Hechte entgegen aller Theorie
27 | 04 | 2021 PraxisText & Fotos: Alexander Burgstaller 0917
27 | 04 | 2021 Praxis
Text & Fotos: Alexander Burgstaller 0 917

Hechte entgegen aller Theorie

Sollen wir uns auf die zahlreichen Fischertipps für den Hechtfang verlassen oder geht es auch ohne? Alexander Burgstaller ist beide Wege gegangen und berichtet über seine Erfahrungen.

Der Hecht lauert nicht immer da, wo man ihn erwartet. Recherchiert man mögliche Standorte am Zielgewässer, ist es nicht immer einfach, eine Auswahl zu treffen für das gezielte Fischen auf die Hechte. Es gibt viele Theorien darüber, was den Fangerfolg beeinflussen soll: Das Wetter, Strukturen des Gewässers, die Köderwahl und -Führung bieten eine riesige Fülle an möglichen Anhaltspunkten. Dass etwas dran ist, lässt sich nicht abstreiten. Mit ein wenig Beobachtungsgabe und Erfahrung erkennt man als Hechtfischer immer wieder Muster, die tatsächlich Erfolg bringen. Wer diese Muster alle beherrscht, sollte doch eigentlich keine Probleme mehr haben mit dem Hechtfang. Würde man meinen. Aber plötzlich funktioniert ein bewährtes Schema nicht mehr und stellt die Wichtigkeit dieser Faktoren wieder infrage. Oder wir können keine Rücksicht auf Einflussfaktoren wie Beisszeiten oder Wetter nehmen, weil es unser persönlicher Terminkalender nicht zulässt. Natürlich gibt es aber auch noch die Fischer, die immer Zeit haben und sich die idealen Bedingungen aussuchen können. Aber selbst diese scheinbaren «Cracks» sind bisweilen mit hartnäckigen, manchmal mehrtägigen Beissflauten konfrontiert. Dies führt mich schliesslich zu folgendem Schluss: Wenn es mir zeitlich möglich ist, gehe ich einfach fischen – egal welche Bedingungen gerade anzutreffen sind. Und dabei erlebe ich jeweilig einige Überraschungen.


Was tun, wenn die Theorie versagt?

Zu Beginn meiner Fischerkarriere habe ich mich immer wieder bestmöglich vorbereitet, die perfekten Stellen recherchiert, Wochen im Voraus das Wetter beobachtet, die Ausrüstung und Köder bis ins letzte Detail optimiert. Doch irgendwie ist dann am Gewässer alles anders. Wenn die Bisse ausbleiben, kommen bald einmal Zweifel auf. Fische ich mit dem richtigen Köder? Ist zu viel Bewegung im Wasser? Ist es zu warm? Ist die Köderführung falsch? Fragen über Fragen. Das eigene Können wird total infrage gestellt, wenn ich andere Fischer beobachte, die zur selben Zeit den einen oder anderen Hecht haken können.

 Mein bester Bielerseehecht hat wider Erwarten auf einen Westin ShadTeez in der Farbe Motoroil gebissen, dem ich in dem Moment kaum Chancen gegeben hatte.

Mein bester Bielerseehecht hat wider Erwarten auf einen Westin ShadTeez in der Farbe Motoroil gebissen, dem ich in dem Moment kaum Chancen gegeben hatte.

 Wichtiger als die mühselige Köderwahl unter einer riesigen Vielfalt ist es, möglichst oft einen Köder im Wasser zu haben. Denn dort fangen sie, und nicht in der Köderbox.

Wichtiger als die mühselige Köderwahl unter einer riesigen Vielfalt ist es, möglichst oft einen Köder im Wasser zu haben. Denn dort fangen sie, und nicht in der Köderbox.


Einfach fischen

Irgendwann begann ich, die Vorbereitung fürs Fischen zu vernachlässigen. Mir wurde es zu anstrengend, ständig das Wetter zu beobachten. Die Ruten blieben teilweise lange Zeit im Keller und die Köder wurden nicht mehr sorgfältig ausgewählt. Hatte ich vor, an einen speziellen Steg an der Aare zu fahren, entschied ich mich noch während der Hinfahrt für den Bielersee. Machte einfach, was mir gerade am besten passte. Die scheinbaren Top-Stellen waren mir nicht mehr so wichtig. Hauptsache fischen, die Natur und die einmalige Ruhe geniessen. Und dann kam da wie aus dem Nichts der Biss eines Hechts, der sich meinen Köder schnappte. Ein Hecht? Hier? Keine Struktur, keine Kante, nichts – aber es war tatsächlich ein Hecht. Ich staunte nicht schlecht.

Solche Szenarien haben mir gezeigt, dass es jederzeit und überall möglich ist, einen Hecht zu fangen. Ich fischte durch diese Erfahrung motiviert im Jahr 2020 mehrheitlich einfach drauflos – und es wurde entgegen aller Theorien mein erfolgreichstes Jahr.

