Bertrand Rigolot [| Fischen am Ende der Welt]
26 | 05 | 2021 Video | ReisenText & Fotos: Steff Aellig 0867
26 | 05 | 2021 Video | Reisen
Text & Fotos: Steff Aellig 0 867

Bertrand Rigolot | Fischen am Ende der Welt

Bertrand Rigolot lebt und fischt im westlichsten Zipfel Frankreichs. Hier bestimmen Wind, Wellen und Gezeiten über Risiken und Chancen eines Angeltags. Bertrands Lieblingsrevier ist die bretonische Insel «Ouessant». Das ist der Ort, wo die wilden Kerle wohnen: Die grossen Pollacks. Wir begleiten Bertrand an seinen Hotspot und stellen fest: Für uns Süsswasserfischer ist das bretonische Meer schon an sanften Tagen respekteinflössend.

Als mich Bertrand zwei Wochen nach unserer Begegnung anruft, ist er ganz aufgelöst: «Gestern Nacht … Vandalen … Das Boot: völlig zerstört. Nein, zum Glück nicht meins, sondern das Schiff meines Kumpels an der Nachbarboje!» Doch Bertrand befürchtet, dass der Anschlag eigentlich ihm gegolten habe. «Aus Neid, weil ich halt viel fange», mutmasst er. Es sei eine Gewitternacht gewesen, wie er sie schon lange nicht mehr erlebt habe. Und da müssten diese Kerle wohl bei Niedrigwasser in die Bucht zu den Schiffen gewatet sein, um zu wüten: «Das ganze Dach ist abgerissen, innen alles zerstört. Ein Schaden von mindestens zwanzigtausend Euro!» Monate später brachte dann die Untersuchung von Polizei und Versicherung Klarheit: Es war kein Vandalenakt, sondern das Gewitter. Ein heftiger Blitzeinschlag habe das Dach vom Rest des Schiffes getrennt und alle Geräte im Innern zerstört. Unglaublich!

Kennengelernt haben Bertrand und ich uns in einem Segelhafen in der Nähe von Brest; am Abend beim Fischen auf der Mole. Er ist mit seinem fast neuen «Merry Fisher» und seinem elfjährigen Sohn fürs Wochenende hergetuckert. Und wir: Als Familie mit dem Segelschiff unterwegs. Wir kommen ins Gespräch, nachdem eine schwedische Jacht ein Kamikaze-Hafenmanöver hingelegt und dabei beinahe Bertrands Schiff gerammt hat. Mit meinem ganzen Gewicht stemme ich mich vom Steg aus gegen die Schweden­jacht. Ganz knapp können wir gröberen Schaden verhindern (siehe «Bretonisches Fischertagebuch» in «Petri-Heil» 1/2021). «Das werde ich dir nie vergessen!», meint Bertrand erleichtert. Als Dank für die Unterstützung lädt er mich auf einen Angeltrip in seinem Heimatrevier ein: Vor der berühmten Insel «Ouessant», dem westlichsten Landpunkt Frankreichs. Das lassen wir uns nicht zweimal sagen. Nach Abschluss unserer Segelwoche fahren wir nach Portsall, einem verschlafenen Fischernest etwa dreissig Kilometer nördlich von Brest. Der Tag mit ihm auf dem Schiff wird unvergesslich.


«Finis Terrae» – das Ende der Welt

«Wenn du hier weiterfährst, kommst du direkt nach Amerika!», lacht Bertrand und beisst in sein Sandwich. «Finis Terrae» – das Ende der Welt, so nannten schon die Römer die äusserste Ecke von Gallien. Und das hat dem westlichsten Departement des französischen Festlands seinen heutigen Namen gegeben: «Finistère».

