Der Mister und das Meer
20 | 03 | 2013 DiversesText: Lukas Bammatter 0195
20 | 03 | 2013 Diverses
Text: Lukas Bammatter 0 195

Der Mister und das Meer

Nein, hier geht es nicht um einen epischen Drill-Krimi, sondern das Porträt des ersten Mister Schweiz, der sich hochoffiziell als Fischer «outet». Am Zürichsee aufgewachsen, entwickelte Sandro Cavegn früh eine Begeisterung für Wasser und Fische. Heute fischt er am liebsten mit kleinen Booten und einfachem Gerät auf kampfstarke Meerfische.

Ich zögere, als ich eine Anfrage für ein Interview mit dem amtierenden Mister Schweiz, Sandro Cavegn erhalte.

«Fischt der etwa?», frage ich die Angestellte einer Kommunikationsagentur skeptisch. «Ja, er macht eine Botschafterreise nach Florida und geht dort zum Hochseeangeln», kriege ich zu hören. «Nur weil er dort eine Rute in die Hand nimmt, ist er noch lange kein Fischer», entgegne ich.

«Nein, nein, Sandro ist ein leidenschaftlicher Hochseefischer», präzisiert die freundliche Dame am anderen Ende der Telefonleitung. Nach längerem Hin und Her lasse ich mich zu einem Treffen überreden.


Am Zürichsee aufgewachsen

Im persönlichen Gespräch mit Sandro merke ich schnell: Der amtierende Mister Schweiz ist ein leidenschaftlicher Fischer; wenn auch keiner der alltäglichen Sorte. Aber zuerst mal ein paar Worte zur Person hinter der schönen Oberfläche.

Sandros Familie stammt – der Name verrät es – aus dem Bündnerland. Genauer gesagt aus Sedrun, einem Bergdorf in der Surselva, der Talschaft des oberen Vorderrheins. Sandro kam in Chur zur Welt und lebte dort bis er vier Jahre alt war.

Dann zog die Familie um nach Rapperswil. Sandro meint dazu: «Wie das Wasser zu Tal fliesst, hat es auch mich ins Unterland getrieben.» In Rapperswil lebt Sandro noch heute. Auf den Zürichsee vor der Haustür könne er nicht mehr verzichten. Er brauche die Nähe zum Wasser.


Als «Seebueb»…

…hat Sandro viele Stunden mit seinen Freunden im Stampf, dem Bootshafen in Jona verbracht. Dabei entstand auch seine Faszination für Fische und die Fischerei.

In der Jona, dem Bach der zwischen dem Hafen und der Badeanstalt in den Zürich-Obersee mündet, trieben er und seine Freunde die Fische, meist Schwalen und Egli, in kleine Feumer. «Manchmal», erzählt er mit einem Schmunzeln, «war auch eine Forelle dabei.» Das sei «nicht ganz legal» gewesen, aber als Kind verschwende man in solchen Momenten halt keinen Gedanken an das Fischereigesetz.

Heute blickt Sandro etwas wehmütig auf diese Jungendzeit zurück. Er findet: «So viele Fische wie damals hat es heute nicht mehr im Zürichsee.» Vor 20 Jahren habe er oft grosse Eglischwärme beim Jagen beobachtet. Das sehe man heute kaum mehr, und wenn, dann nur in viel kleinerem Ausmass.

Darum fische er heute nur noch selten im Zürichsee. Der Bootsgemeinschaft, der er eine Zeit lang auch angehörte, schliesst er sich manchmal bei schönem Wetter zum Eglifischen an. Und zur Seeforelleneröffnung fährt er mit seinen Kollegen ebenfalls auf den See. In erster Linie zähle dabei jedoch der soziale Aspekt, das Zusammensein unter Freunden.

Mit dem, was er unter Fischen versteht, habe das jedoch wenig zu tun. «Ich gehe fischen um Fische zu fangen! ‹Hauptsache an der frischen Luft› ist nicht mein Motto. Ich mag nicht einen ganzen Tag auf dem Wasser zu verbringen, um nur ein, zwei Fische zu fangen.»


Meerfischen in Venezuela

Mit 22, als Sandro bei einer Schweizer Grossbank angestellt war, absolvierte er einen dreimonatigen Sprachaufenthalt an der Küste Südenglands. Dort lernte er am Pier einen lokalen Angler kennen, der ihm viel über die Meerfischerei erzählte.

