Schleppen ganz easy
13 | 11 | 2019 PraxisText & Fotos: Christian Wieneke 02499
13 | 11 | 2019 Praxis
Text & Fotos: Christian Wieneke 0 2499

Schleppen ganz easy

Ob mit Motor oder Muskelkraft – wer seine Köder pausenlos durch unterschiedliche Wassertiefen zieht, kommt schneller zum Fisch. Dass das Schleppangeln mit der Rute überhaupt nicht kompliziert ist und auch in kleinsten Gewässern funktioniert, zeigt Christian Wieneke.

Ein geschleppter Hecht zählt doch gar nicht! Das ist viel zu langweilig und keine Eigenleistung.» Kennt ihr solche Sätze auch? Auch mir kommen derartige Aussagen immer wieder zu Ohren. Aber sie sind komplett falsch. Natürlich, eine Besonderheit des Angelns fällt beim Schleppen weg, nämlich das Auswerfen und Einholen. Das war es aber auch schon! Der Schleppfischer muss sich genauso viele Gedanken über Standorte und Zugrouten der Fische, Gewässertiefe, Köderlauftiefe und Wetter machen wie der normale Spinnangler. Dazu kommt noch die erhöhte Anforderung an den Fischer selbst, denn er muss gleichzeitig auf mindestens zwei Ruten aufpassen, das Boot steuern, die Gewässertiefe und eventuell andere Boote im Blick behalten und irgendwann (hoffentlich) auch drillen, feumern und den Fisch versorgen. Ein Uferfischer oder ein Fischer im verankerten Boot hat es da etwas einfacher! Ausserdem ist Schleppen effektiv. In kurzer Zeit befische ich diverse Gewässerschichten mit unterschiedlichen Ködertypen. Dadurch steigt einfach prozentual meine Erfolgschance. Ich will Euch einmal gedanklich mit aufs Boot nehmen und von Grund auf erklären, worauf es ankommt. 


Echolot unerlässlich

Egal ob Fluss, Kanal oder See, zuerst müssen wir die Fische lokalisieren. Wie? Natürlich mit einem Echolot, beim Schleppen ist es unverzichtbar. Ohne die richtige Tiefenanzeige angeln wir im Prinzip blind. Genauso wichtig sind direkte Fischanzeigen. Ihr müsst die Futterfische ausfindig machen, denn ganz in der Nähe sind auch die Räuber. Wenn dann noch entsprechend grosse, einzelne Sicheln auftauchen, haben wir einen heissen Bereich gefunden. Es genügt dann aber nicht, nur die Signale zu betrachten, sondern man muss auch die richtigen Schlüsse daraus ziehen. Wenn die Anzeigen bei acht bis zehn Metern Tiefe sind, muss dort auch der Köder hin. Hechte haben zwar kein Problem damit, fünf bis sieben Meter in einem Rutsch nach oben zu schiessen, aber auch die Entenschnäbel sind nicht immer in höchster Jagdlaune. In inaktiven Phasen bevorzugen sie eine leichtere Beute deutlich. Ausserdem können auch Zander beim Schleppen beissen, und für diese Räuber ist die richtige Tiefe unumgänglich. Mehr als zwei Meter Spurt sind beim Zander nicht drin. Wenn ich mit zwei Ruten fischen darf, lasse ich einen Köder in der Nähe der grossen Sicheln, den anderen Köder etwa drei Meter darüber laufen. So stelle ich sicher, dass ich den heissen Bereich perfekt abdecke.


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Sagen wir, unser gemeinsamer Bootstrip findet Mitte Mai statt. Die Hechte werden mit hoher Wahrscheinlichkeit flach stehen, schliesslich haben sie gerade gelaicht und warten noch auf die Weiss­fische, die ebenfalls ihr Laichgeschäft im Flachwasser begonnen haben und bald, total platt vom Laichen, eine ideale Futterquelle darstellen. Als Daumenregel legen wir uns auf Tiefen von drei bis zehn Metern fest, die Wassertemperatur müsste jetzt zwischen 10 und 15 Grad betragen. Hier schleppen wir! 

Sobald sich die Wassertemperatur über 15 Grad erwärmt, also Ende Mai bis Mitte Juni, ziehen die Hechte immer tiefer ins Freiwasser. Dann heisst es, so viel Fläche abzusuchen wie möglich. Allerdings hat nicht jedes Gewässer grosse Freiwasserzonen. In dem Fall macht jede Struktur den Unterschied. Ich kenne einen See, der im Durchschnitt etwa fünf Meter tief ist und von oben wie eine Badewanne aussieht. Dort gibt es so gut wie keine weitere Struktur, bis auf eine Kante, die von einer Seite auf die andere läuft und einen halben Meter Tiefenunterschied ausmacht. Auf dieser minimalen Struktur warten die Hechte auf Beute. Ich bin die Kante einfach immer wieder entlanggefahren, und dort habe ich fast alle meine Hechte in diesem See gefangen! Die kleine Kante ist wie eine Art Deckung, weil die Beute nicht bis zum Kantenfuss sehen kann. 

