Wildbachfischen[ – Anleitung für ein Sommer-Abenteuer]
01 | 08 | 2019 Schweiz | PraxisText & Fotos: Daniel Luther 02169
01 | 08 | 2019 Schweiz | Praxis
Text & Fotos: Daniel Luther 0 2169

Wildbachfischen – Anleitung für ein Sommer-Abenteuer

Dieses Abenteuer wartet praktisch vor Deiner Haustüre. Die Schweiz ist zwar dicht besiedelt, doch Jura und Alpen sind durchzogen von Tausenden von Bächen und ihren Tobeln, Schluchten und Tälern. Bei genauerem Hinschauen erfreulich viel Platz für alle, die Freude an ursprünglicher Natur haben und bereit sind, sich inklusive aller Widrigkeiten darauf einzulassen.

Wildbach? Eigentlich wollte ich ja über die Bergbachfischerei schreiben. Beim Recherchieren fand ich zu meinem Erstaunen heraus, dass gar keine exakte Definition für Bergbach existiert. Jene Eigenschaften des Gewässers, die die Wahl von Technik, Gerät und Köder beeinflussen, sind nicht abhängig von der Höhe über Meer, sondern viel mehr vom Charakter der Landschaft, durch die der Bach fliesst. Im Engadin gibt es friedlich kurvende Wiesenflüsschen oberhalb der Baumgrenze, wo «Bergbach-Taktik» nicht funktioniert, und im Tessin findet man unwegsame Bachschluchten auf knapp 400 Meter über Meer, wo die Forellen so wild sind wie nirgendwo.

Überleben

Wildbäche sind ein extremer Lebensraum für Fische und alle ihre Mitwasserbewohner. Sie sind geprägt durch starkes Gefälle, heftige Strömungen sowie kaltes und oft auch trübes Wasser. Ihr Grund besteht entweder aus blankem Fels und Steinbrocken oder groben Kieseln. Feineres Kies, Sand oder gar Schlamm lagern sich nur in den wenigen ruhigen Winkeln ab. Wasserpflanzen sind rar oder fehlen ganz. Entsprechend karg ist das Nahrungsangebot. 

Nur wenige Wasserinsekten kommen mit diesen Bedingungen zurecht. Die wichtigsten drei Gruppen sind Eintagsfliegen, Steinfliegen und Köcherfliegen. Die Larven von wildbachtauglichen Eintagsfliegen (z. B. Alpine Olives wie Baetis und Ecdyonurus) und Steinfliegen sind stark abgeflacht und haben kräftige Beine als Anpassung an die Strömung. Der Köcherfliegen-Nachwuchs lebt unter Steinen oder beschwert sich mit einer Hülle aus Steinchen und sucht sich generell ruhigere Plätzchen. 

Hohe Ansprüche

In den Alpen ist die Bachforelle die einzige einheimische Art, die diesen Lebensraum weiträumig nutzen kann. Stellenweise kommen in der Forellenregion auch Groppen, junge Trüschen oder Elritzen vor, aber ihr Vorkommen ist in der Regel auf die Umgebung von Seen beschränkt. Da diese Arten nur geringe Gefälleunterschiede bewältigen können, reicht bereits eine kleine Schwelle als wirksame Wandergrenze. Die Bachforelle hingegen kann Stufen bis über einen Meter Niveau­unterschied überspringen und hat sich so grosse Territorien ohne Konkurrenz erschlossen. Ein Wildbach, der diesen Namen verdient, bietet allerdings viele höhere Hürden. Ein Grossteil der Bachforellenpopulationen in höheren Lagen ist durch Besatz entstanden. Teilweise schon vor über tausend Jahren. Seit bald 150 Jahren wurden und werden in Wildbächen des Alpenraums auch zwei nordamerikanische Verwandte der Bach­forelle eingesetzt, die sich bis in die oberste Forellen­region hinauf behaupten können: die Regenbogen­forelle und der Bachsaibling.

Sommerfreuden & Unfallopfer

Die Zeitfenster, in denen die Wildbach­fische fressen und wachsen, sind kurz. Im Winter und Frühling sind die Wassertemperaturen oft so tief, dass der Stoffwechsel nicht recht auf Touren kommt. Kaum wird es etwas wärmer, beginnt die Schneeschmelze und macht das Wasser erneut lebensfeindlich kalt.  

Je nach Gewässer und Wetterverlauf stellen sich die optimalen Bedingungen für die Fische und fürs Fischen oft erst im Juli ein, erreichen im August und September ihren Höhepunkt und münden in die Laichzeit im Oktober. Erfahrene Bachfischer hoffen auf lang­anhaltende Hochdruckperioden, also schönes, ruhiges Sommerwetter, das intensive Insektenaktivität begünstigt. Eine ergiebige Futterquelle für Wildbach­forellen ist nämlich der sogenannte Anflug. Durch Wind, Ungeschicklichkeit oder einfach nur Pech stürzen, rutschen, plumpsen und fliegen unzählige Landinsekten ins Wasser, zappeln eine Weile hilflos an der Oberfläche herum und werden gierig gefressen.

