Angel-YouTube
19 | 03 | 2020 DiversesText: Tomasz Sikora | Fotos: André Suter 0125
19 | 03 | 2020 Diverses
Text: Tomasz Sikora | Fotos: André Suter 0 125

Angel-YouTube


Wo Freud und Leid nahe beieinander liegen

Auf YouTube glänzen zahllose Angler mit prächtigen Fängen aus allen Winkeln der Welt. Viele davon mögen Meister im Fischfang sein, doch mit dem Handling der gefangenen Fische hapert es nach wie vor gewaltig. Tomasz Sikora hat sich in den Weiten des Internets nach Tops und Flops umgesehen.

Auch wenn man viele der Kanäle links liegen lassen kann – ob nun der fehlenden Professionalität wegen oder weil man nicht auch noch den dritten Kanal mit ähnlichen Inhalten verfolgen will – gibt es doch einige, die einen wirklichen Mehrwert bieten. So kann man z. B. auf «Uli Beyers Köderkunst» von zahlreichen Experten-Hecht-Tipps profitieren, Stefan Seuss beim Fangen von Rekordwelsen verfolgen oder auf «Ich geh’ Angeln» beim Berliner Victor Eras mitansehen, wie man es anstellt, mit einem ausgedienten Nokia-Telefon einen stattlichen Hecht zu fangen. Eras’ Kanal ist inzwischen so erfolgreich geworden, dass er kürzlich sogar eine eigene Angelsendung («Die Angelbuddies») im Privatfernsehen erhalten hat. 

Für diejenigen, die Englisch verstehen, sind die Optionen selbstredend nahezu unendlich. So zeigt der US-amerikanische Dauercamper Robert Fields beim Bereisen der USA, dass Amerika, auch was das Fischen angeht, ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist, während der neuseeländische Fliegenfischerguide Mike Fitzpatrick in seinen kinowürdigen Filmen beweist, dass Neuseeland wohl zu den besten Destinationen weltweit gehört, wenn es mit der Trockenfliege auf Bachforellen gehen soll. 

Leider gibt es bei «Angel-YouTube» auch weniger Schönes zu sehen. Daran erinnerte mich kürzlich wieder eine Videoreihe, die auf dem schwedischen Kanal «kanalgratis.se» zu sehen ist. «Perch Pro», inzwischen in der sechsten Ausgabe, ist ein Turnier, an dem Angelprofis aus ganz Europa in Zweierteams teilnehmen und die besten Eglifischer ermitteln. Auch wenn die vermeintlichen Profis mit Eglifängen von bis zu 50 Zentimetern glänzen, zeigen einige von ihnen im Umgang mit den Fischen, dass hinter ihrem selbsterklärten Profistatus ein grosses Fragezeichen zu setzen ist. So ist in der diesjährigen Ausgabe immer wieder zu sehen, wie auch grosse Egli an der Rute hängend aus dem Wasser gehoben, mit trockenen Händen angefasst, zwecks Messung auf trockenen Bootsböden abgelegt und im fragwürdigen Stil des sogenannten «Bassgriffs» präsentiert werden. Auf Kritik in Kommentaren gehen die Betroffenen sogar ein, lassen aber eine faktenbasierte Diskussion über den korrekten Umgang mit Fischen, die wieder freigelassen werden, nicht zu. 

Um zu verhindern, dass ein so fragwürdiger Umgang mit gefangenen Fischen im Gleichschritt mit «Angel-YouTube» auch hierzulande mitwächst, soll in diesem Artikel einmal mehr betont werden, wie gefangene Fische, die wieder zurückgesetzt werden sollen, idealerweise zu behandeln sind. Dabei handelt es sich weder um Neues noch Revolutionäres. Schliesslich ist der korrekte Umgang mit dem Lebewesen Fisch Teil des Sachkundenachweises. 