 Ohne Sonar und Gewässerkarten schleppt man blind und daher nicht effektiv. Wegpunkte sind unerlässlich, um sich heisse Freiwasserbereiche zu markieren. Sieht man einen Futterfischschwarm mit grossen Räubersicheln, kann man sich auf einen Biss vorbereiten.

Ohne Sonar und Gewässerkarten schleppt man blind und daher nicht effektiv. Wegpunkte sind unerlässlich, um sich heisse Freiwasserbereiche zu markieren. Sieht man einen Futterfischschwarm mit grossen Räubersicheln, kann man sich auf einen Biss vorbereiten.

 Ohne Sonar und Gewässerkarten schleppt man blind und daher nicht effektiv. Wegpunkte sind unerlässlich, um sich heisse Freiwasserbereiche zu markieren. Sieht man einen Futterfischschwarm mit grossen Räubersicheln, kann man sich auf einen Biss vorbereiten.

Ohne Sonar und Gewässerkarten schleppt man blind und daher nicht effektiv. Wegpunkte sind unerlässlich, um sich heisse Freiwasserbereiche zu markieren. Sieht man einen Futterfischschwarm mit grossen Räubersicheln, kann man sich auf einen Biss vorbereiten.

 Wenn der Motor selbst im Standgas zu schnell läuft, kann man die Geschwindigkeit durch einen Driftsack verringern.

Wenn der Motor selbst im Standgas zu schnell läuft, kann man die Geschwindigkeit durch einen Driftsack verringern.

 Ein Köderfisch am Lip Scull ist bei schwierigen Bedingungen der Bringer.

Ein Köderfisch am Lip Scull ist bei schwierigen Bedingungen der Bringer.


Jedes Plateau, jeder Berg, jede Landzunge, jedes Loch, jeder Graben oder jede Verengung kann den gleichen Effekt bewirken. Das bedeutet natürlich, dass wir unsere Schleppstrecke entsprechend planen müssen. Selbst wenn man sein Gewässer gut kennt, sollte man sich moderne Technik zunutze machen. Manche Echolote bieten die Möglichkeit, eine eigene Seekarte zu erstellen – sogar direkt beim Angeln. Plötzlich findet man Spots, von denen man vorher nichts wusste, und fängt dadurch mehr Fisch. 


Schweres Gerät

Nun aber zurück ans Wasser. Wir haben unsere Schlepptiefe festgelegt, nun stellt sich die Gerätefrage. Da die gros­sen Hechtköder viel Druck unter Wasser aufbauen und der Hecht beim Biss viel Kraft aufbringt, darf weder Schnur noch Rute leicht ausfallen. Ein Stecken mit 150 Gramm Wurfgewicht reicht, die Spitze sollte etwas nachgeben, damit der Hecht nicht direkt nach dem Biss verloren geht. Ausserdem sollte die Rute mindestens 2,70 Meter lang sein, um die Schnur weit genug vom Schraubenwasser fernzuhalten. Die Hauptschnur sollte eine Stärke von 0,18 bis 0,25 Millimeter besitzen – achtet aber darauf, dass der Köder flacher läuft, je dicker die Schnur ist. Denn eine dicke Schnur verdrängt mehr Wasser. Ich setze auf stabile Multirollen, da sie auch permanentem Druck standhalten. Ausserdem lässt sich bei Multis kontrolliert Schnur freigeben. Stationärrollen funktionieren aber auch. 


Farben, die fangen

Ans Ende der Hauptschnur kommt dann noch ein 70 bis 120 Zentimeter langes Stück dickes Fluorocarbon. Oft schwimmen die Fische dem Köder lange hinterher und haben Zeit, die Montage zu inspizieren – Stahl könnte sie verschrecken. Ich bevorzuge deshalb auch realistische Köder, um die Räuber zu täuschen. Anders ist es im Winter, dann fangen meiner Erfahrung nach schockige Muster wie Firetiger und Albino deutlich besser, selbst in klarem Wasser. Wenn die Hechte lethargisch am Grund liegen, scheinen diese Farben die Fische stark zu provozieren. Dazu stehen die Räuber noch etwas ­tiefer – dort sind diese Farben besser zu erkennen. 

