Wie ich meine Freundin zum Fischen brachte ...
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06 | 03 | 2026 Reisen | DiversesText & Fotos: Cédric Goosen | Briana Céspedes 093
06 | 03 | 2026 Reisen | Diverses
Text & Fotos: Cédric Goosen | Briana Céspedes 0 93

Wie ich meine Freundin zum Fischen brachte ...

Besuch der Herzensdame aus Kalifornien, ein dreitägiger Rucksacktrip an die Küste der Normandie und der Versuch, eine Leidenschaft zu teilen. Eine persönliche Geschichte darüber, wie Fischen, Natur und gemeinsame Herausforderungen Nähe schaffen.


Anfang Oktober war mein Schatz Briana aus Kalifornien zu Besuch gekommen. Wir hatten etwas mehr als eine Woche Zeit füreinander und ich hatte etwas Besonderes für uns geplant. Wir waren seit sechs Monaten zusammen und ich wollte, dass sie meine Leidenschaft für das Fischen schätzen lernte. Falls wir heiraten sollten, würde das für mich sehr wichtig sein. Also fragte ich mich: «Wie bringe ich sie dazu, das Angeln zu schätzen?» Nun, ich beschloss, unsere Leidenschaften zu kombinieren. Sie liebt das Wandern in der Natur und ich das Fischen. Briana­ hat einen gewissen Ehrgeiz, also musste ich nur richtig vorgehen, um sie zu motivieren.

So schlug ich einen dreitägigen Rucksackausflug in die Normandie vor, um Lippfische zu fangen, weil die fast immer anbeissen. Ich war mir sicher, dass sie mindestens einen fangen würde, und aus­ser­dem sind Lippfische kämpferische Fische, die für sie eine Herausforderung sein würden. Briana hat dieses Erlebnis für uns schriftlich festgehalten und beschreibt diesen Trip aus ihrer Sicht. Hier ist also die Geschichte, aus der ersichtlich werden soll, ob sie sich auch in meine Fischerseele verliebt hat.

 Gut angezogen, lässt sich auch im Regen lustig wandern.

Gut angezogen, lässt sich auch im Regen lustig wandern.


Tag 1 – Wanderung zum ersten Fisch

Wir starteten in unser erstes gemeinsames Ruck­sack­abenteuer und ich war neugierig, was Cédric wirklich draufhat. Ziel war Beaumont-La Hague: 48 Kilometer Küstenwanderung, gefunden auf Wikiloc. Wir fuhren später los als geplant, genossen aber die Fahrt nach Frankreich mit Snacks, Musik und guter Stimmung. Ein spontaner Stopp in Étretat brachte dramatische Klippen und eine kleine Foto-Challenge von Cédric: ein Porträt eines jungen Künstlers und drei Bilder, die den Ort erzählen. Gegen 22.30 Uhr kamen wir in Cherbourg an – nur um festzustellen, dass am Freitagabend in der Stadt gefeiert wird. An Schlaf war kaum zu denken. Entsprechend müde fuhren wir am nächsten Morgen weiter nach La Hague.

Trotzdem wuchs meine Vorfreude, denn Wandern ist meine Leidenschaft. Warum schleppt man sein Leben auf dem Rücken, friert, kämpft sich Kilometer für Kilometer voran? Weil es nicht um das Ziel geht, sondern um den Weg. Um die Stille, die Natur, die Zeit ohne Ablenkung. Für mich ist das wahrer Luxus. Mittags packten wir endlich unsere Rucksäcke – zu voll, wie sich zeigen sollte – inklusive eines Zelts, das wir nicht gebraucht hätten. Zwei Tage für 48 Kilometer, inklusive Angelzeit. Mit Bier im Gepäck und Optimismus im Kopf ging es los.

 Am Meer mit einer Rute zu pirschen, «that’s fun».

Am Meer mit einer Rute zu pirschen, «that’s fun».

Die Küste war spektakulär: hohe Klippen, felsige Strände, helles, klares Wasser – ganz anders als meine Strände in Kalifornien. Nach drei Stunden führte mich Cédric zu einem «Spot». «Siehst du das dunklere Wasser? Das bedeutet Tiefe. Und die Felsen bringen uns weiter raus», erklärte er begeistert. Dazu die Gezeiten: Wir fischten bei ablaufender Flut, weil während der Flut manche Stellen unzugänglich waren. «Lippfische», meinte er, «beissen tagsüber ohnehin.» Es war kalt. Für eine Kalifornierin: eiskalt. Wir liessen die Rucksäcke zurück und kletterten mit leichtem Gepäck über rutschige Felsen. Keine Klappstühle, kein Warten – sondern Taktik, Balance, nasse Füs­se und volle Konzentration. Ich beobachtete, wie Cédric das Wasser las, Positionen wechselte, entschied und immer wieder weiter zog. Ich folgte ihm und begann, die gemeinsame Pirsch zu geniessen.

