Fahndung im Hechtrevier
16 | 05 | 2018 Schweiz | PraxisText & Fotos: Carsten Arbeiter 0464
16 | 05 | 2018 Schweiz | Praxis
Text & Fotos: Carsten Arbeiter 0 464

Fahndung im Hechtrevier

Im Bodensee-Untersee gibt es exzellente Hechtbestände. Doch vor dem Fangen steht das Finden. Im Mai und Juni ist daher das Driftfischen mit leichtem Spinngerät in flachem Wasser besonders erfolgreich. «Petri-Heil»-Mitarbeiter Carsten Arbeiter zeigt, wie und wo man zum Erfolg kommt.

Ich bin doppelt aufgeregt. Einmal natürlich wegen der Hechte. Aber vor allem, weil mein Sohn Aaron mit dabei ist. Die Schwalen und Egli hat er in den letzten beiden Jahren schon ziemlich erfolgreich geärgert. Mal sehen, ob ihm die Jagd auf Grosswild mit Gummifisch, Wobbler und Spinner genauso Spass macht.

Die Bedingungen an diesem Nachmittag stimmen: Das Wasser hat zwölf Grad und ist schön angestaubt, ein milder Westwind geht, Sonne und Wolken wechseln sich ab. Die erste Drift machen wir über knapp drei Meter Wasser. Gerade noch sieht man den Grund, das Kraut spriesst schon ein wenig. Wir montieren kupferne Spinner mit 18 Gramm – Bodensee-Hechte lieben Kupfer – und die sausen wie Satelliten in die Ferne. Aaron hat den Bogen schnell raus, und Auswerfen macht ja Laune.  «Kurbel gleich flott ein», sage ich ihm. Denn die Hechte nehmen im Frühjahr die Köder gern nah an der Oberfläche.

Und Bumm! Beim Papi hängt einer nach 20 Minuten. Ganz weit draussen hat er ihn genommen und wehrt sich wacker. Kein Riese, aber mit gut 60 Zentimeter ein prima Pfannenhecht. Der Sohnemann feumert, danach wird der Räuber erst einmal ausgiebig bestaunt. «Autsch!», meint Aaron, als er die spitzen Zähne untersucht.

Wir driften parallel zur Südseite der Insel Reichenau, keine hundert Meter vom Ufer entfernt. Das Revier ist riesig. Nach der Laichzeit stehen viele Hechte diesseits der Halde im Flachen zwischen zwei und fünf Meter Wassertiefe. Und zwar nicht nur die Kleinen: Letztes Jahr konnte ich einige Hechte über 85 Zentimeter beim Driftfischen erbeuten. Der beste verfehlte die Metermarke nur knapp.

«Hängt!», ruft Aaron plötzlich. Und zwar so laut, dass man ihn wahrscheinlich bis zur Nordsee hört. Tatsächlich ist die Rute krumm. Hänger? Von wegen! Schon schlägt es kräftig im Carbon. Und Aaron ist so aufgeregt wie konzentriert. Für einen Siebenjährigen ist ein Hecht von Mitte Sechzig ein richtig schwerer Gegner. Stück für Stück kommt er näher ans Boot. Ein Schwall, ein Schlag… Oh Petrus, lass ihn nicht abgehen! Und er bleibt dran. Aaron ist doppelt stolz, weil er sich den Köder ausgesucht hat: einen elf Zentimeter langen Lunker-City-Gummifisch, Modell Ghost Rainbow Trout, mit zehn-Gramm-Bleikopf. Wie wird der Fisch bestaunt! Auch der Papi ist stolz. Und das war nicht der letzte Streich. Sechs Hechte fangen wir in drei Stunden, alle im Flachen.


Erfolgreiches Driftfischen

Die Hechte konzentrieren sich immer in bestimmten Bereichen, und die wechseln ständig. Deshalb muss man erst einmal nach ihnen fahnden. Dazu verwende ich am liebsten Mörrum-Spinner, weil man die weit werfen und zügig einholen kann. Ausserdem stehen Bodensee-Hechte auf Spinner. Geht nach einer Stunde nichts, probiere ich Gummifische. Auch die ziehe ich zunächst zügig und ohne Spinnstopps ein, um viel Fläche abzufischen. Da die Hechte im Mai und Juni gern nah an der Oberfläche räubern, lasse ich die Kunstköder gar nicht zum Grund sinken, sondern beginne gleich nach dem Eintauchen mit dem Einkurbeln.

