Trentino – nah, gross, wild
10 | 07 | 2026 ReisenText: Nils Anderson, Daniela & Mauro Misteli 085
10 | 07 | 2026 Reisen
Text: Nils Anderson, Daniela & Mauro Misteli 0 85

Trentino – nah, gross, wild

Mit über 6000 Quadratkilometern ist das Trentino eine der grossen Alpenregionen Italiens. Die vorbildliche Organisation der Fischerei verbindet die Interessen von lokalen Fischern und Touristen gleichermassen. Hinzu kommt ein kulinarisches und kulturelles Rahmenprogramm, wie es eben nur Italien bieten kann.


Von grossen Flüssen, welche die breiten, weinberggesäumten Täler auf 200 Meter über Meer durchziehen, bis zu wilden Gebirgsbächen und abgelegenen Bergseen auf 2000 Metern bietet das Trentino eine beeindruckende Gewässervielfalt. Wer mit der Fliegen- oder Spinnrute unterwegs ist, darf sich in der gesamten Region auf zahlreiche Fische freuen. Die Königin dieser Flüsse ist die Marmorata, deren Bestand mit einem effektvollen Management wo immer möglich gestützt wird. Ähnlich wie Huchen und Seeforelle bringt sie alles mit, um zum Fang des Lebens zu werden; sie ist schwer zu überlisten und kann sagenhafte Grössen erreichen. Viele Fischer reisen gezielt ins Trentino, um eine zu fangen. Nebst der Marmorata sind fast überall Bachforellen und Hybriden zu finden und in einigen Gewässern auch Regenbogenforellen und Äschen.

Diese Vielfalt spiegelt sich auch in einem umfangreichen Regelwerk. Auf der Plattform «Trentino Fishing» werden alle Infos übersichtlich zusammengefasst. Die einzelnen Gewässer werden detailliert vorgestellt, Streckenabschnitte übersichtlich dargestellt und die jeweiligen Bestimmungen klar erklärt. Ob Fliegenfischen, Spinnfischen oder Fischen mit Naturköder – bereits bei der Planung ist zu berücksichtigen, welche Methoden und Köder auf welchen Abschnitten erlaubt sind.

 Allen Grund zum Strahlen: Kerngesunde Forelle aus dem Vallarsa, einem Fischereirevier im Süden des Trentino, welches kaum jemand auf der Karte hat. © Mauro Misteli

Allen Grund zum Strahlen: Kerngesunde Forelle aus dem Vallarsa, einem Fischereirevier im Süden des Trentino, welches kaum jemand auf der Karte hat. © Mauro Misteli


Auftakt mit Star-Guide

Um «Petri-Heil» einen Überblick über die Vielfalt der Fischerei zu bieten, haben sich die Verantwortlichen von Trentino-Fishing mächtig ins Zeug gelegt: Nach einem grosszügigen Frühstück im Hotel Posta in Ponte Arche geht es mit Stefano Fedrizzi, dem wohl berühmtesten Guide des Trentino, an die Sarca. Zum Einfischen starten wir an einem Nebenbach, wo wir Fische bis 35 Zentimeter auf Schritt und Tritt erspähen. Im schnellfliessenden, strukturreichen und klaren Wasser ist auch in Italien eine grosse, auffällige Trockenfliege das Mittel der Wahl. Fische, die in der Strömung stehen, zögern nicht und holen sich den Happen. Nach einer kurzen Mittagsrast wechseln wir an den Hauptfluss, der mit einer perfekten Sichtigkeit und einem sagenhaften Strukturreichtum begeistert. Stefano nimmt verschiedene Spots ins Visier, doch wo er ein parkiertes Auto sieht, will er nicht fischen. Ihm ist wichtig, den anderen Fischern aus dem Weg zu gehen: «Wenn jemand bereits am Platz ist, sucht man sich hier bei uns einen anderen. Wir haben allein an der Sarca und ihren Zuflüssen 300 Kilometer Strecke und damit genug Ausweichmöglichkeiten. Und Fische hat es überall.»

 Die Seitenbäche des Val di Sole sind trotz starkem Regen befischbar geblieben ... © Daniela Misteli

Die Seitenbäche des Val di Sole sind trotz starkem Regen befischbar geblieben ... © Daniela Misteli


Perfekte Schlechtwetter-Fischerei

Am Folgetag geht es über den Pass bei Madonna di Campiglio ins Val di Sole, wo uns Guide Alberto Zanella erwartet. Es hat über Nacht ordentlich geregnet, der Fluss Noce kommt zu hoch, doch Alberto führt uns an zwei kleine Bäche auf rund 1000 Meter über Meer, die trotz des Regens klares Wasser führen und damit interessantes Fliegenfischen ermöglichen. Wir sind uns einig: Ohne Guide Alberto, der die Bedingungen im Val di Sole bestens kennt, wäre dieser Tag eine grosse Herausforderung geworden. Dank ihm konnten wir völlig in die neblige Abgeschiedenheit der Seitentäler eintauchen und dort Forellen bis 40 Zentimeter in unsern Feumern begrüssen. Wer sich hier einen ersten Überblick zur Fischerei verschaffen will, ist mit einem Tagesguiding ganz sicher nicht falsch beraten und findet über die Webseite auch den passenden Guide.

