelle kann in einer Stunde zerstören, was sich über Jahre entwickelt hat.
Für mich ist deshalb klar: Wir haben keine zehn Jahre Zeit. Dieser Sommer hat lokale Populationen ausgelöscht und teilweise Jahrzehnte des Arten- und Naturschutzes zunichtegemacht. Die nächste Trockenheit kommt bestimmt – vielleicht schon nächstes Jahr.
Wir müssen jetzt handeln. Unser Beispiel zeigt aber auch: Es gibt viele Menschen und Stellen, die etwas tun möchten. Wenn man sie zusammenbringt, lässt sich bereits einiges erreichen.
«Petri-Heil»: Du warst während des Hitzesommers häufig in den Medien. Wie gross ist die Betroffenheit ausserhalb der Fischerei?
David Bittner: Erstaunlich gross. Ich habe sehr viele Rückmeldungen aus der Bevölkerung, von Medienschaffenden und aus der Politik erhalten. Bilder von trockenen Bächen und verendeten Fischen zeigen unmittelbar, was Hitze, Trockenheit und Klimawandel für unsere Gewässer bedeuten. Neben der Betroffenheit spüre ich den Wunsch, endlich etwas zu tun. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass wir uns an solche Bilder gewöhnen und jeden Hitzesommer als neue Normalität akzeptieren. Das dürfen wir nicht.
Wir können die Klimaerwärmung nicht kurzfristig stoppen. Aber wir können unsere Gewässer widerstandsfähiger machen: revitalisieren, beschatten, besser vernetzen und ihnen genügend Restwasser lassen. Die Lösungen sind grösstenteils bekannt. Jetzt müssen sie schneller umgesetzt werden.
Kann ein solcher Katastrophensommer den Anliegen der Fischerei langfristig sogar mehr Gewicht verleihen?
So tragisch es klingt: Solche Sommer führen der ganzen Gesellschaft vor Augen, wie verletzlich unsere Gewässer geworden sind. Schon vor diesem Sommer standen drei von vier einheimischen Fischarten auf der Roten Liste. Die Probleme und viele Lösungen sind längst bekannt. Entscheidend ist, ob es gelingt, die aktuelle Betroffenheit in langfristiges politisches Handeln umzuwandeln. Wenn Revitalisierungen beschleunigt, Beschattung und natürliche Strukturen gefördert, Gewässer besser vernetzt und ausreichende Wassermengen gesichert werden, kann aus dieser Katastrophe zumindest etwas Positives entstehen.
David Bittner
Braucht es nach diesem Sommer eine engere Zusammenarbeit zwischen Fischerei und Verwaltung?
Unbedingt – aber es ist kein Entweder-oder. Wir brauchen die Fachkompetenz der Verwaltungen genauso wie das Wissen der Fischerinnen und Fischer vor Ort.
Viele kennen ihre Gewässer seit Jahrzehnten und bemerken Veränderungen sehr früh. Deshalb wünsche ich mir einen stärkeren und vor allem frühzeitigeren Einbezug der Fischerei: nicht erst, wenn Massnahmen bereits beschlossen sind, sondern schon bei Analyse, Planung und Umsetzung.
Projekte wie «Fischer schaffen Lebensraum» zeigen, welches Potenzial entsteht, wenn Verwaltung, Fachleute und Fischer gemeinsam anpacken.
Was rätst du Fischern, deren Gewässer einen Totalausfall oder massive Verluste erlitten haben?
Ein Totalausfall in einem Gewässer, das man vielleicht seit Jahrzehnten kennt und mit viel Herzblut gepflegt hat, ist enorm schmerzhaft. Trotzdem sollte man nicht vorschnell reagieren.
Zuerst müssen wir klären, ob das Gewässer unter den veränderten klimatischen Bedingungen überhaupt noch langfristig als Lebensraum geeignet ist. Vielleicht bedeutet Fischerei künftig noch stärker, nicht nur Fische zu fangen und Bestände zu bewirtschaften, sondern Lebensräume zu erhalten und neu zu schaffen.