Hat man einen Biss, lohnt es sich unbedingt, in diesem Bereich die Fahndung fortzusetzen. An einem Tag letzten Mai hatten wir elf Hechte innerhalb weniger Stunden – alle auf der Fläche eines Fussballplatzes. Wenn ich ein solches Raubrevier gefunden habe, variiere ich die Führung stärker, lege Spinnstopps ein oder twitche die Wobbler und Gummfische.

Fürs Driftfischen reicht eine Gummifischrute mit 2,40 m Länge und 40 Gramm Wurfgewicht, dazu eine geflochtene 0,16er-Hauptschnur und ein etwa 80 Zentimeter langes Vorfach aus Hardmono. Mehr braucht es nicht, denn neben Spinnern und Wobblern kommen Gummifische von elf Zentimeter mit Bleiköpfen von zehn bis 15 Gramm zum Einsatz.

 Im Frühjahr lauern die Hechte im Flachwasser. Hier wird die Südseite der Insel Reichenau bei perfektem Wind befischt.

Im Frühjahr lauern die Hechte im Flachwasser. Hier wird die Südseite der Insel Reichenau bei perfektem Wind befischt.

 Der erste Hecht ist im Boot. Vater und Sohn sind glücklich.

Der erste Hecht ist im Boot. Vater und Sohn sind glücklich.

 Bauchige Wobbler im Egli-Dekor werden von Bodensee-Hechten immer wieder gern genommen.

Bauchige Wobbler im Egli-Dekor werden von Bodensee-Hechten immer wieder gern genommen.

 Hechtwetter zwischen Reichenau und Ermatingen. Im Vordergrund sind Fischreiser zu erkennen.

Hechtwetter zwischen Reichenau und Ermatingen. Im Vordergrund sind Fischreiser zu erkennen.

 Aarons erster Hecht.

Aarons erster Hecht.

 Prächtiger Drifthecht aus dem Flachwasser mit 98 cm.

Prächtiger Drifthecht aus dem Flachwasser mit 98 cm.


Bedingungen und Bestände

Ein Wind der Stärke 2 oder 3 ist für das Driften ideal. Bei Windstille fällt das Suchen der Fische schwer, man kommt nicht vom Fleck. Doch an einigen Stellen lässt sich die Rheinströmung nutzen. Geht im Flachen gar nichts, lohnt sich ein Versuch an der Halde. Dort fällt das Wasser schnell auf zehn Meter und mehr ab. Dennoch fische ich im Frühjahr auch hier unter der Oberfläche. Nur wenn keine Bisse kommen und die Hechte offenbar nicht aktiv sind, klopfe ich mit einem schwereren Gummifisch den Grund ab. Das wird dann allerdings ziemlich mühselig, und für solche Fälle habe ich immer eine Felchenrute dabei.  

Bis Mitte/Ende Juni stehen die Hechte im Flachen. Unmittelbar nach der Schonzeit (die es im Bodensee nicht mehr gibt) findet man sie oft in nur zwei Meter flachem Wasser; in den folgenden Wochen fängt man sie meist in Tiefen zwischen drei und fünf Meter. Erst wenn das Wasser über 16 Grad warm wird, ziehen die meisten Hechte an die Halde oder ins Freiwasser. Hier wird ihnen mit der Schlepprute oder schweren Gummifischen nachgestellt, aber das ist eine andere Geschichte.

Es gibt wirklich viele Hechte im Untersee. Das liegt am guten Futterangebot, die Tiere wachsen schnell. Zusätzlich zu den guten natürlichen Reproduktionsbedingungen betreiben die Berufsfischer Laichfischfang. Hechte zwischen sechzig und achtzig Zentimeter sind zahlreich, und auch Fische von über einem Meter werden regelmässig gefangen. Aber natürlich springen einem die Hechte nicht ins Boot. Viel hängt vom Wetter ab: Bei Windstille, Ost- und Nordwind, Wetterwechsel und stark schwankenden Temperaturen bleibt man als Untersee-Neuling besser zu Hause. Bläst der Wind dagegen stetig aus Süd und West und ist das Wasser stabil zwischen 12 und 16 Grad warm, kann man beim Driften echte Sternstunden erleben.

 

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