So viel frisst ein Raubfisch
06 | 01 | 2020 PraxisText & Fotos: Thomas Pruss 01685
06 | 01 | 2020 Praxis
Text & Fotos: Thomas Pruss 0 1685

So viel frisst ein Raubfisch

Intelligente Kleinwüchsige und vorsichtige Einzelgänger

Egli und Zander gehören zur selben Familie. Trotzdem unterscheiden sich beide in ihren Jagd- und Fress-Strategien! Wie genau sie ihren Hunger stillen, weiss Thomas Pruss. 

Egli lassen sich beim Wachstum extrem viel Zeit. Zur Erinnerung: Ein Wels ist nach vier Jahren schon einen knappen Meter lang. Der Egli dagegen schafft es im selben Zeitraum gerade einmal auf ein Fünftel – 20 Zentimeter. Woran das liegt? Egli werden eben nur sehr selten grösser als 50 Zentimeter, das liegt in ihren Genen. Und, ein 50er-Egli ist sehr alt. Etwa zwölf Jahre! 

Das Wachstum der Egli hängt natürlich auch davon ab, was sie zu fressen bekommen. Kleinkrebse, Insektenlarven und Würmer können die «Kleinen» einfach und mit wenig Energieaufwand fangen. So können – und ­müssen! – sie in den ersten Lebensjahren einen längenmässigen «Sprung» nach vorn machen. Je schneller sie wachsen, desto grösser ist der relative Schutz vor Raubfischen. Dagegen haben es ältere und grössere Egli schwerer: Ihre Hauptbeute, Fische, muss erst einmal gefangen werden, und das kostet Energie! Ganz zu schweigen von der Produktion von Eiern und Sperma zur Laichzeit, was eine noch viel grössere Anstrengung bedeutet. 

Der nahrhafteste Fisch, den ein Räuber fressen kann, ist der eigene Nachwuchs! Denn hier stecken genau die Nährstoffe drin, die der Räuber braucht. Daher ist Kannibalismus unter Egli (und auch anderen Räubern) ein ganz normales Phänomen. Und dieses Phänomen erlaubt es uns als Fischer auch, gezielt auf kapitale Egli zu angeln. Denn im Schwarm von kleinen Egli bewegen sich auch immer ein paar 40er, die nur darauf lauern, dass ein Jungfisch die Kinderstube mal verlässt. Das ist übrigens auch mit ein Grund, weshalb Gross-Egli eher Einzelgänger sind. Mittelgrosse Egli, sagen wir mal so bis 30 Zentimeter, sind dagegen Schwarmfische. Der Sinn dahinter: Im Schwarm ist man sicher vor Feinden wie grossen Artgenossen oder Hechten – und man wird schneller satt. Denn eine Eigenart dieser Egli ist, dass sie sich zur Jagd koordinieren können. 


Jagd im Team

«Die Möwe sticht» – ein Ausdruck, der bedeutet, dass diese Vögel sich mitten im Gewässer sammeln und gemeinsam Weissfische knapp unter der Wasseroberfläche fressen. Was die Möwe nicht unbedingt interessiert, uns Fischer aber schon, sind die Egli unter den Klein­fischen. Die drücken die Weissfische im Rudel gegen die Wasseroberfläche und sammeln sie ein. Aber diese gemeinsamen Jagden finden nicht nur in Seen statt, sondern auch in Flüssen. Da dort die Strömung der Beute das Entkommen erleichtern würde, treiben die Egli sie gegen die Ufer, von wo sie die kleinen Fische förmlich «abpflücken» können. 


Futterneid macht schlau

Egli verfügen über eine gewisse Intelligenz, denn sie müssen ja erkennen können, wann die eine und wann die andere Jagdstrategie – also Fluss oder See – sinnvoll ist. Sie schätzen die Situation durch ihre Gruppendynamik schnell ein. Uns ist ja bekannt: Ein gehakter Egli wird von einem ganzen «Tannenbaum» seiner Artgenossen verfolgt, aus Neugier – sie bemerken nicht, dass der Kollege am Haken hängt, oder wissen gar nicht, was ein Haken ist. Für den Schwarm verfolgt der einzelne Egli das Beutefischchen über eine lange Strecke. Und der Schwarm will natürlich wissen, wo der Rest der Beutefische ist, und wie diese sich am besten jagen lassen. So merken sie auch schnell, ob sie die Beute eher an die Oberfläche oder ans Ufer drücken sollten. Ein wichtiger Faktor ist hier auch der Futterneid, dadurch stacheln sich die Egli noch mehr an. 

Eine natürliche Jagd beginnt genau wie im Beispiel mit dem gehakten Fisch. Einige wenige Egli entdecken Beute und jagen sie. Das bemerken alle anderen, schon geht die wilde Hatz los. Um es etwas frei zu formulieren: «Jeder beisst und jeder frisst, und keiner gönnt dem andern nichts!»


Grosse Streuung

Für Egli kann man einen Futterquotienten von 1:10 annehmen. Dieser sagt aus, wie viel ein Fisch fressen muss, um ein Kilo zuzulegen. Ein Egli muss also  zehn Kilo Beute machen, um die eigene
Kilomarke zu knacken. Dafür können durchaus bis zu acht Jahre vergehen. Von einem gefrässigen Räuber kann hier also nicht die Rede sein!

Innerhalb eines Jahrgangs können in verschiedenen Gewässern übrigens auch grosse Längenunterschiede auftreten. Entscheidend ist dabei die Wassertemperatur.

