Fischen im Mai
01 | 05 | 2019 Schweiz | PraxisText & Fotos: Daniel Luther 01340
01 | 05 | 2019 Schweiz | Praxis
Text & Fotos: Daniel Luther 0 1340

Fischen im Mai

Wen es im Mai nicht nach draussen zieht, der ist ein hoffnungsloser Fall und sollte sich für eine Marsmission anmelden. Die Sonne wird mit jedem Tag kraftvoller und das Leben tobt. Die Vielfalt der fischereilichen Optionen sprengt definitiv unser Freizeitbudget. Wir haben die Wahl. Je nach Charakter bedeutet das Glück oder Qual.
 

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Wonnemonat! Die Welt wird grün und rundherum wächst Essen. Alles spriesst, blüht, gedeiht und reift. Die Maisonne wärmt uns frühlingsfaulen Säugetieren wunderbar den Pelz beziehungsweise die Haut. Für wechselwarme Wesen wie Fische ist der Mai allerdings weit weniger wonnevoll. Er bedeutet brutalen Stress. Kein anderer Monat strapaziert den Stoffwechsel mehr mit seinen ruppigen Temperatursprüngen. Anfang Mai ist das Wasser der meisten Flüsse und Seen im Mittelland und den Voralpen in der Regel noch einstellig kalt, doch noch vor dem Juni steigt das Thermometer auf sommerliche 20 Grad und mehr. Wenn die Fische also trotz scheinbar bestem Fischwetter so gar nicht in Stimmung sind, dann ist das absolut verständlich. Nichtsdestotrotz ist der Mai einer der attraktivsten Fischermonate. Dazu gehören einige der besten Tage auf Seeforellen und Felchen, unvorsichtige Alet, hyperaktive Schwalen und Brachsmen, neugierige Schleien und unternehmungslustige Karpfen, gierige, aber noch magere Egli, die ersten raubenden Rapfen und Welse und natürlich unser hochverehrter Meister Esox.  
 

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Nach ihrer anstrengenden und oft gewalttätigen Hochzeit sind die Hechte hungrig und aggressiv. Nicht wenige der kleineren Esox-Männchen verlieren im Mai ihr Leben oder zumindest Schuppen. Die ersten Tage und Wochen der Saison sind angeltechnisch attraktiv, weil sich in Ufernähe grosse Räuber aufhalten, die sonst das ganze Jahr in den Weiten und Tiefen des Sees unterwegs sind. Maximale Aufregung verspricht das Fliegenfischen mit voluminösen Streamern. Ein ähnliches Adrenalinpotenzial hat das Oberflächenfischen mit Sticks und Poppern. Für Uferfischer bringt der Mai einzigartige Chancen auf richtig kapitale Kaliber. Ein Tipp: Mit Wathosen lässt sich der Aktionsradius oft fangentscheidend erweitern.
 

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Für Fliegenfischer hat das Wort Mai einen magischen Klang. Der Schlupf der Maifliegen ist für manche Mitglieder der Zunft ein nahezu religiöses Ereignis, das andächtig erwartet und zelebriert wird. Da die grossen Eintagsfliegen ökologisch hohe Ansprüche stellen, sind sie aus vielen Fliessgewässern verschwunden: Zu warm, zu verbaut, zu belastet, zu wenig Ufervegetation. Wo sie noch in Massen schlüpfen, ist das ein erfreulicher Hinweis auf einen intakten Lebensraum und unbedingt schutzwürdig. Zu erleben, wie das Wasser in Bewegung gerät und grosse Mäuler gierig Fliege nach Fliege von der Oberfläche schlürfen, ist über das Fischen hinaus ein eindrückliches Naturspektakel. In unserem Land ist es mittlerweile am wahrscheinlichsten an Voralpenseen zu beobachten. Bekannt für starke Schlüpfe sind der Vierwaldstättersee und der Thunersee. Ein Hinweis für Ungeduldige: Nicht selten ist in der Schweiz der Juni der bessere Maifliegen-Monat!

 Micro-Fishing

Micro-Fishing

 
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Der Mai passt ideal für ein paar Zeilen zu einem neuen Trend, das M(a)icro-Fishing

Der Fang kleiner Fische gehört zu unserem Genusshandwerk, seien es Untermässer oder Köderfische. Dass jemand seine Fischerzeit bewusst der Pirsch auf Kleinfische widmet, ist allerdings in unseren Breiten ungewöhnlich bis seltsam. Beim Micro-Fishing ist das Ziel nicht ein möglichst kapitaler oder üppiger Fang, sondern das Ausloten der Artenvielfalt eines Gewässers mit fischereilichen Methoden. Es geht dabei nicht um Beute, die kulinarisch verwertet wird, sondern um das Dokumentieren und Inszenieren der Fänge. Keine Überraschung im Zeitalter des Zeigens. 

Micro-Fishing ist eine logische Entwicklung. Es erweitert und perfektioniert bestehende Techniken und Taktiken und schafft neue Bedürfnisse, die der Handel gerne befriedigt. Ein Aspekt dieser Idee überzeugt: Jede Fischart ist schön und faszinierend. Diese Erweiterung des Horizonts ist wertvoll. Problematisch ist hingegen das schrittweise Herunterschrauben der Ansprüche, um Frustrationen zu vermeiden. Wenn den Petrijünger der Zukunft schon kleine Weissfische glücklich und satt machen, schwindet unweigerlich der Wille, sich weiterhin für Gewässer einzusetzen, in denen Forellen, Äschen oder sogar Lachse gross und stark werden können. Auf so einen Trend haben nicht wenige unserer ewigen Kontrahenten sehnlichst gewartet …

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