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| 01 | 09 | 2026 | Praxis | |
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Für Stefan Wenger beginnt ab Mitte August die schönste Zeit zum Fliegenfischen an den Bergseen. Der erfahrene Fliegenfischer aus dem Wallis, übrigens auch Vizepräsident des Schweizerischen Fischerei-Verbands, weiht uns ein in die Geheimnisse des spätsommerlichen Bergseefischens mit der Fliege.
Ab Mitte August ist die Ferienzeit vorbei, das Wasser wird wieder kälter, und für die meisten ist es nun zu frisch zum Baden, Stand-Up-Paddeln oder für andere Aktivitäten auf dem Wasser. Selbst an tief gelegenen, leicht erreichbaren Bergseen gehört das Wasser wieder vermehrt den Fischen – und uns Fischern. Die Fische werden weniger scheu und zeigen sich wieder häufiger in Ufernähe.
Im Wallis darf im August bis 22.00 Uhr gefischt werden, im September und Oktober bis 20.00 Uhr. Das bedeutet: Auch ein spontaner Ausflug nach Feierabend ist problemlos möglich. Eine Besonderheit im Wallis ist die verlängerte Saison an Bergseen: Bis Ende November darf gefischt werden, dann allerdings nur noch bis 17.00 Uhr. Einige Bergseen sind zudem verpachtet und können von den Pächtern selbst bewirtschaftet werden. An einem dieser Seen auf Einladung fischen zu dürfen ist ein grosses Privileg.
Für mich sind die Abendstunden die beste Zeit zum Fliegenfischen am Bergsee. Berg- und Talwinde lassen nach, das Wasser beruhigt sich, und oft liegt der See fast spiegelglatt da.
Persönlich mag ich leichte Wellen, die meine Fliege subtil bewegen. Die Fische sehen das Vorfach weniger, und manche Muster – oder vielleicht sollte ich besser Köder sagen – wirken durch die Wellen sogar noch verführerischer. Die Präsentation wird bei Wind allerdings anspruchsvoller: Weil sich das Wasser nicht überall gleich schnell bewegt, entsteht rasch ein deutlicher Bogen in der Flugschnur, was sowohl die Führung der Fliege als auch den schnellen Anhieb erschwert.
Ich fische am Bergsee ausschliesslich mit schwimmenden Schnüren, obwohl sinkende Schnüre in tiefen Seen für tiefer stehende Fische wie Cristivomer (Namaycush) klar im Vorteil wären.
Wenn ich an einen Bergsee komme, beginne ich selten sofort zu fischen. Zuerst geniesse ich die Stille und die klare Luft, die nach Alpenkräutern und Thymian duftet. Ich beobachte das Wasser, halte Ausschau nach steigenden Fischen und überlege mir, welche Fliege oder Technik – schwimmend oder sinkend – am sinnvollsten ist. Je nach Windrichtung wähle ich meinen Standort. Für mich als Rechtshänder ist es ideal, wenn der Wind von links nach rechts weht. So verhindere ich, dass die Fliege beim Rückwurf in meinem Gesicht landet. Einen Haken aus dem Nasensteg zu entfernen ist aus meiner eigenen Erfahrung äusserst unangenehm.
Am spannendsten ist für mich die klassische Fischerei mit der Trockenfliege. Nichts lässt den Puls höher steigen als ein Fisch, der langsam auf die Fliege zuschwimmt. Ob er sie schliesslich nimmt oder im letzten Moment verweigert, wird fast zur Nebensache. Für Trockenfliegen verwende ich ein bis zu sechs Meter langes, selbst geknotetes Nylonvorfach. Scheue Fische nehmen die Fliege mit solchen Vorfächern deutlich besser. Weil ich abgerissene Tippets verabscheue, fische ich fast nie unter 13er-Stärke. Für besonders heikle Fische kann das Tippet aus Fluorocarbon sein, zwingend ist es aber nicht.
Am häufigsten setze ich Fliegen der Grössen #14 bis #18 ein, oft mit Sichthilfe. Besonders mag ich Red Baron, Bibio Marci, CDC-Sedges oder CDC-/Rehhaar-Sedges. Letztere funktionieren auch als Nassfliege unter Wasser und provozieren beim Einstrippen oft heftige Attacken. An stark befischten Seen wird häufig auf immer kleinere Muster gesetzt – ein konträres Verhalten kann da ein echter Geheimtipp sein: Eine grosse, drei bis vier Zentimeter lange Steinfliege über die Oberfläche zu strippen, führt nicht selten zu spektakulären Bissen.
Wenn die Fische nicht steigen, beginne ich meist mit Nassfliegen zu fischen. Diese werden oft unterschätzt und entsprechend selten verwendet. Forellen, Bachsaiblinge und Cristivomer attackieren Nassfliegen in Ufernähe und an seichten Stellen gerne. Ich führe sie mit langen, zügigen Zügen durchs Wasser.
An tieferen Stellen, weit draussen im See, kommen beschwerte Streamer zum Einsatz. Für Bachforellen bevorzuge ich naturfarbene Wooly Buggers und kleine Hasenfell-Zonkers. Regenbogenforellen reagieren auch auf pinke oder chartreuse Muster. Cristivomer hingegen erfordern schwere Streamer, da sie oft nur sehr tief zu finden sind.
Für Nassfliegen und Streamer verwende ich deutlich kürzere Vorfächer als für Trockenfliegen: Eine einfache, 1,5 Meter lange Nylonschnur, mit Perfection Loop an der Hauptschnur und verbessertem Clinch-Knoten am Haken befestigt, reicht völlig aus. Wegen der kräftigen Attacken fische ich mindestens 18er-Stärke.
Ein echter Geheimtipp – den ich selbst erst spät schätzen gelernt habe – ist der kleine Marabou-Streamer, der unbewegt am Bissanzeiger hängt. Wichtig ist, dass Bissanzeiger und Streamer fein austariert sind: Der Streamer soll möglichst langsam sinken, aber gerade schwer genug sein, um den Bissanzeiger fast unter die Oberfläche zu ziehen. So spürt der Fisch beim Anbiss keinen Widerstand. Meine Streamer sind meist weiss und mit einem 3,2?mm-Tungstenkopf versehen. Als Bissanzeiger verwende ich einen 11?mm-OROS-Strike-Indicator oder forme einen aus Loon Biostrike. Auf jede noch so kleine Bewegung reagiere ich mit einem schnellen, aber sanften Anhieb. Ähnlich funktioniert die Nymphentechnik am Bergsee – ich setze sie jedoch selten ein, weil ich ihr wenig Vertrauen schenke.
Am Bergsee gleicht kein Tag dem anderen, und das Verhalten der Fische kann sich stündlich ändern. Deshalb wechsle ich bei geringer Aktivität häufig Fliegen, Techniken und Einholgeschwindigkeit. Vertrauen in die gewählte Methode und Ausdauer sind für mich die wichtigsten Erfolgsfaktoren. Und vielleicht ist es genau das, was die Fischerei am Bergsee so besonders macht: Man weiss nie, was der nächste Wurf bringt – aber jeder Moment am Wasser ist ein Geschenk.
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