Ein sehr kaltes Gewässer, das im Winter dick zufriert, bewirkt einen niedrigen Stoffwechsel bei den Egli; fünfjährige Fische erreichen gerade mal 18 bis 32 Zentimeter. Ein «winterwarmes» Gewässer, das nur gelegentlich gefriert, produziert Egli von 33 bis 45 Zentimeter.  Ein schnelles Wachstum hat den Vorteil, dass ein Jungfisch schnell eine Grösse erreicht, in der die Zahl seiner Fressfeinde immer geringer wird.

 Sowohl Egli als auch Zander lieben ihre Artgenossen. Darin stecken genau die Nährstoffe, die sie brauchen!

Sowohl Egli als auch Zander lieben ihre Artgenossen. Darin stecken genau die Nährstoffe, die sie brauchen!

 Zander saugen ihre Beute durch Unterdruck ein. Ihre Hunds­zähne bilden dann ein undurchdringbares Gitter.

Zander saugen ihre Beute durch Unterdruck ein. Ihre Hunds­zähne bilden dann ein undurchdringbares Gitter.

 Gross-Egli sind in der Regel Einzelgänger.

Gross-Egli sind in der Regel Einzelgänger.


Zander: Schnappmaul mit Sogwirkung

Zander und Egli haben viel gemeinsam, sie gehören schliesslich zur gleichen Familie, den Barschartigen. Und wie auch der Egli ist der Zander alles andere als ein wilder Räuber, der sich, wo immer es geht, den Bauch bis zum Platzen vollschlägt. Der Zander ist eher ein Einzelgänger mit dem Hang, sich zu kleineren Trupps zusammenzufinden. Das weiss jeder Fischer: Wo ein Zander beisst, da geht auch kurze Zeit später ein zweiter oder auch ein dritter auf den Köder. Wie auch beim Egli liegt der Futterquotient des Zanders bei 1:10. Dieser Wert lässt sich übrigens auf fast alle Raubfische (z. B. Wels und Hecht) übertragen. Er ist aber nur ein Richtwert und kann stark schwanken. 

Bei der Jagd unterscheiden sich Zander von Egli. Sie jagen ihre Beute nicht über grosse Distanz, sondern gehen eher diskret vor: Anschleichen, zuschnappen, runterschlucken – nächster Fisch, bitte! Zander sind zwar gesellig, doch bei der Jagd gerne alleine. Der Räuber sucht sich sein Opfer aus, das vielleicht in einer kleinen Friedfischschule stecken mag. Da schleicht er sich dann an. Das macht er sehr geschickt, denn in der Regel merken die zukünftigen Opfer nichts von seiner Anwesenheit, vor allem, wenn der Räuber seinen Gelüsten nach Sonnen­untergang und in der Nacht nachgeht. Oft befinden sich dann die Beute­fische sogar in einem schlafähnlichen Dämmerzustand. Ist der Raubfisch nah genug an sein Opfer herangekommen, reisst er blitzschnell sein Maul auf, und mit dem Sog verschwindet das «Abendessen» in selbigem. Das Maul klappt zu, die typischen Hundszähne des Zanders bilden ein Gitter, aus dem der Beutefisch nicht mehr entkommen kann. Oft genug perforieren die Zähne die Beute, die dann die typischen Bissspuren des Zanders – tiefe Kratzer – davontragen, wenn ihnen die Flucht doch noch gelingen sollte. 

Den Trick mit dem Wassersog haben auch andere Fischarten drauf. Er ist sehr beliebt unter den Karpfenartigen, wenn sie den Grund durchrüsseln, und auch der Wels saugt seine Opfer ein. Das Einsaugen geht unglaublich schnell und wird dadurch unterstützt, dass der Zander einen Satz nach vorne macht. Will man den Vorgang filmen, muss man schon eine ziemlich starke Zeitlupe einsetzen! Der Fischer spürt das in seiner Angelrute als das berühmte «Tock!», das einem knochentrocken ins Handgelenk fährt. 


Zander-Nachwuchs

Die Laichzeit des Zanders dauert von April bis Juni. Pro Kilo Körpergewicht legt der Zander bis zu 200?000 Eier, die vom Männchen bewacht werden. Die Schonzeit wird, wenn überhaupt, kantonal geregelt. Allerdings sollte man die Zander auch über die Laichzeit hinaus noch für ein oder zwei Wochen nicht befischen, weil man sonst Gefahr läuft, ein (schwarz gefärbtes) Männchen vom Gelege weg zu fangen, das dann ruckzuck von Laichräubern niedergemacht wird. Diese «Karenzzeit» entspricht in etwa der Zeit, bis die Jungzander schlüpfen. Die müssen dann auch sehen, dass sie schnell wegkommen – denn «Papa», ausgehungert wie er ist, hat seine Kinder plötzlich zum Fressen gern. 


Wachstumsdiagramm


 

Erwachsen? Frühestens mit vier Jahren! 

Schaut man sich die Wachstumskurve des Zanders an, so sind die Durchschnittswerte ziemlich einheitlich: Ein vier Jahre altes und damit geschlechtsreifes Zanderweibchen ist zwischen 40 und 45 Zentimetern lang. Männchen werden mit drei bis fünf Jahren geschlechtsreif. Ein «Küchenfisch» zwischen 60 und 70 Zentimetern ist im Schnitt schon zehn Jahre alt! Der Egli wächst aber noch viel langsamer. Ein 20 Zentimeter langes Exemplar hat schon vier Jahre auf dem Buckel. Falls er vorher nicht als Hechtbeute, Köderfisch oder in der Pfanne endet, ist er mit 50 Zentimetern dann schon zwölf Jahre alt. Deshalb sind Gross-Egli auch so selten und nicht in jedem Gewässer anzutreffen.

 

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