Saiblings-Hochburgen
20 | 10 | 2014 all | SchweizText: Daniel Luther 0625
20 | 10 | 2014 all | Schweiz
Text: Daniel Luther 0 625

Saiblings-Hochburgen

Der Seesaibling stellt hohe Ansprüche. Der «Fisch des Jahres 2012» braucht kaltes Wasser, viel Sauerstoff und sauberen Kiesgrund für seine farbenprächtige Hochzeit in der Tiefe. Eine Weile wurde es vielerorts ungemütlich für den «Roten Ritter». Heute scheint die Zeit der Belagerung überwunden. Wir stellen die besten Saiblingsseen vor.

In ihrem leuchtend orangen Prunkgewand wirken Saiblinge neben dem eher unscheinbaren Flossenwild unserer Seen wie Exoten. Und dieser Eindruck täuscht nicht. Nur stammen sie nicht aus den heissen Tropen, sondern im Gegenteil aus der Kälte des hohen Nordens. Manche Saiblingspopulationen in Alaska, Kanada und Sibirien liegen über dem 80. Breitengrad, also mitten in der Arktis! Die Alpenseen sind quasi die letzten Trutzburgen, wo sich der Seesaibling auch nach der Eiszeit in Mitteleuropa halten konnte.

 

Versperrter Heimweg

Wie Forellen und Lachse lebte der arktische Saibling ursprünglich im Meer und stieg nur zur Fortpflanzung in Flüsse auf. Der enorme Kraftaufwand lohnte sich, weil im Süsswasser die Zahl der Fressfeinde für den Nachwuchs viel geringer war. Zu Seebewohnern wurden die Wandersaiblinge erst, als ihnen die Gletscher während der letzten Eiszeit den Rückweg ins Meer versperrten.

Vor etwa 12 000 Jahren wurde das Weltklima rasch milder. Die dicken Eispanzer, die weite Teile Europas unter sich begraben hatten, schmolzen und zogen sich zurück. Die Alpengletscher sind ihre letzten Überreste. Ein weiteres Erbe waren die tiefen Täler und Senken, die sich rasch mit dem Schmelzwasser füllten und von Pflanzen und Tieren besiedelt wurden. Auch Saiblinge waren darunter. Aber mit der raschen Erwärmung verschwanden sie bald wieder aus weiten Teilen Europas. Nur in Seen, die rund ums Jahr kühl und sauerstoffreich genug waren überlebten die kälteliebenden Salmoniden.


Flucht in die Tiefe

In der Schweiz waren das vor allem die grossen Voralpenseen. Da sich sogar diese riesigen Wassermassen im Sommerhalbjahr an der Oberfläche zu stark erwärmen, mussten sich die Saiblinge mehr und mehr in die Tiefe zurückziehen. Hier entwickelten sie sich zu hoch spezialisierten Formen, eigentlichen «Tiefsee-Fischen». Die heutigen Populationen bevorzugen Lebensräume zwischen 20 und 80 Metern. Selbst ihre Fortpflanzung findet meist in dieser ewigen Dämmerung statt.

Das machte den Seesaibling besonders verletzlich für die Überdüngung vieler Schweizer Seen. Dort, wo in den 1970er-Jahren der Seegrund unter einer sauerstoffzehrenden Schicht verrottender Algen verschwand, verloren die Seesaiblinge ihre Laichplätze und Lebensräume. Sie starben aus, so im Sempacher- und Hallwilersee. Sogar im Zugersee, wo sie quasi als Wappentiere verehrt werden, gelang es nur mit gewaltigem Bewirtschaftungsaufwand einen kleinen Bestand zu retten, der sich mittlerweile parallel zur Verbesserung der Wasserqualität erholt hat. Auch im Bodensee nehmen die Seesaiblingbestände deutlich zu, aber andernorts trauert man besseren Zeiten nach, die noch gar nicht lang zurückliegen.

In diesem Artikel stelle ich Ihnen jene sechs Schweizer Seen vor, wo gemäss Fangstatistik im Schnitt der letzten zehn Jahre die meisten Seesaiblinge gefangen werden. Möglicherweise verkannte Saiblingsparadiese «im Dornröschenschlaf» werde ich im letzten Kapitel erwähnen.