Unter uns zerklüftete Felsen. Die Grundlinie auf dem Echolot zuckt auf und ab: Mal sechzig Meter tief, dann plötzlich wieder hoch auf zwanzig. Und in diesen unergründlichen Schluchten jagen die Raubfische, auf die wir es heute abgesehen haben: Pollack. Auf Französisch «Lieu jaune». Fische ab Grösse XL leben hier. Nicht nur wegen der Tiefe, sondern vor allem auch wegen der starken Gezeitenströmung: Die Wassermassen schieben Futtertiere wie auf dem Förderband vorbei, viermal am Tag, zweimal in jede Richtung. Dort, wo wir heute fischen, beträgt die Stromstärke zu Spitzenzeiten fünf Knoten. «Bei hohen Koeffizienten kannst du hier nicht fischen, viel zu gefährlich!» Bertrand spricht die Springzeit an, also jene Tage nach Voll- oder Leermond, wo der Unterschied zwischen Niedrig- und Hochwasser besonders gross ist. Da verwandeln sich die Passagen zwischen den Inseln in reissende Ströme mit Wellen und Strudeln.


Fängige Technik

Bertrand zeigt uns, wie man die lebenden Sandaale auf den riesigen Angelhaken aufspiesst, damit diese möglichst lange zappeln: Mit einem beherzten Stich durch den Kopf. Von Auge zu Auge. «Auf Pollack sind lebende Sandaale der unschlagbare Topköder», ist Bertrand überzeugt. Weit draussen auf einer vierzig Meter tiefen Sandbank haben wir diese Köderfische heute früh gefangen. Das geht ruck-zuck, wenn man die Stelle kennt: Hegene mit Federhaken runterlassen, und kaum berührt das Blei den Grund, rappelt es bereits. In einer halben Stunde schlängeln sich an die fünfzig Sandaale im Fischkasten.

«Das ist meine allerliebste Art von Fischerei», schwärmt Bertrand, als er seine Montage mit dem Lebendköder ins Wasser lässt, «in fünfzig Metern Tiefe spürst du die Bewegungen deines Sandaals an der dünnen geflochtenen Schnur. Du merkst, wenn er aufgeregt zappelt, weil sich ein grosser Pollack nähert.» Und schon beginnt sich seine Rute ruckartig zu biegen, die Rollenbremse knattert, der Fisch nimmt mächtig Schnur. Will Bertrand nicht bald mal anschlagen? «Es braucht Nerven, den Anhieb nicht zu früh zu setzen», erklärt er in aller Ruhe, «du musst dem Fisch Zeit geben, den Köder mit dem Haken ganz in den Mund zu nehmen – jetzt!» Der Fisch hängt. Bertrands Rute krümmt sich fast unters Boot. «Oh, das ist ein Brocken!»

 Sein «Merry Fisher» ist Bertrands ganzer Stolz. Oft fährt er allein raus auf den weiten Atlantik – um den Kopf frei zu kriegen von den Alltagssorgen.

Sein «Merry Fisher» ist Bertrands ganzer Stolz. Oft fährt er allein raus auf den weiten Atlantik – um den Kopf frei zu kriegen von den Alltagssorgen.

 Diese Fischerei ist nichts für schwache Arme: Wenn in fünfzig Metern Tiefe ein kräftiger Pollack den Köder packt, geht oben im Boot mächtig die Post ab.

Diese Fischerei ist nichts für schwache Arme: Wenn in fünfzig Metern Tiefe ein kräftiger Pollack den Köder packt, geht oben im Boot mächtig die Post ab.

 Fischen ist für Bertrand mehr als nur Stolz über grosse Fänge: Was im Sommer im Boot landet, ernährt seine Familie durch den Winter.

Fischen ist für Bertrand mehr als nur Stolz über grosse Fänge: Was im Sommer im Boot landet, ernährt seine Familie durch den Winter.


Am Meer geboren

Aufgewachsen ist Bertrand in Brest, wo heute die gigantische U-Bootflotte der französischen Marine stationiert ist. Sein Vater, nachdem er aus deutscher Kriegsgefangenschaft heimgekehrt war, arbeitete im Militärhafen und war zuständig für die Reinigung der Start- und Landeplattformen von Flugzeugträgern. «Ich bin mit einem Fuss im Meer zur Welt gekommen», meint Bertrand schmunzelnd. Sein Onkel besass ein Fischerboot und nahm ihn oft mit aufs Wasser. Und trotzdem war Fischen für Bertrand damals noch nicht das Hobby Nummer eins: «In meinem Herzen war ich vielmehr Segler.»