Am weitaus häufigsten widerfährt dieses Schicksal Ameisen, Käfern und Heuschrecken. Dazu kommen quasi als «Anflug des Tages» Fliegen, Wespen, Bienen, Schnaken, Schmetterlinge und was sonst so auf sechs Beinen durch die Ufervegetation kreucht und fleucht. Oder aber auf vier und weniger Beinen: Denn auch Mäuse, Frösche, Salamander, Jungvögel und sogar Schlangen enden regelmässig in Bachforellenmäulern und -mägen. Im Wildbach wird gefressen, was «auf den Tisch kommt» …

 Die Larven dieser Köcherfliegen-Art beschweren sich mit Steinchen und suchen sich geschützte Winkel.

Die Larven dieser Köcherfliegen-Art beschweren sich mit Steinchen und suchen sich geschützte Winkel.

 Herausforderung Wildbach: Hindernisse überwinden, unauffällig bleiben, den Köder präzise werfen und fängig führen.

Herausforderung Wildbach: Hindernisse überwinden, unauffällig bleiben, den Köder präzise werfen und fängig führen.

 Grosse, buschige Fliegen schwimmen ausdauernd, sind für den Fischer gut zu sehen und auch für ausgewachsene Forellen eine lohnende Beute.

Grosse, buschige Fliegen schwimmen ausdauernd, sind für den Fischer gut zu sehen und auch für ausgewachsene Forellen eine lohnende Beute.


Fliegenfischen!

Wenn es um die Imitation von Fressbarem geht, das aufs Wasser fällt, ist für mich Fliegenfischen die Technik der Wahl. Eine geschickt präsentierte Trockenfliege ist in der Wildbachhochsaison an vielen Tagen die erfolgreichste Option und für mich auch die schönste Art, Forellen zu fangen. Wunderbar visuell, konkurrenzlos aufregend!

Dafür braucht man am Bach eine 4er- oder 5er-Rute plus Schwimmschnur. Zu kurz sollte die Rute nicht sein. 9 Fuss vereinfachen die Kontrolle der Fliege in den ineinander verschlungenen Strömungen und Wirbeln. Meine Erfahrung: Wenn der Wurfraum für diese Rutenlänge nicht reicht, ist es auch mit 6 Fuss schwierig. 

Ein 180 bis maximal 270 Zentimeter langes, auf 0,18 Millimeter verjüngtes Vorfach wird mittels Pitzenbauer-Ringerl um 30 bis 50 Zentimeter 0,16er-Spitze verlängert. Feinere Durchmesser sind unnötig und bringen nicht mehr Bisse, sondern mehr Abrisse bei den vielen Hängern über und unter Wasser, die auch für geübte Werfer unvermeidlich sind in dieser Umgebung. 

Lohnende Beute

Dass die Forellen steigen, ist selten. Doch selbst aufregend grosse Fische schiessen von ihrem Lauerplatz am Grund an die Oberfläche, um sich eine Fliege zu pflücken, wenn sie attraktiv genug wirkt. 

Was also macht eine Fliege attraktiv? Sie muss genug Kalorien versprechen, denn jede Attacke kostet Energie. Die Evolution hat dafür gesorgt, dass die Kunst, diese Entscheidung in Sekundenbruchteilen zu treffen, bei Wildbachfischen hoch entwickelt ist. Früher fand ich eine Nr. 12 gross, zur Zeit binde ich gerade 6er-und 4er-Parachutes für die Sommerferien. 

Farbe und Silhouette sollten den natürlichen Futtertierchen zumindest ähnlich sein. Bewährte Grundtöne sind Schwarz, Braun, Grau, Grün, Gelb und Rot. Ein bisschen Blingbling (Schimmer, Kontrastfarbe) schadet nicht. 

Für uns am anderen Ende der Leine ist wichtig, dass die Fliege auch im wilden Wasser zuverlässig schwimmt und gut sichtbar ist. Es gibt unzählige Muster, die diese Bedingungen erfüllen: Vom «Ämmebäse» aus regionalem Rehhaar bis zur komplett synthetischen Tchernobyl Ant. Vertrauen ist entscheidend, und das lässt sich nur mit Geduld und Erfahrung aufbauen.

 Der Lohn für Anstregung und Geschick: Die Königin des Wildbachs in ihrer ganzen Pracht.

Der Lohn für Anstregung und Geschick: Die Königin des Wildbachs in ihrer ganzen Pracht.

 Kleine Wobbler sind eine fängige Ködervariante, wenn die Forellen vorzugsweise eine Etage tiefer fressen.

Kleine Wobbler sind eine fängige Ködervariante, wenn die Forellen vorzugsweise eine Etage tiefer fressen.

 Sehen, bevor man gesehen wird, ist entscheidend für den Erfolg. Eine Polbrille unterstützt uns dabei.

