Grosshechte in der kanadischen Wildnis
02 | 05 | 2020 ReisenText: Rasmus Ovesen | Fotos: Rasmus & Anders Ovesen 0492
02 | 05 | 2020 Reisen
Text: Rasmus Ovesen | Fotos: Rasmus & Anders Ovesen 0 492

Grosshechte in der kanadischen Wildnis

Warum soll man um den halben Globus reisen, um in Kanada mit der Fliegenrute den Hechten nachzustellen? Schliesslich kann man dies ebenso gut zu Hause an einem beliebigen See, Teich oder Fluss versuchen. Die Antwort ist einfach: Die kanadische Wildnis bietet die Möglichkeit auf unberührte Hechtgewässer; eine einmalige und unwiderstehliche Herausforderung auf dem Weg zum Grosshecht.

Wenn es eine CO2-Hölle gibt, werde ich nach diesem Trip darin enden. Ich habe bereits drei Flüge hinter mich gebracht, um nach Saskatoon in der kanadischen Provinz Saskatchewan zu gelangen, und habe weitere drei Flüge vor mir, um mein ersehntes Ziel zu erreichen: Den Phelps Lake, gute hundert Kilometer von Stony Rapids, dem letzten Aussenposten der Zivilisation an der Grenze der kanadischen Bundesstaaten Saskatchewan und Northern Territories. Was uns erwartet, ist nichts weniger als ein unberührtes Fischerparadies in den unermesslichen Weiten der kanadischen Wildnis und eine Hechtfischerei, die einen Aufenthalt im Fegefeuer wert wäre.

 
Flug in die Wildnis

Aus dem Flugzeug beobachte ich, wie sich die vertrauten Spuren der Zivilisation langsam auflösen und hinter uns in diesem riesigen Rund verschwinden. Symmetrische Grasflächen, eingezäunte Felder, gerade Waldlinien, Kiesstrassen: Alles verdünnt sich und ist irgendwann ganz aufgelöst in dieser riesigen Waldfläche, die nur von silbern glänzenden Wasserflächen der von der letzten Eiszeit geformten Seen und ruhig mäandrierenden Flüssen unterbrochen wird. Alle Spuren menschlicher Tätigkeit sind jetzt weg, es ist, als würde alles durch die Landschaft verschluckt, es bleiben Wald und Wasser, die sich in den abenteuerlichsten Formen voneinander absetzen. Die Wasseroberfläche liegt ruhig da mit zahlreichen Buchten und Flachwasserbereichen. Inseln in allen Grös­sen und Formen durchsetzen das ruhige und tiefe Blau des Phelps Lake. Endlich setzt das Wasserflugzeug auf der grossen Wasserfläche auf und steuert auf die Wolf Bay Lodge zu. Es ist ein Frühsommertag Mitte Juni, das Licht ist warm, kein Wind – Kaiserwetter. Der Lodge-Besitzer begrüsst meinen Bruder und mich und schnell ist alles eingerichtet, schliesslich haben wir noch einen halben Tag Fliegenfischen mit einem lokalen Guide vor uns.


Fischerei auf Sicht

Unser Boot schneidet das flache Wasser, mit hoher Geschwindigkeit rasen wir über Untiefen und weite Flächen und an grossen Buchten vorbei. Da wir nichts anderes als Wald und Wasser und nochmals Wald sehen können, verliere ich im Nu die Orientierung und den Sinn für Distanzen. Es ist ein berauschendes Gefühl, welches sich noch verstärkt, als wir nach 20 Minuten Fahrt in einer grossen, flachen Bucht ankommen und nach dem Abschalten des Motors der gewaltigen Stille gewahr werden, die uns umgibt.

Die Hechte sind immer noch im Flachwasser. Das Laichgeschäft und ein langer, eiskalter Winter sind vorbei und die Fische sind hungrig. Guide Jason erklärt, dass es nun nur ums Auffinden der Fische gehe. Die Hechte stünden in Gruppen in den vielen flachen Buchten mit dunklem, morastigem Grund, die sich schnell von der Sonne erwärmen und deswegen auch mit vielen Futterfischen aufwarten. Wir denken noch immer nicht daran, dass uns eine Fischerei auf Sicht bevorsteht, zumeist in Wasser von einem halben Meter Tiefe und oft genug in überfluteten Wiesen. Es dauert nicht lange, bis wir die ersten Fische finden; ganz nah am Ufer, über dem frisch gewachsenen Kraut können wir ein paar kleinere Männchen ausmachen. Trotz des erstaunlich klaren Wassers sind die Fische nicht einfach zu erkennen. Und obwohl sie eher apathisch wirken, sind sie hungrig und aggressiv und reagieren prompt auf unsere Streamer, folgen ihnen voll hungriger Neugier und oft genug erfolgt die Attacke gleich vor dem Boot. Es ist eine Weile her, seit mein Bruder und ich auf Hechte angelten, aber uns wird schnell wieder klar, was den Reiz des Angelns auf diese unheimlich schnellen Raubfische ausmacht.