Genfersee

Der Lac Léman ist mit 580 Quadratkilometern einer der grössten Seen Mitteleuropas und war phasenweise das mit Abstand ertragreichste Saiblingsgewässer. In den 1990er-Jahren stiegen die Gesamtfänge (Schweiz und Frankreich) auf bis zu 90 Tonnen pro Saison, was mehreren hunderttausend Saiblingen entspricht. Seit 2001 bricht die Saiblingspopulation aber massiv ein. 2010 war mit 14,9 Tonnen ein Tiefpunkt erreicht. Gleichzeitig wurden bei Hecht und Felchen neue Allzeitrekorde aufgestellt. Mit fast 50 Tonnen übertraf der Hechtertrag aus dem Léman den aller anderen Schweizer Seen zusammengenommen! Ob es da einen Zusammenhang gibt? Bereits vor Jahren stellten verschiedene Studien fest, dass sich der Zustand der zehn wichtigsten Laichgebiete (fr. omblière) verschlechterte. Der gute Ertrag der 1990er-Jahre beruhte vor allem auf den aufwändigen Besatzmassnahmen. Doch die jahrelang erfolgreiche Strategie scheint nicht mehr zu funktionieren. Auch die verbesserte Wasserqualität und die Aufwertung der Laichplätze mit Kiesschüttungen zeigt bisher keinen Effekt.

2008 stellte man in den Genfersee-Saiblingen zudem zu hohe PCB-Werte fest. Zur Zeit gilt deshalb in Frankreich ein Verkaufsverbot für Saiblinge über 39 Zentimeter.

Diese Entwicklungen sorgen in den Restaurants rund um den See für betrübte Gesichter, ist doch der «omble chevalier» traditionell einer der wichtigsten Speisefische und der perfekte Begleiter zu den feinen Tropfen aus dem Lavaux!

Im Genfersee fangen Netz- und Angelfischer normalerweise etwa gleich viele Saiblinge. Die erfolgreichste Methode ist das Tiefsee-Schleppen mit kleinen, hellen Löffeln, wie dem «Tannli» oder dem Glardon «Spezial».


Thunersee

Auch am Tor zum Berner Oberland trauern Fischer und Köche den «goldenen» Saiblingsjahren nach. Wie am Genfersee waren die frühen 1990er echte Spitzenjahrgänge mit Fängen deutlich über 30 000 Stück, wobei die Freizeitfischer im Schnitt mindestens zwei Drittel des Fangs ins Boot holten. Doch bald folgte die Ernüchterung. Die intensive Fischerei auf den Laichplätzen war offensichtlich nicht nachhaltig und 1999 war der Fangertrag auf weniger als ein Fünftel geschrumpft. Trotz angepassten Schonmassnahmen ist der Bestand seither deutlich geringer, für die vorderen Statistik-Ränge reichen die 5000 bis 10 000 «Ämmel» im Jahr aber immerhin.

Die durchschnittliche Grösse der begehrten Speisefische liegt bei 22 bis 30 Zentimeter, Exemplare über 40 Zentimeter sind heute viel seltener. Zum Saisonstart am 1. Januar fischen nur ein paar «Salvelinus-Freaks» mit der Tiefseeschleike, richtig los geht es erst im März. Die populären Stucki-Schlepplöffeli wurden ursprünglich für die Thunersee-Fischerei entwickelt. In der Regel werden sie tief unten angeboten, nicht selten auf 60 oder 70 Meter. Sobald die Saiblinge in Ufernähe ziehen – meist im Mai oder Juni – fängt man sie auf zehn bis zwanzig Metern – nicht selten besser mit der Nymphenhegene. Am erfolgreichsten ist die Hegene auf den Laichplätzen in 40 bis 80 Metern Tiefe, wo sich die Fische ab Ende August versammeln. Heutzutage endet die Saison bereits am 30. September, früher begann dann die Hochsaison!


Vierwaldstättersee

In den letzten Jahren steht in der eidgenössischen Fangstatistik der Vierwaldstättersee zuoberst mit einem Ertrag von über vier Tonnen aus der Netzfischerei. Die Fänge der Schleppfischer waren hingegen lange Zeit mager, was auch damit zu tun hat, dass nur noch wenige Spezialisten gezielt auf Rötel-Fang gehen. Das scheint sich seit kurzem zu ändern. Aus den Fisch­enzen Weggis und Vitznau erreichen uns Berichte von exzellenten Fängen, die das Interesse an den schmackhaften Räubern sprunghaft steigen lassen. Möglicherweise haben sich in den Tiefen zwischen Küssnacht und Flüelen ungeahnte Fangchancen entwickelt, seit die einst sehr beliebte Seesaiblingfischerei Ende der 1980er-Jahre mehr und mehr in Vergessenheit geraten ist.