Gerade kältebedürftige Arten werden es im Mittelland zunehmend schwer haben. Umso wichtiger ist es, jene Gewässer und Rückzugsräume zu identifizieren und konsequent zu schützen, in denen sie langfristig eine Chance haben.
Die erste Frage sollte deshalb nicht lauten: «Wie bringen wir möglichst schnell wieder Fische hinein?», sondern: «Wie machen wir dieses Gewässer fit für die Zukunft?»
Was hat beim Krisenmanagement funktioniert – und wo besteht Nachholbedarf?
In vielen Kantonen wurde enorm viel geleistet. Fachstellen, Fischereiaufseher und Fischer standen teilweise praktisch im Dauereinsatz. Dafür gebührt allen Beteiligten grosser Dank.
Gleichzeitig wurden die Grenzen des Krisenmanagements sichtbar. Wir müssen stärker vom Reagieren ins vorsorgliche Handeln kommen. Dazu gehören kantonale Notfallkonzepte, Temperatur- und Abflussmonitoring, früh definierte Schwellenwerte sowie ein enger Einbezug der lokalen Fischerei.
Dieser Sommer hat zudem gezeigt, dass die kantonalen Fischereiverwaltungen personell und finanziell sehr unterschiedlich aufgestellt sind. Wir können nicht jeden neuen Hitzesommer wieder wie eine überraschende Katastrophe behandeln.
David Bittner
Der SFV diskutiert bereits über eine weitere Volksinitiative. Wann können sich Fischer dafür engagieren?
Am liebsten sofort! Eine Task Force unter der Leitung unseres Zentralpräsidenten Daniel Jositsch prüft derzeit verschiedene politische Massnahmen – darunter auch eine mögliche vierte Volksinitiative.
Die Herausforderungen für Fische, Gewässer und Fischerei nehmen zu. Gleichzeitig werden Errungenschaften des Gewässerschutzes politisch immer wieder infrage gestellt oder abgeschwächt. Deshalb brauchen wir eine starke und geeinte Stimme.
Neben der Mitgliedschaft in einem Fischereiverein kann man neu auch Einzelmitglied beim SFV werden. Das steht allen offen – unabhängig davon, ob jemand selbst fischt.
Je stärker der SFV und seine Mitgliedsorganisationen sind, desto mehr Gewicht haben wir gegenüber Politik, Behörden und Öffentlichkeit. Sollte tatsächlich eine neue Initiative lanciert werden, brauchen wir diese Basis. Dreimal hat der SFV diesen Weg bereits beschritten – dreimal mit Erfolg.

«Petri-Heil»: Was ratet ihr Forellenfischern nach diesem Katastrophensommer?
Andrin Krähenbühl: Die Fische in vielen Fliessgewässern hatten einen extrem harten Sommer. Wo es starke Verluste oder Umsiedlungen gab, sollten die verbliebenen Fische nun möglichst geschont werden. Gleichzeitig müssen wir aus diesem Sommer lernen. Erhebungen und Laichgrubenkartierungen können in den kommenden Jahren besonders wertvoll sein, um Veränderungen der Bestände zu verfolgen. Ebenso wichtig bleiben Lebensraumaufwertungen dort, wo Defizite bestehen.
Sind Forellen und Äschen, die diese extremen Temperaturen überlebt haben, nun gewissermassen «klimafitter»?
Es hat sicher eine gewisse Auslese stattgefunden. Von Anpassung würde ich aber noch nicht sprechen. Evolutionäre Anpassung ist ein sehr langsamer Prozess. Zudem spielt Zufall eine Rolle. Vielleicht war ein Fisch einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Vorerst gibt es deshalb vor allem eines: weniger Fische. Langfristig kann Auslese zur Anpassung beitragen – sofern sich die Umweltbedingungen nicht zu schnell verändern. Es gibt aber klare Grenzen. Aus einer Bachforelle wird nie ein Warmwasserfisch. Andere Arten kommen mit höheren Temperaturen wesentlich besser zurecht. Hinzu kommt: Auslese verkleinert die genetische Vielfalt einer Population zunächst, sie vergrössert sie nicht.