Sehen, bevor man gesehen wird, ist entscheidend für den Erfolg. Eine Polbrille unterstützt uns dabei.


Technik & Taktik

Am Wildbach fischt man auf Verdacht. Je besser man lernt, die Welt wie eine grosse misstrauische Forelle zu sehen, desto mehr Bisse wird man provozieren. Ich platziere die Fliege zuerst in allen halbwegs ruhigen Winkeln. Wenn nichts passiert, hauche ich ihr Leben ein mit Zupfern in die Schnur. Danach lasse ich sie durch den Gumpen treiben – zuerst möglichst nah am Rand und zum Abschluss immer auch im turbulentesten Bereich. Manchmal öffnet sich mitten im weissen Schaum ein grosses Maul und verschlingt die vermeintlich leichte Beute. Das sind atemberaubende Momente.

Trotz aller Wildheit des Wassers lassen sich besonders die erfahrenen Forellen nicht so leicht täuschen. Sie haben tausende Male beobachtet, wie natürliche Beute von der Strömung bewegt wird. Wenn unser Köder zu stark abweicht von dieser Erfahrung, überwiegt das Misstrauen und sie verschmähen das Angebot. 

Spielverderber

Ich spiele nicht gern den Spielverderber, aber es gibt Bedingungen, die das Fliegenfischen schwierig oder sinnlos machen. Selbst an den schönsten Sommer­tagen kann zu viel Wind unsere Pläne durchkreuzen. Wenn die Würfe nicht mehr präzise genug sind, führt das Fliegenfischen am Bach zu nachhaltigen Depressionen. Stark getrübtes Wasser ist ein weiterer «Spoiler». Sobald die Forellen unser Angebot an der Oberfläche nicht wahrnehmen, nützt uns alle Binde- und Wurfkunst nichts.

An manchen Strecken ist der Bewuchs so üppig und dicht, dass nur ein Magier oder Fliegenfischerguru noch werfen kann, ohne unerwünschte Bekanntschaft mit der Botanik zu schliessen. Normalsterbliche können hier nur verlieren: Fliegen und Selbstvertrauen.

Und dann sind da noch diese unwiderstehlich reizvollen, riesengrossen und tiefen Gumpen. Sie riechen intensiv nach kapitaler Fario und wahrscheinlich wohnt auch mindestens eine in der unergründlichen Tiefe. Aber aus drei Metern Tiefe wirkt auch die fetteste Fliege zu wenig lohnend.

Eine Etage tiefer

Die Alternative, und auch die macht mir Freude, sind Spinner, Wobbler und Weichplastikköder am Jigkopf oder an der Carolina-/Texas-Montage. Sinnvoll sind hier Grössen von 3 bis 7 Zentimeter und natürliche Farben von Brutfischsilber bis Kaulquappenschwarz.

Jedem, der ein wenig über die eigene Rutenspitze hinausdenken kann, ist bewusst, dass Drillinge an einem Schweizer Bach im Jahr 2019 nichts mehr zu suchen haben. Dafür sind die meisten von uns Gelegenheits­fischern zu wenig geschickt und die Ressource zu wertvoll. Ich schliesse mich da ohne falschen Stolz mit ein und ersetze an allen meinen Bachködern die Drillinge konsequent durch Einzelhaken. Die Heranfischensweise mit der kurzen, leichten Spinnrute ist ganz ähnlich wie bei der Trockenfliege. Es geht am Wildbach weniger um Köder und Tackle, als um das gekonnte Pirschen.

Streamcraft

Auf Fischerenglisch nennt sich das unnachahmlich cool «streamcraft», so als wäre es eine magische Fähigkeit. Und irgendwie ist es das auch, wenn man es in den Griff bekommt. Wie jeder gute Jäger versuchen wir den Schatten und alle anderen Möglichkeiten der Deckung zu nutzen. Wir schleichen uns an und beobachten dabei den Bach aufmerksam. Wo sind sie, wo würde ich als Räuber lauern? Das allein ist schon ein spannendes Spiel. 

Wichtig: Wildbäche befischt man bachaufwärts. Die Fische stehen so, dass sie möglichst gut sehen, was die Strömung für sie mitbringt, und sie sind scheu. Von hinten aus dem toten Winkel haben wir deshalb die besten Aussichten. Nur wer möglichst unbemerkt bleibt, bekommt am Bach überhaupt die Chance auf einen aussichtsreichen Versuch. Selbst dann hat man meist nur einen Wurf. Beim Werfen ist Präzision weit wichtiger als Distanz und beim Führen geht es um die möglichst natürliche Drift. 

Wenn alles passt, und ich tief unten im Bachtobel mit Glück und Geschick einen schönen wilden Fisch überliste, dann gehört das zu den intensivsten Naturerfahrungen, die ich kenne. Und das ohne weiten Flug und gros­sen ökologischen Fussabdruck quasi vor der eigenen Haustür. Petri Heil und viel Vergnügen!

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