Zugersee

Den wohl höchsten Stellenwert in der Bevölkerung geniesst der Seesaibling in Zug, wo er als Zuger Rötel ein unverzichtbarer Teil der lokalen Gastronomie ist. Nach langer Krise insbesondere durch die starke Überdüngung und den Verlust vieler Laichplätze, entwickeln sich die Bestände seit einigen Jahren wieder erfreulich. Interessanterweise sind auch die Seeforellen als natürlicher Fressfeind des Saiblings deutlich im Aufwind und dafür die Felchen markant weniger häufig als in vergleichbaren Seen. 22 161 Rötel notierten die elf Berufsfischer in der Saison 2011. Daneben wirkt der Fangerfolg der 785 Angler mit 994 Stück vergleichsweise bescheiden.

Die meisten dieser Fische werden beim tiefen Schleppen vor den steilen Ufern zwischen Walchwil und Arth erbeutet. Die beste Zeit ist der Frühsommer.


Bodensee

Fast schon ein Seesaiblings-Märchen spielt sich zur Zeit am Bodensee ab. 2011 brachte Spitzenfänge für Berufs- und Sportfischer. Die Netzfänge erreichten mit 15 234 Kilogramm (rund 50 000 Stück) ein historisches Hoch und die 2137 Kilogramm der Bootsangler hätte sich vor zehn Jahren noch niemand vorstellen können. Damals galt der gezielte Saiblingsfang noch als aussichtslos. Seither hat sich der Bestand rasch entwickelt, zunehmend unterstützt durch aufwändige Besatzmassnahmen, die man als grossen Erfolg werten darf. Die Saiblinge profitieren von Veränderungen des Sees, wozu möglicherweise auch Bestandesschwankungen anderer Arten gehören. So nehmen die Erträge von Felchen und Egli, die zu den häufigsten Fischen des Sees gehören beinahe schon parallel zum Höhenflug der Saiblinge ab. Wer mehr über das neue Saiblings-Dorado lesen möchte, wir haben darüber in Nr. 9/2011 ausführlich berichtet.


Silser-, Silvaplaner-, Champferer- und St. Moritzer See

Schon vor tausend Jahren entdeckten unsere Vorfahren, insbesondere die Teichwirte der Klöster und Adligen, dass der Seesaibling ausgezeichnet gedieh in höheren Lagen. Seit dem frühen Mittelalter wurden hunderte von Alp- und Bergseen mit Seesaiblingen besetzt. Daraus entwickelten sich viele selbst erhaltende Populationen.

Im Oberengadin war der Forellenbestand allerdings so üppig, dass man gar nicht auf die Idee kam zusätzlichen Besatzaufwand zu betreiben. Erst in den 1950er-Jahren experimentierte man mit dem Besatz von Seesaiblingen aus der Steiermark. Man erhoffte sich davon eine zusätzliche Futtergrundlage für die Forellen und mehr Ertrag. Bereits wenige Jahre später vermehrten sich die Saiblinge prächtig und wurden die dominierende Fischart im See. Als biologische Kontrolle besetzte man ab 1959 deshalb auch Kanadische Seesaiblinge (Namaycush), die sich ebenfalls rasch heimisch fühlten.

Spätestens in den 1970er-Jahren machte sich auch im schwach besiedelten Engadin der Effekt von Nährstoffen wie Phosphat bemerkbar. Schätzungsweise bis zu 100 000 Seesaiblinge (es gab damals keine offizielle Fangstatistik) landeten die Petrijünger in den besten Jahren. Silsersee-Veteranen erinnern sich, dass man sogar vom Ufer aus die Vollpackung von 20 Fischen fing – und zwar schon vor dem Mittagessen. Hier war die Party-Stimmung aber schon Ende der 1980er-Jahre verflogen. Bei Einführung der obligatorischen Fangstatistik im Jahr 2002 war der Ertrag bereits auf die Hälfte gesunken, 2011 waren es noch 26 248 Stück. Ob es das tiefere Nährstoffangebot in den Seen ist oder ob die Laichbedingungen sich verändert haben? Manche Engadiner Fischer glauben, es sei der Namaycush, der sich auf Kosten ihrer Lieblingsbeute vermehrt und den mächtigen Wanst vollschlägt. Wie auch immer: Wer die Seeportraits aufmerksam gelesen hat, dem wird auffallen, wie individuell unterschiedlich jedes dieser Gewässer ist und wie wenig wir über die Abläufe und Zusammenhänge verstehen.


