Bergseepirsch auf Sicht
06 | 07 | 2012 SchweizText: Guido Vinck 01047
06 | 07 | 2012 Schweiz
Text: Guido Vinck 0 1047

Bergseepirsch auf Sicht

Das Fliegenfischen auf Sicht zählt zu den schönsten und fängigsten Methoden für Forellen und Saiblinge. Passend zum anbrechenden Bergsommer verrät Ihnen Guido Vinck seine spannende Fangstrategie für den Bergsee.

Die flachen Uferzonen der Bergseen bieten für Forellen meist das grösste Futterangebot. Hier tummeln sich nicht nur Kleinfische wie Elritzen oder Groppen, sondern auch viele Insekten.Zwischen, unter und auf den Steinen im Flachwasser krabbeln die Larven von Eintags-, Köcher- und Steinfliegen.

Auf der Wasseroberfläche findet man häufig Landinsekten wie Ameisen, Käfer und Grashüpfer, die der Wind aus der Ufervegetation hierher verfrachtet hat. Besonders an warmen, sonnigen Tagen, wenn die Insekten aktiv sind, lohnt es sich also für die Fische in Ufernähe nach Nahrung zu patrouillieren. Das ist unsere Chance sie auf Sicht zu fangen.


Faszinierendes «Stalking»

Das Fischen auf Sicht beginnt mit dem Entdecken und Belauern des Fischs. Die Engländer haben ein schönes Wort dafür. Sie nennen es «Stalking» – wohlbekannt aus der Welt der Promis. An kleinen bis mittelmässig flachen Gewässern ermöglicht es uns, vom Ufer aus Forellen zu finden und zu fangen.

Stalking ist auf den ersten Blick ziemlich einfach: Am Ufer entlang wandern, die Augen nach Forellen offen halten, ihre Reaktionen und ihr Schwimmverhalten beobachten und dann versuchen, sie zu fangen. Es ist schon etwas Besonderes, eine Forelle in glasklarem Wasser aufzuspüren. Den ultimativen Kick bekommt man aber erst dann, wenn man dem Fisch dabei zusieht, wie er sein Maul öffnet und die Kunstfliege arglos einsaugt.

Erfolgreiches Stalken beginnt mit dem Beobachten. Dafür braucht man unbedingt eine Polarisationsbrille. Beim Beobachten muss man äusserst ruhig sein. Man sollte vorsichtig wie ein Reiher um den Bergsee pirschen und sich auf die Fische konzentrieren.

Als Faustregel gilt: Bewegen Sie sich so langsam, dass Sie den Weg mit den Füssen ertasten können, ohne Ihren Blick vom Wasser abwenden zu müssen. Tarnung ist das nächste Stichwort. Pirschen Sie gebückt am Ufer entlang, nutzen Sie den Schutz der Ufervegetation, tragen Sie unauffällige Kleidung – und Sie sind schon fast am Ziel.


Die perfekte Ausrüstung

Eine 9 bis 10 Fuss (2,70 bis 3,0 Meter) lange Rute mit einer Schwimmschnur der Klasse 4 bis 6 und ein Feumer sind alles, was man braucht. Die Rute sollte kein Knüppel sein, auch keine parabolische Aktion haben, aber semi-progressiv arbeiten, sodass Sie zwar relativ fein fischen können, aber dennoch kräftig dagegenhalten können, wenn ein grösserer Fisch zuschnappt.

Eine gut ausbalancierte Rolle mit fein justierbarer Bremse ist wichtig. Wenn Sie einen Fisch wenige Meter vor den eigenen Füssen haken und er abgeht wie eine Rakete, muss Ihre Bremse fehlerlos arbeiten. Vorfachschnur, Fliegen und andere Kleinteile sind in der Fliegenfischerweste sicher verstaut.

Grosse Forellen halten sich meist ziemlich dicht am Ufer auf und suchen den Schutz von Schilf, unterspülten Ufern und überhängenden Ästen. Deshalb müssen Sie nicht immer weit werfen, um sie zu fangen.

Verwenden Sie am besten ein etwa 4,5 Meter langes Vorfach. Sie können es selber knoten. Wer es einfacher mag, kauft ein fertiges, zum Beispiel ein 2,70 Meter langes Vorfach, das sich von 0,50 Millimeter auf 0,22 bis 0,20 Millimeter verjüngt.