 
Vor dem Fang

Der korrekte Umgang mit dem Fisch beginnt bereits vor dem Angeln. Es gilt, das Gerät an die zu erwartenden Fischarten anzupassen. Gefischt werden soll weder zu fein noch zu grob. Wer beispielsweise auf Hecht fischt, muss ein Vorfachmaterial wählen, das rasier­messerscharfen Hechtzähnen standhalten kann. Im schlimmsten Fall riskiert man ansonsten, dass der Köder so ungünstig im Hechtmaul steckenbleibt, dass der Hecht dadurch nicht mehr fressen kann und schliesslich elendiglich verendet. Wer mit zu feinem Gerät fischt, riskiert, dass sich Drills von grossen Fischen endlos in die Länge ziehen. Das ist einerseits schade, weil so das Risiko steigt, den Fisch nicht landen zu können. Es besteht anderseits die Gefahr, dass sich der Fisch beim Drill so sehr verausgabt, dass er sich nicht mehr erholt. Auch eine schlechte Stellenwahl ist dem Fischwohl nicht förderlich. Wer sich nicht sicher ist, ob er an einer potenziellen Angelstelle einen Fisch auch sicher und schonend landen kann, sollte diese meiden. 


Der Anhieb

Was den Anhieb angeht, sind insbesondere Naturköder problematisch. Schlucken lassen mag früher die Norm gewesen sein, auch wenn man besonders bei kleinen Fischen Gefahr lief, diese zu verangeln. Bei Kunstködern, die heute zumeist von Anglern, denen das Fischwohl am Herzen liegt, verwendet werden, ist dieses Problem geringer. Wenn der Fisch den Köder nicht gerade voll nimmt, hängt der Haken (ob nun bei einem Spinnköder oder bei einer Fliege) bei einem erfolgreichen Anhieb im Normalfall ohnehin im Maulbereich des Fischs.

 
Der Drill

Der Drill kann nicht nur wegen zu feinem Gerät für den Fisch zum Problem werden. Auch mit Gerät, das den zu erwartenden Fischen angepasst ist, sollte der Drill nicht brutal sein, aber doch möglichst kurz und straff gehalten werden. Zu sanftes Drillen verlängert nicht nur unnötig den Stress des Fischs, sondern erhöht auch das Risiko, dass dieser in ein Hindernis schwimmt, aus dem er nicht mehr herauszubekommen ist. Wie beim nicht-hecht­sicheren Vorfach riskiert man dadurch, dass der Fisch nach einem Abriss der Schnur langsam zugrunde geht. 


Die Landung

Bei der Landung handelt es sich um einen der Schritte, bei dem am häufigsten Fehler passieren. Fische schwimmen nicht rückwärts. Darum sind sie, sofern das möglich ist, mit dem Kopf voran zu feumern. Selbst wenn der Fisch im Moment des Feumerns zu einer unerwarteten letzten Flucht ansetzt, ist so die Chance gross, dass diese im Feumer endet. Ebenfalls zu beachten ist das Befeuchten der Hände, wenn der Fisch von Hand gelandet wird. Mit Unverständnis stelle ich auch bei YouTube-Videos von selbsterklärten Angelprofis immer wieder fest, dass diese so simple und einleuchtende Regel oft nicht befolgt wird. Sie wird entweder vergessen oder der Fisch an einer Stelle gefangen, an der das Befeuchten der Hände schlicht nicht möglich ist. Auch Videos, in denen besonders empfindliche Fische wie Forellen mit Handschuhen angefasst werden, sieht man leider immer wieder. Wer Fische mit trockenen Händen oder gar Handschuhen anfasst, riskiert, ihre Schleimhaut und damit ihren Schutz vor Infektionen wie zum Beispiel einem Pilzbefall zu schädigen. Auch hier besteht das Risiko, dass der Fisch qualvoll zugrunde geht. 

 Fischen in Szene gesetzt: Auf YouTube findet man eine unüberschaubare Menge an Fischerfilmen (Symbolbild).

Fischen in Szene gesetzt: Auf YouTube findet man eine unüberschaubare Menge an Fischerfilmen (Symbolbild).