Weitere Saiblingsgewässer

Überraschend deutlich nicht in diese Aufstellung geschafft hat es der Neuenburgersee. Seinen guten Ruf als Saiblingstipp verdankt er den kapitalen Exemplaren, die einige Schlepp-Spezialisten wie Daniel Wüthrich hier mit grossem Zeitaufwand fangen. Der Gesamtertrag ist aber mit einigen tausend Stück pro Jahr bescheiden für ein so fischreiches Gewässer dieser Grösse. Möglicherweise wird das Potenzial gar nicht ernsthaft genutzt, weil es so viele andere attraktive Fische mit weniger Aufwand zu fangen gibt.

In den grossen Tessiner Seen wurde der Seesaibling um 1900 eingeführt. Im Langensee konnten sie sich nie etablieren. Im Luganersee entwickelte sich hingegen ein Bestand, der bald zur Haupteinnahmequelle für die Berufsfischerei avancierte. Anfang der 1970er-Jahre ging diese Ära wegen der raschen Verschlechterung der Fortpflanzungsbedingungen zu Ende. Heute werden nur noch wenige hundert Exemplare pro Saison gefangen.


Gute Adressen – einst und jetzt

Im Zürichsee wird der Seesaibling mit relativ grossem Bewirtschaftungsaufwand gefördert. Dennoch bleiben die Fänge bescheiden. Fischte man bisher an ihnen vorbei oder gibt es zuviel Konkurrenz durch Egli oder Felchen?

Und der tiefe, kalte Walensee? Berechtigte Frage! Hier existierte vor fünfzig Jahren eine fantastische Saiblingsfischerei mit Durchschnittsgrössen um die 40 Zentimeter. Das durch die Überdüngung beschleunigte Wachstum führte dazu, dass zu viele Fische entnommen wurden, die noch gar nicht gelaicht hatten. Der Einbruch folgte und schon bald war der Traum vorbei! Die Saiblinge waren die erste Art, die auf die Inbetriebnahme der ARAs rund um den See reagierte. Innert weniger Jahre verschlechterte sich ihr Wachstum merklich. Heute erreichen die mageren Tiefenbewohner mit Müh und Not 20 Zentimeter.

Am noch nahrungsärmeren Brienzersee spielte der Seesaibling hingegen nie eine prominente Rolle für die Fischerei.

Aber so pessimistisch soll dieser Artikel nicht aufhören. In einigen Schweizer Seen findet man zur Zeit attraktive Möglichkeiten zum Saiblingfischen. In den drei Berner Patentgewässern Öschinen-, Arnen- und Engstlensee fängt man hauptsächlich besetzte Massfische, ebenso im Melch- und Tannensee sowie im Voralpsee.

Gute Chancen auf schöne und mit Glück auch grosse Wildfische bieten Ägerisee, Lago di Poschiavo, Palpuognasee oder der Zervreilastausee. Falls Sie Ihren persönlichen Seesaibling-Favoriten hier vermissen, würden wir uns über Ihren Tipp freuen.

 

 Die Suche nach dem Seesaibling führt einen an herrliche Gewässer. Der Silsersee im Oberengadin ist ein bekanntes Beispiel.

Die Suche nach dem Seesaibling führt einen an herrliche Gewässer. Der Silsersee im Oberengadin ist ein bekanntes Beispiel.

 Bildschön und delikat: Der Seesaibling ist der Inbegriff eines edlen Fisches!

Bildschön und delikat: Der Seesaibling ist der Inbegriff eines edlen Fisches!

 Der Genfersee war lange Zeit das beste Seesaiblingsgewässer Mitteleuropas. Heute macht man sich um den «omble chevalier» ernste Sorgen. Trotz Besatz und verbesserter Wasserqualität schwinden die Schwärme.

Der Genfersee war lange Zeit das beste Seesaiblingsgewässer Mitteleuropas. Heute macht man sich um den «omble chevalier» ernste Sorgen. Trotz Besatz und verbesserter Wasserqualität schwinden die Schwärme.

 Die vielleicht schönsten Seesaiblinge der Schweiz beherbergt der schöne Palpuogna-See am Albulapass.

Die vielleicht schönsten Seesaiblinge der Schweiz beherbergt der schöne Palpuogna-See am Albulapass.

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