Grosshecht im Schwemmland

Nachdem sich am ersten Spot keine grossen Hechte gezeigt haben, ziehen wir schnell weiter zu einer weiteren dieser zahllosen Buchten. Wir gelangen ans Nordende des Sees und dort in eine kleine Ausbuchtung, die zuerst gar nicht speziell aussieht. Der Eingang ist so seicht, dass wir den Motor anheben und die Paddel zu Hilfe nehmen müssen. Das dunkle, ockerfarbene Wasser zeigt keine Anzeichen von Hechten. Doch ganz zuhinterst sehe ich einen grossen Schatten über einem Büschel von geflutetem Wiesengras. Und dieser Fisch ist nicht allein! Mehrere Männchen stehen in unmittelbarer Nähe und sehen daneben erstaunlich klein aus. Sie sind nicht nur Geschlechtspartner, sondern auch potenzielles Futter. Ich kann das grosse Hechtweibchen aus unmittelbarer Nähe beobachten: Mit leicht zitternden Flossen und einem aggressiven Ausdruck, scheint es jeden Moment auf seine kleineren Artgenossen loszugehen. Ich platziere meinen Hasenfell-Streamer an der Grenze des Wiesengrases – und sofort attackiert der grosse Hecht, die kleineren verfolgen gespannt das Geschehen. Es beginnt ein spektakulärer Kampf, mehrere Fluchten und Sprünge folgen und verlangen der Fliegenrute alles ab. Der Fisch ist grös­ser als ich zuerst angenommen habe, und das Massband gibt 125 Zentimeter an. Mein Traum eines wirklich grossen kanadischen Hechts ist bereits nach wenigen Stunden wahr geworden, und das in einer spektakulären Art und Weise auf Sicht.

Es gibt kaum eine Verschnaufpause, unser Guide macht sich durch ein «psst» bemerkbar und zeigt auf einen weiteren Grosshecht in unmittelbarer Nähe. Und da nochmals einer und nochmals …

 Wasser und Wälder bis ans Ende des Horizonts: Die kanadische Wildnis ist unermesslich gross und voller Fisch.

Wasser und Wälder bis ans Ende des Horizonts: Die kanadische Wildnis ist unermesslich gross und voller Fisch.

 Zwar kann man fürs Fischen ans Ufer stehen, aber ein Vorwärtskommen ist hier nur mit dem Boot möglich.

Zwar kann man fürs Fischen ans Ufer stehen, aber ein Vorwärtskommen ist hier nur mit dem Boot möglich.

 Die allermeisten kapitalen Hechte hier haben nie zuvor einen Kunstköder gesehen.

Die allermeisten kapitalen Hechte hier haben nie zuvor einen Kunstköder gesehen.

 Hechte in dieser Grösse sind im Phelps Lake an der Tagesordnung.

Hechte in dieser Grösse sind im Phelps Lake an der Tagesordnung.

 Der Streamer ist wie gemacht fürs Fischen in ganz flachen Bereichen.

Der Streamer ist wie gemacht fürs Fischen in ganz flachen Bereichen.

 Nicht nur unter Wasser findet man prächtige Tiere: Begegnungen mit Elchen, Weisskopfseeadlern und Schwarzbären sind hier alltäglich.

Nicht nur unter Wasser findet man prächtige Tiere: Begegnungen mit Elchen, Weisskopfseeadlern und Schwarzbären sind hier alltäglich.

 Nicht nur unter Wasser findet man prächtige Tiere: Begegnungen mit Elchen, Weisskopfseeadlern und Schwarzbären sind hier alltäglich.

Nicht nur unter Wasser findet man prächtige Tiere: Begegnungen mit Elchen, Weisskopfseeadlern und Schwarzbären sind hier alltäglich.

 Nicht nur unter Wasser findet man prächtige Tiere: Begegnungen mit Elchen, Weisskopfseeadlern und Schwarzbären sind hier alltäglich.

Nicht nur unter Wasser findet man prächtige Tiere: Begegnungen mit Elchen, Weisskopfseeadlern und Schwarzbären sind hier alltäglich.

 Prächtige Saiblinge sind am Phelps Lake in sehr guten Stückzahlen vorhanden.

Prächtige Saiblinge sind am Phelps Lake in sehr guten Stückzahlen vorhanden.


Jeder fünfte Hecht ein Grosser

In weniger als zwei Stunden haben wir sieben Grosshechte gefangen, drei davon mit mehr als 120 Zentimetern, alle auf Sicht angeworfen und mit donnergleichen Bissen. Einige Fische in der Grössenordnung von 135 Zentimetern haben wir ebenfalls angeworfen, doch diese hatten kein Interesse an unseren Fliegen. Wir kehren völlig überwältigt zur Lodge zurück. Nie zuvor haben wir auch nur annähernd eine solch intensive Fischerei mit so vielen grossen Hechten erlebt. Aber wie sich in den kommenden Tagen zeigt, ist dies am Phelps Lake nichts Ungewöhnliches. Wir fangen gegen 200 Hechte in sechs Tagen, 40 davon gut über der Metermarke. Zudem können wir kanadische Felchen mit der Nymphe fangen sowie grosse Seesaiblinge, die sich an den Kanten zum Tiefenwasser in Trupps aufhalten, aber das ist eine andere Geschichte.

Es war vielleicht verrückt, so weit in die abgeschiedene Wildnis Kanadas zu reisen, um auf Hechte zu fischen. Aber die Eindrücke, die ich mit nach Hause nehme, sind unvergleichlich.

 

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