 ... und den Forellen macht der Temperatursturz überhaupt nichts aus, wie ein zufriedener Mauro Misteli beweist. © Daniela Misteli

... und den Forellen macht der Temperatursturz überhaupt nichts aus, wie ein zufriedener Mauro Misteli beweist. © Daniela Misteli


Im Vallarsa und am Noce

In der Nacht auf den dritten Tag regnete es erneut in Strömen. Doch auch Marco Simonini, unser dritter Guide, weiss Rat. Er trifft uns eine gute halbe Stunde südwärts in Rovereto und nimmt uns ins Vallarsa mit, ein trotz seiner überwältigenden Schönheit fast ausgestorbenes Tal, dicht bewaldet bis unter die Felsspitzen. Nach einer langen halben Stunde Fahrt landen wir am Flüsschen Leto, das friedlich seine Bahn durch das grüne Dickicht zieht. Die nächtlichen Regenschauer sind hier kaum zu bemerken. Der Himmel ist weit und blau und die wenigen Wolken blendend weiss. Es sind unbeschwerte Stunden mit der Trockenfliege, doch je nach Aktivitätsphase der Fische geht es auch etwas hektischer zu und her. Die Bachforellen sind selten über 30 Zentimeter, doch sie sind wild, zahlreich und wunderschön gefärbt.

 Für feines Essen und gute Weine ist Italien weltberühmt. Das Trentino kann mit den anderen Regionen spielend mithalten und besticht mit einer faszinierenden Alpenküche und charaktervollen Rotweinen. © Daniela Misteli

Für feines Essen und gute Weine ist Italien weltberühmt. Das Trentino kann mit den anderen Regionen spielend mithalten und besticht mit einer faszinierenden Alpenküche und charaktervollen Rotweinen. © Daniela Misteli

Irgendwann knurrt uns der Magen und wir geniessen die fürstlichen Lunchpakete des Hotel Centrale in Mezzocorona, wo wir am Vorabend untergekommen sind. Allzu bald müssen wir aufbrechen, da ein Kontrastprogramm auf uns wartet: In der Cantina A. Martinelli in Mezzocorona, einem prächtigen Weingut direkt unter dem 600 Meter hohen Felsmassiv gebaut, mit einer Geschichte zurück bis ins Mittelalter, degustieren wir Teroldego. Diese Rebsorte ist nur hier zu finden und ergibt einen stoffigen, gut strukturierten und trotzdem unkomplizierten Rotwein. Mit einem Glas in der Hand bestaunen wir die riesigen Keller und Lagerhallen und hören gespannt den Ausführungen über die Geschichte des Weinguts zu. Nach einem weiteren herrlichen Abendessen fallen wir todmüde ins Bett und sammeln nochmals Schwung für den letzten Tag.

 Die von grünem Dickicht eingehüllte Restwasserstrecke des Noce bei Mezzolombardo liegt auf 250 m ü. M. und ist trotzdem voller Forellen. © Nils Anderson

Die von grünem Dickicht eingehüllte Restwasserstrecke des Noce bei Mezzolombardo liegt auf 250 m ü. M. und ist trotzdem voller Forellen. © Nils Anderson

Guide Alex Cristoforetti nimmt uns zum Abschluss an den Unterlauf des Noce mit, wo wir es diesmal auch mit der Spinnrute versuchen. Einmal mehr zeigt der Spinner, was für ein unglaublich effektiver Köder er sein kann und dass es keine Fliegenrute braucht, um das Fischen am Fliessgewässer zu ge­nies­sen. Zwar entgeht uns ausgerechnet der beste Biss des Tages, doch trotzdem landen zwei lupenreine Marmorata von knapp 30 Zentimetern im Feumer, zu denen sich noch einige Bachforellen gesellen.

 Die Marmorata ist die unbestrittene Königin der Trentino-Gewässer. © Alex Cristoforetti

Die Marmorata ist die unbestrittene Königin der Trentino-Gewässer. © Alex Cristoforetti


Starke Argumente für ein baldiges Wiedersehen

Auf der gut fünfstündigen Rückfahrt durch das schöne Münstertal bleibt genug Zeit, die zahlreichen Eindrücke Revue passieren zu lassen. Man merkt, dass wir Fischer im Trentino gern gesehene Touristen sind. Die Regelungen sind zwar eher komplex, dienen aber einer attraktiven Fischerei, und das Angebot wird laufend ausgebaut. Das ist einem leidenschaftlichen Fischer zu verdanken, welcher mit Trentino Marketing vor etwa fünfzehn Jahren ein gut funktionierendes Netzwerk aufbaute. Ähnlich wie bei uns sind die verschiedenen Gewässer oder einzelne Abschnitte durch unterschiedliche Vereine bewirtschaftet. Das Ganze wird jedoch geschickt koordiniert, sodass sowohl lokale Fischer als auch Touristen voll auf ihre Kosten kommen. Man kann etwas neidisch werden auf die Norditaliener. Die Landschaft, die Fischerei, das Essen und der Wein sowie das Wissen darum, dass man erst einen Bruchteil gesehen, befischt und genossen hat: All das hat ganz starke Argumente für ein hoffentlich baldiges Wiedersehen geliefert. 

 © Marco Simonini

© Marco Simonini

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