[Hotspots im Herbst:]</br>Räubernester ausräumen
07 | 11 | 2022 PraxisText & Fotos: Matze Brauch 0850
07 | 11 | 2022 Praxis
Text & Fotos: Matze Brauch 0 850

Hotspots im Herbst:
Räubernester ausräumen

Nach den ersten Kälteeinbrüchen stehen die Hechte in kleinen Gewässern nun dicht gedrängt auf engem Raum. Matze Brauch beschreibt die Hotspot-Verlagerung vom Spätsommer zum Herbst und seine Topköder. Petri Heil!


Noch vor zehn Minuten stand ich zitternd auf der Strasse und kratzte eine dünne Eisschicht von meiner Frontscheibe. Und auch nach der halbstündigen Autofahrt werden wir am See von eiskalter Luft begrüsst. Hoffentlich täuscht sich der Wetterbericht nicht, schönes sonniges Spätherbstwetter ist angekündigt. Trotz den kalten Temperaturen bin ich zuversichtlich. Beim letzten Angeltrip vor zwei Wochen lief es fantastisch! In einer flachen, krautigen Bucht fingen wir uns förmlich die Finger wund. Genau diese Bucht ist natürlich auch diesmal wieder unsere erste Wahl. Chatterbait in den Karabiner, getreu dem Motto «Hauptsache auffällig». Wurf um Wurf suchen wir die vielversprechenden Ecken ab. Fünf Würfe verstreichen; dann 10, dann 15, dann 30 … kein Fisch. Das Wasser wirkt wie ausgestorben, und auch in den kommenden Stunden bleiben wir ohne Kontakt. Das darf doch nicht wahr sein! 

 Der lag direkt an der Krautkante auf 2,5 Meter Tiefe. Den herabtrudelnden Gummifisch vor seiner Nase konnte er kaum ignorieren.

Der lag direkt an der Krautkante auf 2,5 Meter Tiefe. Den herabtrudelnden Gummifisch vor seiner Nase konnte er kaum ignorieren.


Wer die Krautkante findet, gewinnt das Spiel! 

Okay, vor zwei Wochen hatten wir 20 Grad Lufttemperatur und einen leichten Westwind. Es hat merklich abgekühlt und somit ist auch die Wassertemperatur um einige Grad gefallen, wie mir das Echolot verrät. Die Hechte scheinen ihren Standort völlig verändert zu haben – doch wohin? Der See, den ich mir ausgesucht habe, ist nur 10 Hektar klein. Weite Teile sind ein bis drei Meter flach und stark verkrautet, nur einige wenige Stellen sind tiefer. Dann probieren wir es mal in den wenigen Winterspots. Ich weiss genau, wo die Vier-Meter-Löcher sind. Aber auch hier steht kein Fisch, wie wir kurz darauf zu spüren bekommen. Ich werde zunehmend ratloser. Aber ich habe noch eine gute Idee.

Wir steuern das Boot weg vom krautlosen Winterloch und fahren langsam zurück in Richtung krautiges Flachwasser, das Echolot behalte ich dabei genau im Blick. Beide Spots (Winterloch und Flachwasser) brachten keinen Fisch, aber vielleicht der Bereich dazwischen? Ich suche keine Fischsicheln auf dem Echolot, sondern einen auffälligen Wechsel im Boden. Genau gesagt den Bereich, in dem das allererste Kraut wächst – die Krautkante. Hier könnten die Hechte Nahrung finden, dem kalten Flachwasser aus dem Weg gehen und sogar etwas Schatten finden, falls der Wetterbericht doch noch Recht behalten sollte. Gleissendes Sonnenlicht mögen Hechte nämlich nicht so gern. 

Mein Angelfreund Andreas montiert eine Line Thru Trout (einen flach laufenden, mehrteiligen, ultrarealistischen Swimbait), während ich einen Gummifisch am Cheburashka-Bleikopf einhänge. Wir verzichten bewusst auf aggressive Köder – diese haben zwar vor zwei Wochen gut funktioniert, aber anscheinend hat sich vieles geändert. Während Andreas seinen Swimbait Bahn für Bahn knapp einen halben Meter über den Krautresten anbietet, faulenze ich meinen Gummifisch direkt über dem Kraut. Die drei Gramm schwere Bleimurmel beschert mir bei knapp 2,5 Meter Wassertiefe eine ewig lange, verführerische Absinkphase und dank des Offset-Hakens bleibt der Gummifisch nicht im Kraut hängen. 

Beim dritten oder vierten Wurf bekomme ich bei einer langen Absinkphase den ersten Ruck. Der Anhieb sitzt und ein heisser Tanz an der leichten Rute beginnt. Nach kurzem Drill kommt ein schöner Hecht an die Oberfläche und kann kurz darauf von Andreas gefeumert werden. Der Köder wurde vom Räuber völlig inhaliert. Wir haben sie also endlich gefunden! Und sie sind auch gar nicht so inaktiv wie befürchtet – das bestätigt sich einen Wurf später erneut. Wieder geht ein Ruck durch meine Rute, als ich den Shad auf den krautigen Boden trudeln lasse. Dieses Mal wird mein Anhieb mit wildem Geschüttel am Ende der Schnur beantwortet. Im Drill kommt der Fisch vorerst einfach nicht hoch, doch nachdem er sogar zwei Mal in die Bremse gegangen ist, durchbricht ein riesiger Egli die Oberfläche. Einige bange Momente später kann Andreas auch diesen Fisch feumern. Uff … 

 Für Abwechslung im Feumer sorgen grosse Egli, die einzeln im Kraut zwischen den Hechten liegen.

