Krautkarpfen[ – Wie soll man hier angeln?]
29 | 07 | 2019 PraxisText & Fotos: Bernd Brink 0251
29 | 07 | 2019 Praxis
Text & Fotos: Bernd Brink 0 251

Krautkarpfen – Wie soll man hier angeln?

Karpfenexperte Bernd Brink kann diese Frage beantworten. Er platziert seine Köder im Sommer dort, wo es wehtut: Mitten in Kraut und Schlamm. Dabei vertraut er auf eine Montage mit Hakenschutz und Bleibremse.

Vor etlichen Jahren bekam ich die Möglichkeit, an einem kleinen, nie befischten See zu angeln. Ich war voller Vorfreude, bis ich das Ge­wässer genauer unter die Lupe nahm: Der See war voller Kraut. Um die Sache noch weiter zu erschweren, war der Boden an den wenigen Stellen ohne Pflanzen auch noch extrem schlammig. Ich wollte mich dieser Herausforderung aber trotzdem stellen. 

Was man auf jeden Fall wissen sollte: Die Fische fressen regelrechte Löcher und Strassen ins Kraut. Man erkennt diese Stellen meist schon vom Boot aus, ohne abtauchen zu müssen. Genau hier sollten die Montagen auch liegen. Das Fischen im dichten Kraut erfordert ausserdem wirklich schweres Gerät. Ruten von mindestens 3 lbs. Testkurve und eine 0,25er geflochtene Schnur sind wichtig, um die Karpfen aus dem Dschungel zwingen zu können.

Zurück zu meinem Fischererlebnis: Ich hatte die Krautlücken ausgemacht und verlängerte meine Vorfächer von 15 auf 40 Zentimeter, da das Blei auf jeden Fall in den Schlamm sinken und einen Teil des Vorfachs mit hineinziehen würde. Der eigentliche Trick beruhte auf fünf mal drei Zentimeter grossen Styroporstücken, die ich aus einer Isolierplatte geschnitten hatte. Ich zog sie mit einer Boilie-Nadel auf ein Stück PVA-Schnur und band sie vor dem Auswerfen an den Haken. Der Auftrieb des Styropors liess die Montage langsam absinken und sorgte dafür, dass Vorfach und Köder noch kurz über Grund gehalten wurden, um sich dann sanft auf den weichen Boden und die Pflanzen zu legen. So konnte ich meine damalige persönliche Rekordmarke gleich dreimal brechen! Die Spiegler wogen über 15 Kilogramm. Allerdings hat die Sache einen Nachteil: Die Styropor­stückchen belasten die Umwelt. Mein Plan, sie nach dem Angeln am wind­aufgewandten Ufer aufzulesen, funktionierte nur einmal. 

Die Öko-Version

Jahre später las ich in einem Angelmagazin von wasserlöslichen Auftriebskörpern, die ursprünglich als nachhaltiges Verpackungsmaterial gedacht waren. Diese Schaumstoffstücke lösen sich bei Berührung mit Wasser unterschiedlich schnell auf. Da sie aus Pflanzenstärke bestehen, sind sie vollständig biologisch abbaubar. Somit war das Umweltproblem, das ich mit dem Styropor hatte, gelöst. Da ich in einem Versandhandel arbeite, war es für mich kein Problem, an dieses Bio-­Füllmaterial heranzukommen. Heute fahre ich nie mehr ohne die «Flips» ans Wasser, denn im Lauf der Zeit zeigten sich immer mehr Einsatzmöglichkeiten. 

Das Anbringen eines Flips am Haken ist einfach. Für kurze Entfernungen reicht es, den Schaumstoff auf die Hakenspitze zu stechen. Für Weitwürfe sichere ich den Flip mit PVA-Band. Damit übersteht der Schaumstoff auch Gewaltwürfe. Der verdeckte Haken verhindert, dass man beim Absinken Pflanzen fängt und die Montage nicht richtig arbeiten kann. Liegt das Blei auf dem Grund auf, schwebt der Köder am gestreckten Vorfach noch kurz darüber. Löst sich der Schaumstoff, sinkt der Köder langsam ab und legt sich sanft auf den Boden. So gelingt mir im Kraut die perfekte Köderpräsentation.

Bleibremse

Wie auch der See in meiner kleinen Geschichte zu Anfang sind viele gute Karpfengewässer verschlammt. Natürlich fische ich lieber auf hartem Gewässer­grund, allerdings kann ich es mir auch nicht immer aussuchen. Ausserdem kann Schlamm auch produktiv sein, also viel Nahrung für die Fische enthalten. 

Zuerst ist es wichtig, das Vorfach etwas zu verlängern, da das Blei immer etwas im Schlamm versinkt. Allerdings funktioniert der Selbsthakeffekt ab einer bestimmten Vorfachlänge einfach nicht mehr. Deshalb muss ich, vor allem in Seen mit einer tiefen Schlammschicht, mein Blei nach dem Wurf bremsen. Sonst «rast» das schwere Selbsthakblei durch die Wassersäule und direkt in den Schlamm. 