Bertrand, heute 68, ist ausgebildeter Sozialpädagoge. Er nahm Jugendliche mit Delinquenz- und Drogenerfahrungen mit aufs Segelboot. «Das Segeln in den anspruchsvollen Gezeitengewässern der Bretagne hat viele dieser schweren Jungs wieder auf Kurs gebracht», erzählt er, «sie erlebten, was es heisst, sich auf andere zu verlassen und selbst Teil eines Teams zu sein. Zu manchen habe ich heute noch Kontakt.»

Doch während er auf See war, brannte seine Frau mit seinem Chef durch. Das hat ihn so richtig aus der Spur geworfen. Die gemeinsame Tochter war damals zehn. Das Haus wurde verkauft, und nach der Scheidung packte Bertrand seinen Rucksack und reiste nach Kambodscha. Bei der Arbeit in einem Entwicklungsprojekt verliebte er sich in eine Kambodschanerin. Sie kam mit ihm zurück in die Bretagne. Ein paar Jahre lebten sie auf einem Segelschiff im Hafen von Brest. «Das war ein langersehnter Traum von mir», schwärmt Bertrand über diese Zeit, «irgendwie schon cool: Nach der Arbeit kommst du aufs Schiff und fängst praktisch vom Wohnzimmer aus ein paar Wolfsbarsche fürs Nachtessen.» Doch nicht alles an diesem Lebensstil ist Hafenromantik. «Die bretonischen Winter sind rau und ungemütlich, vor allem wenn du sie auf einem Segelschiff verbringen musst», relativiert Bertrand. Und als seine Frau ein Kind erwartete, wollte sie ein geregelteres Leben und vor allem ein festes Dach über dem Kopf.

 Das Experimentieren mit verschiedenen Ködern zeigt: Auch Gummi fängt. Doch Bertrands ausgefeilte Technik mit lebenden Sandaalen bleibt unerreicht.

Das Experimentieren mit verschiedenen Ködern zeigt: Auch Gummi fängt. Doch Bertrands ausgefeilte Technik mit lebenden Sandaalen bleibt unerreicht.

 Das Experimentieren mit verschiedenen Ködern zeigt: Auch Gummi fängt. Doch Bertrands ausgefeilte Technik mit lebenden Sandaalen bleibt unerreicht.

Das Experimentieren mit verschiedenen Ködern zeigt: Auch Gummi fängt. Doch Bertrands ausgefeilte Technik mit lebenden Sandaalen bleibt unerreicht.

 Das Experimentieren mit verschiedenen Ködern zeigt: Auch Gummi fängt. Doch Bertrands ausgefeilte Technik mit lebenden Sandaalen bleibt unerreicht.

Das Experimentieren mit verschiedenen Ködern zeigt: Auch Gummi fängt. Doch Bertrands ausgefeilte Technik mit lebenden Sandaalen bleibt unerreicht.


Ein Leben fürs Fischen

Heute ist Sohn Clément elf, und Bertrand nimmt ihn oft mit zum Fischen. Cléments Leidenschaft: Seine Hühner hinter dem Haus. Die Familie wohnt in einem Häuschen in der Nähe der Küste und betreibt einen kleinen Gemüsegarten zur Selbstversorgung. Nach seiner Pensionierung hat es Bertrand so richtig den Ärmel reingenommen mit dem Fischen. Sein neues Schiff ist sein ganzer Stolz. «Am liebsten fahre ich allein aufs Wasser», erzählt Bertrand, während er einen weiteren Pollack landet, «hier draussen kriege ich den Kopf frei von den Problemen des Alltags.» Sein Alter sieht man Bertrand überhaupt nicht an. Was sein Geheimnis sei, frage ich ihn. «Das Fischen hier draussen hält mich jung und fit», lacht er.