Neben künstlichen Ködern kann man natürlich auch auf Köderfische zurückgreifen. Diese präsentiere ich dann mit dem «Lip Scull»-Schleppsystem, das transparent und dadurch unauffällig ist. Der Köderfisch wird einfach mit dem Kopf voran reingeschoben und mit einem Stift fixiert. Der Vorteil ist, neben der perfekten Optik, natürlich auch der Geruch. Wenn nun ein Räuber den Köder verfolgt, zieht der Fisch eine verführerische Duftspur hinter sich her. Damit der echte Fisch natürlich läuft, sollte man ihn allerdings einmal einfrieren. Bei frischen Köderfischen tritt irgendwann die Leichenstarre ein und behindert einen optimalen Lauf. Durch das Einfrieren wird dieser Effekt unterbrochen. Sobald die Köfis aufgetaut sind, laufen sie sehr natürlich. So kann man sich sogar besser auf den Angeltag vorbereiten und muss keine kostbare Zeit mit dem Stippen von Köderfischen verbringen. Denn je mehr Ihr schleppt, desto besser. 


Einflüsse

Der Köder ist ausgewählt: In unserem Fall, da ja Frühjahr ist, ein natürliches Muster. Ich lasse ihn zu Wasser und gebe die Schnur auf der Multirolle frei. In der Regel lasse ich den Köder etwa 30 bis 40 ­Meter hinter dem Boot laufen, abhängig davon, ob ich mit Planerboard schleppe oder ohne. Ein Planerboard ist eine Art Schiffchen, das einige Meter vor dem Köder in die Schnur geclippt wird und ihn danach vom Boot wegzieht. So muss man sich keine Gedanken über eine Scheuchwirkung des Bootes machen. Dadurch müssen die Köder etwas weiter rausgelassen werden. Aber nicht zu weit! Neben der Schnurstärke, der Schleppgeschwindigkeit und dem Rutenwinkel beeinflusst nämlich auch die Distanz zwischen Köder und Boot die Lauftiefe des Köders. Und besonders in unserem Fall, also Mitte Mai, angelt man mit einem zu tief laufenden Köder an den Fischen vorbei. Übrigens hilft ein Schnurzähler an der Multi, um genau zu wissen, wie weit die Köder hinter dem Boot laufen. Neben der richtigen Schlepptiefe ist auch die Schleppgeschwindigkeit fangentscheidend. Diese exakt beizubehalten ist bei Ruderbooten fast unmöglich, aber auch bei Motorbooten kann das schwierig werden. Deshalb benutze ich Köder, die bei einem grossen Geschwindigkeitsspektrum noch gut laufen. 

 Abgeschleppt – grosse Freiwasserhechte kann man mit der Schlepprute effizient befischen.

Abgeschleppt – grosse Freiwasserhechte kann man mit der Schlepprute effizient befischen.

 Deftige Brocken gehören zu Christians Top Five: Diese Köder laufen auch bei unterschiedlichen Geschwindigkeiten noch gut.

Deftige Brocken gehören zu Christians Top Five: Diese Köder laufen auch bei unterschiedlichen Geschwindigkeiten noch gut.

 Stabil sollte der Rutenhalter sein, denn ein Hecht übt beim Biss enormen Druck aus.

Stabil sollte der Rutenhalter sein, denn ein Hecht übt beim Biss enormen Druck aus.

 Ein Schnurzähler zeigt an, wie weit der Köder hinter dem Boot läuft.

Ein Schnurzähler zeigt an, wie weit der Köder hinter dem Boot läuft.

 Diesen Schlepp-Hecht konnte Christian mit einem Köderfisch am Lip Scull fangen.

Diesen Schlepp-Hecht konnte Christian mit einem Köderfisch am Lip Scull fangen.


Stabiler Rutenhalter

So banal es klingt, aber ein guter Rutenhalter ist extrem wichtig. Ich habe schon häufig gesehen, dass die Rute einfach irgendwo drunter geklemmt wird. Das kann mächtig in die Hose gehen! Wenn ein Hecht an der Rute tobt, wird nicht selten viel Druck aufgebaut, sodass es schwierig wird, die verklemmte Rute zu fassen. Erst wenn das Boot langsamer wird, kann man sie enthebeln  – bis man das geschafft hat, ist der Hecht oft schon verloren. Wer die Rute zu lasch verklemmt, der muss sich nicht wundern, wenn sie nach dem Biss ins Wasser gezogen wird. Beide Situationen lassen sich ganz einfach mit einem Rutenhalter mit einer Klemme verhindern. Er lässt sich einfach montieren, die Rute liegt sicher, und wenn ein Fisch gebissen hat, kann ich schnell zugreifen. Eine wichtige Sache sollte man  beachten, speziell im Ruderboot, wenn man gegen den Wind fährt: Man muss bei einem Biss die Rute besonders schnell greifen und Druck auf den Fisch aufbauen. Denn der Wind stoppt das Boot schnell ab, und wer dann zu wenig Zug auf den Hecht ausübt, erleichtert ihm das Abschütteln des Köders.

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