Andrin Krähenbühl
Nach anderen Umweltkatastrophen erholt sich die Natur teilweise erstaunlich schnell. Ist das auch in ausgefallenen Fliessgewässern möglich?
Leere Lebensräume werden grundsätzlich rasch wiederbesiedelt. Es gibt dort Platz und wenig Konkurrenz – eine sogenannte ökologische Gelegenheit. Entscheidend ist aber, ob irgendwo noch Populationen vorhanden sind. Eine lokal vollständig verschwundene Population kommt nicht von selbst zurück, wenn keine Verbindung zu anderen Beständen besteht. Deshalb sind Rückzugsgebiete und die Fischgängigkeit der Gewässer so wichtig. Auch die Häufigkeit schlechter Jahre ist entscheidend. Folgen mehrere ungünstige Sommer aufeinander, wird die Erholung stark erschwert. Zudem können andere Arten frei gewordene Lebensräume besetzen. Wenn die Bedingungen in den kommenden ein bis drei Jahren günstiger sind, bin ich aber durchaus optimistisch, dass sich viele Bestände erholen können.
Was tun bei einem isolierten Oberlauf, der erstmals vollständig trockengefallen ist und wegen eines natürlichen Hindernisses nicht wiederbesiedelt werden kann?
Nüchtern betrachtet wäre ein solcher isolierter Bachabschnitt ohne natürliche Wiederbesiedlungsmöglichkeit möglicherweise von Natur aus fischfrei. Gibt es keine besiedelten Seitengewässer, aus denen Fische einwandern oder absteigen können, bleiben grundsätzlich zwei Möglichkeiten: Man akzeptiert den Abschnitt künftig als fischfrei – insbesondere wenn er wahrscheinlich wiederholt trockenfallen wird. Oder man entscheidet sich für eine Wiederansiedlung. Ein solcher Besatz kann, anders als viele andere Besatzformen in Fliessgewässern, durchaus funktionieren. Voraussetzung ist aber, dass der Lebensraum weiterhin für die betreffende Art geeignet ist.
In anderen Bereichen wird Anpassung an den Klimawandel zunehmend selbstverständlich. Braucht es auch in der Fischerei neue Arten oder neue Bewirtschaftungsansätze?
Die Frage ist, ob wir unsere Gewässer als Habitate mit einer einzigartigen Fischvielfalt anschauen oder als Gewässer zur Nutzung der Fischbiomasse. Anmerken muss ich hierbei, dass es bei der Vielfalt nicht nur um die Artenzahl geht, sondern auch um die innerartliche Vielfalt. In den verschiedensten Schweizer Fliessgewässern (und Seen) existieren wohl unter anderem Hunderte von genetisch unterschiedlichen Forellenpopulationen. Der Ersatz dieser Vielfalt mit neuen Arten wäre ein Tiefschlag für die einheimische Biodiversität. Für mich als Fischer ist es zum Beispiel ein Highlight, dass die Forellen in jedem Bach etwas anders ausschauen. Erfahrungen zeigen zudem, dass gerade oft mit solchen gut gemeinten Einfuhren von standortfremden Nutztieren mehr Schaden als Nutzen angerichtet wird. Ich bin überzeugt, dass wir mit solchen Ansätzen sehr vorsichtig sein müssen. Weiter haben wir eigentlich in der Schweiz bereits zahlreiche einheimische, wärmetolerantere Fischarten wie z. B. den Alet, welche sich aktuell auch in vielen Fliessgewässern ausbreiten. Wenn die Fischgängigkeit weiter verbessert wird, steigt die Artenzahl in vielen Fliessgewässern von selbst an.
Andrin Krähenbühl
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