Moderne Techniken [– Ist das noch fair?]
16 | 11 | 2018 Praxis | DiversesText: Florian Pippardt | André Pawlitzki 0818
16 | 11 | 2018 Praxis | Diverses
Text: Florian Pippardt | André Pawlitzki 0 818

Moderne Techniken – Ist das noch fair?

Kameras, Echolote, interaktive Seekarten – die Technik im Angelbereich entwickelt sich unaufhaltsam weiter. Wir erörtern, ob dieser Trend nicht einen gewissen Zenit überschritten hat.


PRO

Wieso sollte man sich vor Ideen verschliessen?
Für mich sind innovative Erfindungen die Basis für neue Erkenntnisse.
Florian Pippardt

Was hält uns davon ab, uns dem Fortschritt zu öffnen? Neuerungen bilden uns, zwingen uns zum Nachdenken und Ausprobieren. Neuerungen sind immer die Grundlage für Fortschritt und Erkenntnisse. Und genauso verhält es sich auch mit Echoloten. Natürlich kann man sich das ganze Jahr über einfach mit dem Zapfen ans immer gleiche Seerosenfeld setzen – hat doch früher auch so funktioniert. Natürlich ist das bequemer, als das Gewässer mit einem Echolot nach interessanten Tiefenstrukturen abzusuchen. Allerdings erfährt man so nicht, ob das Gewässer eine Sprungschicht bildet, ob sich im Freiwasser grosse Futterfischschwärme sammeln und ob ein Grossteil der Egli im Sommer deshalb das geliebte, altbekannte Seerosenfeld meidet. Und eine Sichel auf dem Display zu beobachten, die sich langsam dem Köder im Freiwasser nähert, ist mindestens genauso spannend wie ein abtauchender Zapfen. Das dargestellte Sonarbild zu deuten ist oft schwer und muss erst erlernt werden. Ein Echolot ist beileibe nicht unfair – wer das behauptet, hat noch nie eins benutzt. Strömungen, Phytoplankton in der Wassersäule, das Schraubenwasser, Kraut, gerodete Wälder, Wracks, Steinhaufen – all das kann auf den ersten Blick wie ein Fischschwarm aussehen. Man fängt an nachzudenken, was das Sonar anzeigt. Man probiert viel aus – und fängt oft genug nichts, während das Seerosenfeld zuverlässig ein paar Egli liefert. Das kann schon ernüchternd sein. Doch ich finde es spannend, diese Technik zu verstehen und zu beherrschen. 

Ebenfalls ernüchternd sind manchmal auch Unterwasserkameras. Während der Kollege nebenan selig auf die Wasseroberfläche blickt, starre ich mit offenem Mund auf mein Handydisplay, weil gerade ein Trupp Karpfen den Hartmais neben meinem Hakenköder säuberlich wegputzt. Nur mein Köder wird ignoriert. Während der Kollege seine Feederrute auswirft, knote ich die gewagtesten Montagen. Er fängt einen Karpfen auf die Feederrute – funktioniert, wie früher auch. Ich hingegen bekomme keinen Biss. 

Doch gerade das ist die grösste Motivation: Wer an der immer gleichen Stelle stehen beziehungsweise sitzen bleibt, lernt nichts Neues dazu. Wer aber den Aufwand und die Schneidertage nicht scheut und sich der Technik bedient, fängt auf lange Zeit besser. Kurz gesagt: Wer einen grossen Sprung machen will, muss einige Schritte zurückgehen.


KONTRA

Für mich hat der Fortschritt seine Grenzen. Wenn ich genauestens weiss, was unter Wasser passiert, nimmt mir das den Zauber am Angeln.
André Pawlitzki

Unterwasserkameras, Echolote, Futterboote, GPS-Geräte und elektronische Lock-Geräte – kein Fisch bleibt dem Angler mehr verborgen. Ich meine: Das ist doch kein Angeln mehr! Noch vor einigen Jahren wurde das Futter von Hand eingeworfen oder mit der Futterschleuder eingeschossen. Mittlerweile lässt man ganze Kiloladungen an Partikeln und Boilies mit dem Futterboot hinaus «cruisen» und bringt so das Futter auf bislang nie erreichte Weiten. Ein Echolot gehört bei modernen Raubfischanglern mittlerweile zur Ausrüstung wie Rute und Rolle. In grossen Talsperren oder mehreren Kilometer langen Seen hat ein Echolot bestimmt seine Berechtigung, um die Bodenbeschaffenheit zu erkunden. Allerdings arbeitet die Industrie über Downscan- und Chirp-Technologie fieberhaft daran, dass man jeden einzelnen Fisch nach Grösse geordnet auf dem kleinen Echolot-Display beobachten kann. Am besten auch noch seine Reaktion auf den Köder, der ebenfalls auf dem Bildschirm sichtbar ist. Pelagisches Angeln nennt man das. Der neuste Schrei aus den USA ist der Hydrowave. Dieses Gerät sendet Schallwellen von raubenden Schwarzbarschen ins Wasser ab und soll so die Fische ebenfalls in einen Fressrausch versetzen. Über einen Schalter kann man verschiedene Modi wie «Futterfischschwarm in Ruhephase», «Futterfische in Panik» oder «Krebse am Grund» anwählen. Die Soundwellen werden dann über einen Lautsprecher ins Wasser getragen und wirken auf die Seitenlinie der Fische. Dass das alles keine Spielerei ist, belegen Profi-Schwarzbarschangler wie Kevin van Dam und Jeff Kriets, die dieses Gerät bewerben und es bei ihren hochdotierten Wettangeln häufig im Einsatz haben.

Mein Kollege Florian und ich waren letztens zusammen am Wasser. Er setzt beim Karpfenangeln gern eine Unterwasserkamera ein, die er am Futterplatz ablegt. So sieht er zwar die Karpfen, die dort herumschwimmen, bekommt aber dadurch keinen Biss mehr als ich, obwohl ich nie weiss, wieviele Rüssler sich an der Stelle aufhalten.

Müssen wir also den gläsernen See befürchten? Auf jeden Fall strebt die Geräteindustrie in diese Richtung. Doch verliert das Angeln durch all diese Technik nicht auch etwas von seinem Reiz? Ich glaube schon! Wenn ich genau weiss, wieviele Fische welcher Grösse sich in einem Gewässer aufhalten, macht es vielfach keinen Sinn mehr, dort zu angeln, weil ich dort keinen Kapitalen fangen kann, weil ihn der Bestand einfach nicht hergibt. Und so wechselt man das Gewässer, obwohl man dort ein paar tolle Angeltage hätte erleben können. Gerade das Unbekannte, das Geheimnisvolle eines Gewässers macht für mich den Reiz beim Fischen aus. Und von Saison zu Saison ergibt sich ein kompletteres Bild, wie bei einem Puzzle. Nach ein paar Jahren weiss ich, wie der See «tickt». Die Befriedigung durch Erfahrung und Beobachtung gute Fänge zu machen, kann mir keine Technik der Welt bieten.

 

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