 Drill, Landung und Zurücksetzten eines untermassigen Fischs sollten auch bei eingeschalteter Kamera möglichst kurz gehalten werden.

Drill, Landung und Zurücksetzten eines untermassigen Fischs sollten auch bei eingeschalteter Kamera möglichst kurz gehalten werden.

 Drill, Landung und Zurücksetzten eines untermassigen Fischs sollten auch bei eingeschalteter Kamera möglichst kurz gehalten werden.

Drill, Landung und Zurücksetzten eines untermassigen Fischs sollten auch bei eingeschalteter Kamera möglichst kurz gehalten werden.

 Drill, Landung und Zurücksetzten eines untermassigen Fischs sollten auch bei eingeschalteter Kamera möglichst kurz gehalten werden.

Drill, Landung und Zurücksetzten eines untermassigen Fischs sollten auch bei eingeschalteter Kamera möglichst kurz gehalten werden.

 Drill, Landung und Zurücksetzten eines untermassigen Fischs sollten auch bei eingeschalteter Kamera möglichst kurz gehalten werden.

Drill, Landung und Zurücksetzten eines untermassigen Fischs sollten auch bei eingeschalteter Kamera möglichst kurz gehalten werden.

 Drill, Landung und Zurücksetzten eines untermassigen Fischs sollten auch bei eingeschalteter Kamera möglichst kurz gehalten werden.

Drill, Landung und Zurücksetzten eines untermassigen Fischs sollten auch bei eingeschalteter Kamera möglichst kurz gehalten werden.


Behändigung, Messung, Präsentation

Idealerweise werden Fische nach dem Feumern gar nicht erst aus dem Wasser genommen. Die Chance, dass sie so unversehrt bleiben, ist auf diese Weise am höchsten. Wer Fische dennoch vermessen und fotografieren will, sollte dies möglichst schnell tun. Je länger sich der Fisch ausserhalb des Wassers befindet und kein Sauerstoff in sein Blut gelangt, desto grösser ist die Gefahr, dass er sich nicht mehr vom Fang erholt. Auf keinen Fall sollten Fische auf einen trockenen Untergrund gelegt werden – auch hierbei besteht das Risiko, dass die Schleimhaut zerstört wird und der Fisch nach der Freilassung langsam an einer Infektion zugrunde geht. Wer einen Fisch für ein Foto vor die Linse halten will, sollte diesen möglichst breit mit beiden Händen halten, um zu vermeiden, dass auf einer kleinen Fläche zu grosse Kräfte auf den Fischkörper einwirken. Insbesondere das unselige, waagrechte Halten von Egli am Unterkiefer («Bassgrip») lässt mir immer wieder Schauer über den Rücken laufen. Man muss kein Genie sein, um zu verstehen, dass das Kiefergelenk eines Barschs auf diese Weise grossen Schaden nimmt.


Zurücksetzung

Gefangene und nach Sauerstoff schnappende Fische sind erheblich gestresst und geschwächt. Deswegen sollen sie schonend zurückgesetzt werden. Immer wieder wird behauptet, dass Fische keinen Schaden nehmen, wenn sie in hohem Bogen ins Wasser zurückgeworfen werden. Worauf solche Behauptungen gegründet sind, ist mir schleierhaft. Darum halte ich Fische so lange ins Wasser, bis sie durch Bewegung signalisieren, dass sie erholt genug sind, um alleine wegzuschwimmen. 

Zu guter Letzt ein Appell an alle, die ebenfalls regel­mäs­sig «Angel-YouTube» schauen: Wenn Ihr solche oder ähnliche Szenen seht, dann macht die Kanalbetreiber über einen kritischen, sachlichen Kommentar darauf aufmerksam, wieso Ihr ein solches Verhalten schlecht findet. Kommt genug konstruktive Kritik auf, führt dies idealerweise dazu, dass die «Angel-YouTuber» ihr Handeln überdenken und solche Szenen seltener zu sehen sind.

 

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