Sollte ich also die ganzen Theorien ab jetzt einfach ignorieren und mich nur noch auf den Zufall verlassen?

  Flach und ufernah fischen im Mai? Dieser Mai-Hecht stand dicht am Grund in über 10?Metern Tiefe. © André Suter

Flach und ufernah fischen im Mai? Dieser Mai-Hecht stand dicht am Grund in über 10?Metern Tiefe. © André Suter

 Uferhecht am Bielersee. Auf dem Heimweg habe ich einen kurzen Stopp am See eingelegt und nach ein paar Würfen steigt dieser schöne Hecht ein. Auch kurze Versuche lohnen sich!

Uferhecht am Bielersee. Auf dem Heimweg habe ich einen kurzen Stopp am See eingelegt und nach ein paar Würfen steigt dieser schöne Hecht ein. Auch kurze Versuche lohnen sich!


Comeback der Theorien

Trotz des nicht garantierten Nutzens der vielen Theorien über den Erfolg beim Hechtfang orientiere ich mich
immer mal wieder daran. Sie sind allemal interessant und können die eigenen Erfahrungen ausweiten helfen. An dieser Stelle sind die wesentlichsten Aspekte aufgelistet, die man berücksichtigen – oder auch einfach ignorieren kann:

  • Wetter und Luftdruck: Unzählige Theorien finden sich zum Einfluss des Wetters. Mal ist es zu heiss, dann zu kalt oder der Wind kommt aus der falschen Richtung. Vielfach belegt ist auch, dass der Lufttdruck das Verhalten der Hechte ändert.

  • Licht: Je nach Gewässer (Grösse, Trübung, Tiefe) ist es mal zu sonnig, dann wieder zu wenig hell.

  • Struktur: Die Gewässerstrukturen spielen beim Hecht sehr wahrscheinlich eine besonders wichtige Rolle. Meistens werden Krautfelder oder steil abfallende Kanten befischt. Aber auch das Freiwasser kann interessant sein.

  • Jahreszeit: Frühling, Sommer, Winter oder Herbst. Jede Zeit ist anders zu bewerten und bietet unterschiedliche Optionen für das Hechtangeln.

  • Tageszeit: Morgens, mittags, nach­mittags, am Abend oder sogar in der Nacht werden Hechte gefangen. Da kommt es wohl eher auf das Schlaf­verhalten von uns an.

  • Köderwahl: Farbe, Grösse, Köder­führung. Je nach Wassertrübung reagieren die Hechte auf diverse Köderfarben anders. Und je nach Wassertemperaturen variiert das Temperament der Hechte und damit die passende Aktion.

  • Ausrüstung: Boot, Echolot, Rute, Vorfach, Knoten und verwendete Haken bieten eine unendliche Spielwiese zum Optimieren.


Theorie mit Mass

Und das ist noch nicht alles, was man berücksichtigen kann. Es gibt noch viele weitere Theorien, an die man beim Hechtfischen denken könnte. Doch man sollte diesen nicht allzu viel Gewicht beimessen. Hört man doch ziemlich oft, dass beim Felchenfischen am 12er-Haken ein ordentlicher Hecht angebissen hat. Entgegen der populären Theorie vom grossen Köderhappen, haben die Hechte in diesen Fällen die sehr kleinen Nymphen als Stück Nahrung angesehen. Es gibt etliche solcher «Ausnahmen», die sich herumsprechen. Als ein weiteres Beispiel nenne ich auch die Köderfarbe. Bei klarem Wasser sollten Köder in natürlichen Farben besser funktionieren und bei getrübten Verhältnissen auffälligere Farben und stärkere Kontraste. Dennoch werden viele Hechte in klarem Wasser mit Ködern im grellen «Firetiger»-Dekor gefangen. Und meinen bisher grössten Hecht habe ich auf einen Westin ShadTeez 16 cm in der Farbe Motoroil gelandet, obwohl die Bedingungen eigentlich gegen diesen Köder gesprochen haben. Auch die Fangstelle entsprach nicht dem üblichen Hechtrevier zu diesem Zeitpunkt. Was schlussendlich wohl mehr als jede Theorie zählt, ist, dass man ans Wasser geht und fischt. Und ich bin fest überzeugt, dass der eine oder andere auch an den «aussichtslosesten» Stellen unter den wohl «schlechtesten» Bedingungen bisweilen erfolgreich sein wird. Und nicht immer muss es der ganze Tag am Gewässer sein. Auch kurze Versuche mit ein paar Würfen zwischendurch können sich lohnen. Tue es einfach, denn nur ein nasser Köder fängt und bereichert unsere Erfahrungen für die nächsten Theorien.

 

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