Hier kommt meine Bleibremse ins Spiel: In ein PVA-Netz packe ich eine grössere Menge Flips. Das Netz spiesse ich auf den Haken. Durch den starken Auftrieb wirkt es wie ein Fallschirm unter Wasser. Je nachdem, wie viele Flips man verwendet, schwebt selbst ein 120-Gramm-Blei zum Grund. Die Montage sinkt deutlich weniger ein! Ich benutze den Fallschirm aber auch in sehr flachen Gewässern mit nur wenig Schlamm, da hier der Wasserwiderstand nicht ausreicht, um das Blei zu bremsen. 

Wieviel Auftrieb nötig ist, hat man schnell durch ein paar Versuche herausgefunden. Bei mir hat sich ein PVA-Netz in der Grösse einer Mandarine bewährt. In das Netz packe ich zusammen mit dem Schaumstoff ein paar Boilies oder Boiliestücke. Am besten funktioniert es, wenn man zuerst das Auftriebsmaterial und dann das Futter in das Netz füllt. Der Haken wird dann an der «Futterseite» eingehängt. Die PVA-Säcke sollten aber nicht zu sehr gepresst werden: Wird der Schaumstoff zerdrückt, verliert er viel Auftrieb. 

 Die Flips treiben auf und markieren, wo die Montage liegt.

Die Flips treiben auf und markieren, wo die Montage liegt.

 Bernd sticht den Flip einfach auf den Haken. Bei grösseren Wurfdistanzen sichert er ihn mit PVA-­Tape.

Bernd sticht den Flip einfach auf den Haken. Bei grösseren Wurfdistanzen sichert er ihn mit PVA-­Tape.

 Mehrere Flips im PVA-Beutel bilden eine Bleibremse für schlammigen Boden.

Mehrere Flips im PVA-Beutel bilden eine Bleibremse für schlammigen Boden.

 Die Auflösezeit der Flips liegt in der Regel zwischen 30 Sekunden und fünf Minuten.

Die Auflösezeit der Flips liegt in der Regel zwischen 30 Sekunden und fünf Minuten.

 Nur mit dickem Geflecht und starker Rute bekommt man die Fische aus dem Kraut.

Nur mit dickem Geflecht und starker Rute bekommt man die Fische aus dem Kraut.

 Die Karpfen im Dickicht sind etwas weniger kritisch, weil sie in der Regel nicht mit einem Hakenköder in «ihrem» Dschungel rechnen.

Die Karpfen im Dickicht sind etwas weniger kritisch, weil sie in der Regel nicht mit einem Hakenköder in «ihrem» Dschungel rechnen.

 
Den Bogen überspannen

Es gibt Situationen, in denen ich auch auf hartem Grund den Auftrieb des Bio-Schaums nutze. Bei hartem Boden setze ich meist auf ein steifes Vorfach. Dieses liegt dann auch gestreckt am Grund. Verwendet man zusätzlich einen PVA-Sack mit Futter am Haken, läuft man Gefahr, den Bogen im wahrsten Sinn des Wortes zu überspannen. Denn das Gewicht am Hakenende kann das Vorfach dazu zwingen, sich zu verbiegen. Löst sich das PVA dann auf, schnellt das steife Vorfach in seine ursprüngliche Form zurück und der Haken sammelt Dreck auf. Das würde meine Falle vollkommen fanguntauglich machen. Jetzt kommt der Bio-Schaumstoff zum Einsatz: Einige Stückchen davon im PVA-Sack zusammen mit dem Futter heben die Spannkraft auf. Dann sinken Futterproben und Vorfach nach dem Auflösen des PVAs getrennt zu Boden.

Bevor der Schaumstoff sich völlig zersetzt, löst er sich vom Haken und steigt zur Wasseroberfläche. Das zeigt mir punktgenau, wo die Montage liegt. Dadurch spare ich mir den Einsatz einer Marker-Rute (eine Rute mit Grundblei und Zapfen, mit der ich die Stelle markieren kann) und verursache keine zusätzliche Unruhe am Platz.

Allerdings funktioniert das exakte Kennzeichnen der Stelle durch die Flips nur bei Windstille, denn selbst leichteste Wellen tragen sie sofort vom Platz weg.

Langsames Auflösen

Beim Fischen in grösseren Tiefen ist es wichtig, PVA und Schaumstoff zu verwenden, die sich so langsam auflösen, dass sie sich nicht schon beim Absinken von der Montage lösen. Die Auflösezeiten variieren von Produkt zu Produkt, je nach Wassertemperatur. Sie reichen von 30 Sekunden bis zu 5 Minuten. Durch eine längere Auflösezeit kommt der Haken auch in Tiefen über fünf Meter mit Schaumstoff am Grund an und zersetzt sich nicht schon auf halbem Weg. Um die Auflösezeit zu verlängern, bietet sich der Einsatz von PVA-Beuteln statt Netz an. Dann kommt der Schaum erst nach dem Auflösen des PVAs mit Wasser in Berührung. Ein weiterer Vorteil der Beutel ist, dass Luft miteingeschlossen wird. Das erhöht den Auftrieb. Man benötigt weniger Schaumstoff, wodurch sich alles kompakter verstauen lässt. So lassen sich weitere Würfe erzielen. 

Ich wünsche Euch viel Spass beim Experimentieren mit den Flips!

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