Daran knotet man einen guten Meter Vorfachspitze von 0,18 oder 0,16 Millimeter. Für grosse Forellen erscheint diese Montage vielleicht etwas zu fein, aber im glasklaren Wasser müssen wir unauffällig bleiben – die Fische sehen alles. Ausserdem fischen wir auch nicht mit allzu grossen Fliegen.

Der Anhieb muss nicht kräftig sein. Wenn Sie den Fisch zuschnappen sehen, können Sie den Anhieb in Ruhe setzen und so Schnurbrüche vermeiden. Die Länge der Vorfachspitze und die Beschwerung der Fliege passe ich der Gewässertiefe und dem Standort der Fische an. Je tiefer ich fische, desto länger die Vorfachspitze und schwerer die Fliege.


Aktuelle Nahrung imitieren

Ein entscheidender Vorteil beim Fischen auf Sicht ist, dass wir die Fische bei der Nahrungsaufnahme beobachten können. Mit etwas Glück erkennen wir, was die Fische gerade fressen. Häufig findet oder sieht man grössere Ansammlungen eines bestimmten Insekts in der Ufervegetation umherkrabbeln, in der Luft fliegen oder auf dem Wasser zappeln. Das ermöglicht uns, unsere Fliegenwahl den Fressgewohnheiten anzupassen.

Sind keine Hinweise auf das aktuelle Insektenangebot zu finden, wählt man am besten ein unauffälliges, nicht zu grosses Fliegenmuster. Als kleinen Reizpunkt darf es mit einem farbigen Kopf oder einem schimmernden Rücken (engl. Flashback) ausgestattet sein. So erweckt unsere Fliege schneller die Aufmerksamkeit der Fische unter Wasser.

Da unser Gerät und die Fliegen nun tiptop in Ordnung sind, können wir mit dem Stalken beginnen. Grundsätzlich sollten Sie dabei die Lichtverhältnisse beachten. Wenn die Sonne scheint, ist es allemal besser, wenn der Lichteinfall von hinten kommt. Aber hüten Sie sich davor, einen Schatten aufs Wasser zu werfen, denn Forellen können besser sehen als Sie selbst.


Beobachtung und Präzision

Schleichen Sie am Ufer entlang bis Sie einen Fisch entdeckt haben. Bleiben Sie einen Moment lang regungslos stehen und beobachten Sie den Fisch. Schauen Sie genau hin, was er macht. Steht er regungslos am Gewässergrund oder sucht er Nahrung, hat er Appetit und wühlt aufgeregt am Boden?

Treten Sie vorsichtig vom Ufer zurück. Ziehen Sie einige Meter Schnur durch den Spitzenring und versuchen Sie, mit nur einem Wurf die beschwerte Fliege etwa 50 Zentimeter vor den Fisch zu werfen. Dann ohne Zug absinken lassen. Wenn der Fisch nicht allzu misstrauisch ist, wird er schon bald auf die Fliege zuschwimmen.Das ist ein herrlicher Anblick. Wenn Sie die Fliege nicht mehr sehen, heben Sie die Rute behutsam und kontrolliert hoch. Jetzt kann der Spass beginnen!

Bei hohem Uferbewuchs und zwischen Sträuchern können Sie die Fliege mit einem Rollwurf im Wasser platzieren. Reagiert der Fisch nicht, lassen Sie die Fliege zu Boden sinken und einige Sekunden liegen.

Es kommt gar nicht so selten vor, dass Forellen ihre Nahrung vom Grund sammeln. Ein toter Fisch oder Wurm sind für sie besonders leckere Happen. Auch hier kann der erwähnte Farbtupfer das Auffinden der Fliege für den Fisch erleichtern. Schnappt der Fischt nicht zu, kann man die Fliege vom Boden heben. Nichts macht eine Forelle neugieriger als ein Insekt, das sich vor ihren Augen plötzlich vom Grund abhebt und verführerisch zuckt.

Ein letzter Trick wäre, eine Fliege mit einer ganz anderen Farbe anzubinden. Sollte das alles nichts helfen, zieht man sich leise zurück und sucht den nächsten Fisch. Wenn Sie den Dreh raus haben und in der Uferzone auf Sicht fangen, können Sie mit dieser Taktik auch die weiter entfernt stehenden Fische anwerfen.

 

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