Er zeigte ihm die richtige Ausrüstung, die fängigen Methoden und erklärte ihm den Einfluss der Gezeiten. Sandro war fasziniert. Er kaufte sich eine eigene Ausrüstung und fing damit mehrere Wolfsbarsche. Gleichzeitig lernte er in der Sprachschule mehrere Venezolaner kennen, die ihn für ihr Land und vor allem ihr Meer begeisterten. Das Ziel seiner ersten Meerfischerreise war definiert.

Noch im selben Jahr reiste er in den südamerikanischen Staat an der Karibikküste. Mit dabei, auch auf den meisten seiner weiteren Meerfischerreisen, waren seine Kumpels vom Club Albatros. Eine eingeschworene Gemeinschaft bestehend aus sechs langjährigen Freunden, von denen vier leidenschaftlich gerne fischen.


Für eine Handvoll Dollar…

…fuhr sie ein heimischer Berufsfischer mit seiner «kleinen Nussschale» mehrere Stunden aufs Meer hinaus. Auf dem Rückweg hatten sie oft mit grossen Wellen zu kämpfen. «Leichtsinnig, mit einem solch kleinen Boot so weit raus zu fahren», meint er rückblickend selbstkritisch. «Anfang 20 macht man eben solche Dummheiten. Im Nachhinein ist es ein unvergessliches Abenteuer!»

Weitere Reisen führten sie in die Dominikanische Republik, nach Costa Rica und Kolumbien. Begeistert erzählt er von den Drills mit kampfstarken Dorados, Königs- und Stachelmakrelen, sowie diversen Thunfischarten.

Sandro ist begeistert von der Kampfkraft der Meerfische. «Das ist nicht mit dem Drill eines Hechts zu vergleichen.» Die meisten Fische, die er fängt setzt er zurück. «Ich entnehme nur, was ich am selben Tag essen kann. Was zählt ist der Drill.»


Fasziniert von der Natur

Sandro gefällt das Ursprüngliche am Fischen, der Kampf Mensch gegen Natur, Mann gegen Fisch. Daher beanspruchte er bis anhin auch nie ein umfassend ausgestattetes Charterboote oder eine teure Ausrüstung. Meist sucht er sich einen Berufsfischer mit einem einfachen Holzboot, der ihn mit aufs Meer nimmt.

Eine einfache Ausrüstung, bestehend aus Rute, Rolle und Schnur nimmt er auf seinen Reisen meist von zu Hause mit. Manchmal fischt er aber auch mit einer Handangel. «Als ich das erste Mal nach Venezuela zum Meerfischen ging, kaufte ich für hunderte Franken hochwertiges Gerät und Kunstköder ein», erzählt er.

«Heute weiss ich, dass man um im Meer erfolgreich zu fischen nur eine kräftige Rute, eine robuste Rolle, eine ausreichend dicke Schnur sowie einen starken Haken benötigt.» Aus der Köderwahl macht er keine Philosophie: «Rasselnde Kugeln im Körper, lebensechte Dekors und ein naturalistisches Laufverhalten – alles okay, aber nichts ist so fängig wie ein Köderfisch. Warum also soll man sich das Leben unnötig schwer machen und mit Kunstködern fischen?», findet er.

Vielmehr begeisterte ihn, wie ein Kollege vor der kolumbianischen Insel San Andrés nur mit einer Handleine und einem Köderfisch einen drei Meter langen Marlin fing.


«Hailight» in Florida

Das Highlight in der bisherigen Meerfischer-Laufbahn war der Ausflug vor die Küste Floridas. Für einen Nachmittag fuhr er mit einem erfahrenen Skipper raus zum Fischen. Nach einem 45-minütigen Drill fing er einen knapp zwei Meter langen Haifisch, der ihm beim Zurücksetzen beinahe die Hand abbiss. Für Sandro, nicht nur wegen des Beinahe-Unfalls, ein unvergessliches Erlebnis.

Allerdings sei ein halber Tag schon etwas kurz gewesen. Gerne hätte er die Küstengewässer Floridas ausgiebiger mit der Rute erkundet. Daher habe er sicherheitshalber die Koordinaten des Guides notiert. Und seinen Fischerfreunden habe er ausführlich von der Haifischerei vorgeschwärmt. Die Planung für die nächste Fischerreise nach Florida läuft…

 

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