Für Abwechslung im Feumer sorgen grosse Egli, die einzeln im Kraut zwischen den Hechten liegen.


Nachtfröste schaffen Räubernester  

Man könnte sagen, dass wir Glück hatten, aber dieses Phänomen kenne ich schon von anderen Gewässern. Wenn sich die Temperaturen über Wasser drastisch ändern, dann wandelt sich auch das Bild unter Wasser. Und das mitunter innerhalb weniger Tage. Während die Fische im warmen Sommerwasser über die gesamte Seefläche verteilt sind, finden sich mit den ersten Nachtfrösten wahre Räubernester. Das liegt wohl weniger an der Nächstenliebe innerhalb der Räuber, als vielmehr an den optimalen Tiefen, Pflanzenbewuchs und Nahrungsvorkommen im Gewässer. Dabei macht mitunter ein halber Meter Tiefenunterschied eine Menge aus. Hat man den fängigen Bereich im Herbst an einem Tag gefunden, so scheint es fast egal, wo im See man steht, man wird fangen. Wie so oft: 90% der Fische stehen auf 10% der Wasserfläche. 

Auf der einen Seite ist das enge Zusammenstehen der Räuber natürlich gut für uns, denn haben wir einen Räuber gefangen, ist der zweite meist nicht weit weg. Auf der anderen Seite bedeutet das auch viel Fleissarbeit, um den richtigen Bereich zu finden. Je grösser und tiefer ein Gewässer ist, desto mehr Zeit brauchen wir, wenn uns der Zufall nicht hilft. Deshalb konzentriere ich mich im Herbst gern auf mittelgrosse, flache Gewässer. Dann beginne ich im Flachen und arbeite mich systematisch bis zum tiefen Loch vor, bis ich Kontakt bekomme. Oft ist das an der Krautkante in mittlerer Tiefe der Fall. 

 Natürliche Swimbaits oder Jerkbaits fangen auch, aber eher während der kurzen Aktivitätsphasen.

Natürliche Swimbaits oder Jerkbaits fangen auch, aber eher während der kurzen Aktivitätsphasen.


Langsam, natürlich, grundnah: Unauffällig ist Trumpf 

Egli und Hechte stehen mitunter in den gleichen Bereichen, sodass ein gezieltes Befischen der einzelnen Art kaum möglich ist. Das sorgt aber eher für eine nette Abwechslung im Feumer. Bei der Gerätewahl gehe ich gern ein paar Nummern herunter. Meine Köder sind zwischen 10 und 15 Zentimeter lang. Dabei spielt es in meinen Augen kaum eine Rolle, ob der Köder aus Holz, Plastik, Federn oder Gummi besteht. Bei der Köderwahl spielt für mich ein anderer Faktor die entscheidende Rolle: Er darf maximal 50 Zentimeter über den Fischen, und somit über dem Boden, laufen. Die Räuber haben immer noch genug natürliche Nahrung in ihrer Umgebung und müssen so nicht allem hinterherjagen. Wenn der Köder dann noch laut und unnatürlich rüberkommt, kann es sein, dass erfahrene Räuber im klaren Wasser lieber noch weiter im Kraut verschwinden, als sich unsere Köder blindlings zu inhalieren. Ich setze eher auf Natürlichkeit und Langsamkeit. Die Räuber kennen ihre Umgebung und ein Köder kommt kaum unbemerkt an ihnen vorbei. 

Keine Regel ohne Ausnahme: Es gibt im Herbst meist eine einzige Aktivphase am Tag, und die fängt für gewöhnlich nach dem Mittag an. In dieser scheint es wieder keine Rolle zu spielen, welcher Köder in welcher Tiefe läuft. Die Fische kommen hoch und attackieren alles, was ins Beuteschema passt. Dann fangen auch Swimbaits, Jerkbaits oder Twitchbaits so gut wie unser Gummi am Grund. Doch so schnell wie dieser Moment beginnt, ist er meist wieder vorbei.

Und so war es auch an diesem Tag mit meinem Angelfreund Andreas. Plötzlich hatte Andreas auch mehrere Bisse auf seinen Swimbait, der nur knapp unter der Oberfläche und so mindestens zwei Meter über den Fischen lief. Aber Andreas’ Fangspektakel hielt nicht allzu lange an, und schon kurz darauf fing ich mit meinem kleinen Gummifisch am Grund wieder besser.

 Dezente Gummifische, dicht am Grund gejiggt oder gefaulenzt, sind ein ganztägig guter Köder.

Dezente Gummifische, dicht am Grund gejiggt oder gefaulenzt, sind ein ganztägig guter Köder.

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