Die Drills sind lange und heftig. Die starken Schläge der Fische gehen mit der Zeit in die Arme. «Du musst sie mit der richtigen Mischung aus Kraft und Gefühl hochpumpen, damit sie nicht ausschlitzen», erklärt Bertrand. Zurücksetzen geht nicht, der Druckunterschied ist für die Fische zu gross, wenn sie aus dieser Wassertiefe hochkommen. Für Bertrand ist das Fischen nicht nur Hobby. Die Pollack-Filets aus der vollen Gefriertruhe sind eine willkommene Entlastung des Haushaltsbudgets. Die Vorräte müssen durch den ganzen Winter reichen, denn da ist es unmöglich rauszufahren. «Du solltest mal hier sein, wenn das Meer wirklich wild ist», warnt Bertrand, «da kriegst du richtig Schiss!» Aber auch im Sommer sind die Tage, an denen er mit seinem Boot raus kann, begrenzt. Alles muss passen: Wind, Gezeitenstand und vor allem auch die Dünung. «Wenn diese langgezogenen Wellen höher als eineinhalb Meter sind, musst du es gar nicht erst probieren», winkt Bertrand ab, «dann ist es auf dem Boot schlimmer als auf einer Achterbahn, unmöglich zu fischen.»

 In Portsall liegen die Fischerboote in der geschützten Hafenbucht. Bei Niedrigwasser kommt man zu Fuss an die Bojen. Aus- und Einfahren kann man nur in einem bestimmten Zeitfenster um Hochwasser.

In Portsall liegen die Fischerboote in der geschützten Hafenbucht. Bei Niedrigwasser kommt man zu Fuss an die Bojen. Aus- und Einfahren kann man nur in einem bestimmten Zeitfenster um Hochwasser.


Wrack mit dunkler Vergangenheit

Mit voller Kiste machen wir uns auf den Heimweg. Sein Fischerboot hat Bertrand an einer Boje in der Bucht von Portsall. Dieses malerische Hafenstädtchen kam 1978 zu einer traurigen Berühmtheit, als der US-amerikanische Öltanker «Amoco Cadiz» in einer Sturmnacht einen Ruderschaden erlitt, mit einem Felsen kollidierte und auseinanderbrach. Etwa eine Viertelmillion Tonnen Rohöl verschmutzte hunderte Kilometer der bretonischen Küste. Eine ökologische Katastrophe. Heute liegt der riesige Anker der «Amoco Cadiz» auf dem Hafenplatz von Portsall und mahnt an den sechstgrössten Ölunfall aller Zeiten. Keine drei Seemeilen vor der Küste liegen Teile des Wracks immer noch auf Grund. Ein Eldorado für Taucher und Angler.

Noch können wir nicht in die Hafenbucht einfahren. Denn dort liegen die Boote neben ihren Bojen auf dem Sand wie gestrandete Wale. Wir müssen warten, bis die Flut kommt. Zum Zeitvertreib lassen wir uns über das Wrack der «Amoco Cadiz» treiben. Neunzig Gramm Blei ziehen unsere aufgespiessten Sandaale in die Tiefe. «Vorsicht!», warnt uns Bertrand, «wenn du hier einen Hänger hast, kriegst du deine Montage nicht mehr los.» Auch schon habe er riesige Fische verloren, weil sie sich nach dem Biss blitzschnell ins Wrack zurückziehen. Und wieder biegt sich seine Rute: Biss!


Fischer-Info

Bertrand Rigolot kennt die westliche Bretagne wie seine Westentasche. Zwar darf er kein professionelles Guiding anbieten, dazu erfüllt er die in Frankreich strengen Auflagen nicht. Doch Bertrand ist gerne bereit, sein tolles Revier zu zeigen und seine Leidenschaft mit interessierten Angeltouristen zu teilen.

 

Kontakt:

bertrand.rigolot@gmail.com

Oder über den Autor:
steff.aellig@gmx.ch

 

0 Kommentare


Keine Kommentare (Kommentare erscheinen erst nach unserer Freigabe)


Schreibe einen Kommentar:

Anzeige
Anzeige
Zurück zur Übersicht

Das könnte Dich auch interessieren: