Am Pazifik
19 | 11 | 2019 ReisenText & Fotos: Daniel Luther 01073
19 | 11 | 2019 Reisen
Text & Fotos: Daniel Luther 0 1073

Am Pazifik

Alles stimmt, doch nichts geht! Aus Glück wird Pech und mit viel Glück ein unvergessliches Abenteuer, das der Autor so lieber nicht erlebt hätte. Eine wahre Geschichte aus dem kanadischen Sommer 2019.

In der Morgendämmerung ziehen Nebelschwaden träge über die Bucht und bleiben in den alten Zedern auf den Inseln in der Ferne hängen. Die Flut hat ihren Höchststand erreicht, und der spiegelglatte Pazifik schimmert wie poliertes Silber. An der Oberfläche ziehen Schwärme von Heringen und Sandaalen. Ein Schweinswal taucht schnaufend auf, ein fetter Eisvogel fällt wie ein Stein ins Wasser und fliegt mit einem Schnabel voll zappelnder Fischchen davon. Die Bedingungen sind noch besser als gestern! Doch von den entscheidenden Jägern in meinem Plan ist nichts zu sehen: Keine Schwälle, keine Sprünge, keine Lachse. 

Ich bin ratlos. Um diese Zeit Anfang August sollten sie doch zuverlässig hier sein, die Chinooks, Cohos und Pinks. Sie jagen den ganzen Sommer entlang den Küsten der Queen Charlotte Strait. Oft so nahe, dass man an Stellen, wo tiefes Wasser in Wurfweite liegt, kein Boot braucht. 

Vancouver Island, insbesondere die Meerenge zwischen der Ostküste und dem bis heute unerschlossenen «Mainland» gilt als einer der weltweit besten Orte, um pazifische Lachse vom Ufer aus zu fangen. «Wie Meerforellenfischen auf Speed», habe ich mit Gänsehaut in einem Forum gelesen. Darauf habe ich mich lange gefreut und akribisch vorbereitet. Ich habe ein Haus direkt am Strand gemietet. Kein Boot. 

An diesem zweiten Tag dämmert mir nicht zum ersten Mal in meinem Leben, dass grosse Erwartungen und weite Reisen ein zuverlässiges Rezept für schmerzhafte Enttäuschungen sind. Oder für unverhofftes Glück. 


Bereit fürs Glück 

Am Abend zuvor treffen wir am Strand zufällig unsern Nachbarn. Er lächelt und drückt uns wortlos ein Bier in die Hand. Zuerst trinken wir still und schauen andächtig zu, wie die Sonne im Meer versinkt. Dann stellt sich Mervyn vor und erzählt. Von seiner Kunst, von den Totems, die er schnitzt, von seinem Stamm, den Kwakiutl, die hier schon seit über 4000 Jahren leben. Irgendwann sagt er, er habe mich beim Fischen beobachtet und schüttelt den Kopf: «Mir ist schon klar, was du versuchst, aber die Lachse kommen dieses Jahr nicht in die Bucht.» Er überlegt: «Nimm morgen mein Kanu und fahr raus zu den Inseln. Wenn die Fische nicht zu dir kommen, musst du zu ihnen.» 

Also schiebe ich am folgenden Tag das Kanu von Mervyn über Kies und Tang ins Wasser. Die Paddel sind mit Fischköpfen bemalt. Ich steige in meiner Watmontur ein und erschrecke über das nervöse Geschaukel. Aber mit jedem Ruderschlag wächst das Vertrauen und ich komme gut vorwärts. Endlich erreiche ich die verheissenden Inseln. Zuerst versuche ich es mit dem silber-blauen Storm-Stickbait, der perfekt einen pflückreifen Hering imitiert, dann mit dem weissen Snaps. Beide Köder bieten eine grandiose Show, aber niemand interessiert sich dafür.  


Tiefer!

Ich muss tiefer fischen! Aus meiner Rockfishing-Box wähle ich einen 14 Gramm schweren Pfeilkopf-Jig und einen 7,5 cm-Rockvibe Shad in Fluo-Bubblegum. Zum Glück ist der Pazifik heute wirklich friedlich und ich treibe nur ganz langsam. Der Köder erreicht fast senkrecht den Grund in etwa acht Metern Tiefe. Ich straffe die Schnur, und schon verneigt sich meine Spinnrute tief. Der gierige Räuber tobt wie ein Berserker. Es ist ein Copper rockfish, ein Rotbarsch, der aussieht wie ein Egli im Punk-Outfit. Ich fange mehrere bis gegen 60 Zentimeter, dann steigt ganz nah am Grund ein schwereres Kaliber ein. Nach der ersten Flucht bin ich fassungslos. Unendlich lange Minuten später taucht ein breitnackiger King neben dem Kanu auf. Mein Herz steht fast still. «Mein» Lachs springt wie in Zeitlupe hoch aus dem Wasser und schüttelt sich den Bleikopf aus dem Maul. Wow! Ich will weiterfischen, doch der Wind frischt auf. Höchste Zeit heimzukehren.


Reiche Fischgründe

Am nächsten Frühmorgen begleitet mich mein Sohn Jonas. Wir paddeln in den Sund zwischen den Inseln, und das Fischen ist noch besser. Mit Jigs von 14 bis 28 Gramm mit fluoreszierenden Shads und Twistern fangen wir Plattfische, Felsenbarsche, Riesengroppen und schliesslich auch den zähnestarrenden Lingcod, einen Fisch, der in British Columbia fast so populär ist wie Lachs und Heilbutt. Der Biss ist brutal, der Drill wild und das saftige Fleisch perfekt für Sashimi. 

Da das Meer ruhig bleibt, fahre ich auch mit Nina hinaus. Sie fängt Fische, bis ihre Arme schmerzen, ich beschränke mich aufs Landen und Lösen. Da wir ohne Widerhaken fischen, kein Problem. Als Nina fasziniert die lebensechte Aktion ihres Gummifischs unter dem Boot beobachtet, passiert es wieder: Ein grosser Coho packt den Köder und schiesst im nächsten Moment wie eine funkelnde Rakete in die Luft. Und ist weg! 

 Die Vielfalt an gierigen Räubern im Nordpazifik ist beeindruckend.

Die Vielfalt an gierigen Räubern im Nordpazifik ist beeindruckend.

 Ein unvergesslicher Fang. Für das Fischen auf grosse Räuber auf dem Meer ist ein Kanu aber zu wenig seetauglich.

Ein unvergesslicher Fang. Für das Fischen auf grosse Räuber auf dem Meer ist ein Kanu aber zu wenig seetauglich.

 Ein unvergesslicher Fang. Für das Fischen auf grosse Räuber auf dem Meer ist ein Kanu aber zu wenig seetauglich.

Ein unvergesslicher Fang. Für das Fischen auf grosse Räuber auf dem Meer ist ein Kanu aber zu wenig seetauglich.


Krönung und Krise 

Am nächsten Morgen ist die Mission klar. Ein Lachs ist realistisch. Sie jagen da draussen. Ich setze auf den Dart-Jig plus Pink, mein Sohn probiert es auf Heilbutt mit einem grossen weissen Twister. Als der Biss kommt, bin ich nicht überrascht. Doch als ich den mächtigen Fisch zum ersten Mal sehe, werde ich überflutet von Adrenalin. Die blitzschnellen Runs sind Vergnügen und Qual. Werde ich ihn kriegen? Ich hüte mich, den Fisch zu stark zu forcieren, er soll um Himmels willen nicht springen. Endlich, endlich zeigt er neben dem Kanu seine breite silberne Flanke. Doch wie bringen wir diesen Brocken mit dem kurzen Watfeumer ins Kanu? Jonas beugt sich weit vor, ich lehne mich zurück, und irgendwie hievt er den Fisch ins Boot. Yesssss!!! Wir jubeln ungläubig, da springt der Lachs aus dem Netz. Ich kann ihn reflexartig festhalten, doch dabei kentert fast das Kanu. Es läuft beinahe zur Hälfte voll und wir liegen fatal tief im Wasser. Eine falsche Bewegung oder eine Welle, und wir werden hier draussen auf dem kalten Pazifik absaufen. Nach der ersten Panikwelle beginne ich mit der Köderbox das Wasser aus dem Kanu zu schöpfen. Jonas tötet den Lachs. Das Meer bleibt ruhig. Irgendwann nach einer Ewigkeit sind wir zurück am Strand. Geschockt, erschöpft und absurd glücklich. Die Schönheit des chromglänzenden Chinook erscheint mir völlig unwirklich. Jonas sagt: «Zum Glück habe ich keinen Heilbutt gefangen …»

 

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