An einem vielversprechenden Felsen, direkt bei den Wellen, erklärte er mir erneut jeden Wurf, Grundkontakt, Strömung, Biss. Er hatte «kurze Bisse» und grinste trotz Fehlhaken. «Ich liebe das Anbeissen», sagte er. Der Moment zählt. Dann spürte ich auf meiner Rute ein Klopfen. Grund? Oder …? «Ich glaube, ich habe einen!» «Du hast ihn!», rief er. Zusammen landeten wir einen etwa 30 Zentimeter langen prächtigen Fisch. Farben, scharfe Zähne, orange Augen – ich war hin und weg. Ich hatte nicht erwartet, dass mich das so packt. Aber in diesem Moment wusste ich: Das hier ist definitiv mehr als nur Wandern.

 Der erste LIppfisch. «Wie süss!»

Der erste LIppfisch. «Wie süss!»


Tag 2 – Das Unmögliche wird möglich

Der Morgen begann mit Pferden, Ziegen und einem riesigen Stier, der uns weckte. Unsere Nacht war nass gewesen, wir wanderten in feuchten Socken und Hosen weiter Richtung Nez de Jobourg. Erst Strecke machen, dann angeln – so der Plan. Doch Hunger, Müdigkeit und das ständige Auf und Ab der Küstenpfade bremsten uns. Kaum hatten wir einen Hügel erklommen, ging es wieder steil hinunter. Wir machten mit improvisiertem Stativ Fotos von uns auf Felsen und sprachen über Familie, Traditionen und unsere Zukunftsbilder.

Plötzlich blieb Cédric stehen. Er zeigte auf eine felsige, steile Küstenpartie in der Ferne. «Genau dort würde ich gern hin. Weil es unmöglich ist.» Ich grinste – und dachte, er macht einen Witz. Am Aussichtspunkt angekommen, mischten wir uns unter Touristen, füllten Wasser auf und genossen kurz den Komfort einer Toilette.

 Selten ist Liebe einfacher als gemeinsam in der Natur unterwegs zu sein.

Selten ist Liebe einfacher als gemeinsam in der Natur unterwegs zu sein.

Und dann sprach Cédric wieder vom «unmöglichen» Spot. Er wollte unbedingt dort fischen! Die Sonne sank bereits, vielleicht 45 Minuten Licht blieben uns. Keine guten Vorzeichen. Trotzdem suchten wir einen Weg hinunter – und natürlich fand Cédric einen steilen, unsicheren Abstieg. «Ich würde das allein machen – aber willst du auch?» «Ich bin direkt hinter dir», antwortete ich.

Mit schweren Rucksäcken stiegen wir hinab. Die Flut wich zurück – perfekte Bedingungen. Unten kletterten wir über Felsen, das Meer dunkel und tief vor uns. «Man findet es nur heraus, indem man wirft», sagte er. Erster Wurf – zack! Ein Fisch. Ein kleiner Seebarsch. «Schön fürs Abendessen», fand ich. Doch unter 42 Zentimetern darf er nicht entnommen werden. Also schwamm er zurück.

 Lippfische sind ebenso kampfstark wie prächtig.

Lippfische sind ebenso kampfstark wie prächtig.

Dann begann das eigentliche Spektakel. Bisse im Sekundentakt. Fünf Kontakte, Fische verloren, einer riss die Schnur. Köderwechsel. Und schliesslich: ein grosser Lippfisch an der leichten Reiserute – harter Kampf in der Strömung. Sein Gesicht strahlte.

Ich musste ihn bremsen – es wurde gefährlich dunkel. Der Aufstieg war anstrengend, aber wir schafften es zurück. Zur Feier des Tages kehrten wir in der Auberge des Grottes ein und genossen Rinderleber, Austern, Jakobsmuscheln und ein mysteriöses Dessert. Das «Unmögliche» war erreichbar gewesen.

 Von wegen Klappstuhl und Bier: Cédric ist beim Fischen immer in Bewegung.

Von wegen Klappstuhl und Bier: Cédric ist beim Fischen immer in Bewegung.


Tag 3 – Der entscheidende Biss

«Wir müssen mindestens einmal am Tag angeln», fand ich. Also kehrten wir zum «unmöglichen» Spot zurück. Heute sollte ich einen grossen Fisch fangen – zumindest war Cédric überzeugt davon. Mit klarem Kopf liessen wir die Rucksäcke oben und stiegen nur mit dem Nötigsten hinunter. Die Flut kam herein, der beste Felsen vom Vorabend war bereits überspült. Ich wurde nervös, während Cédric immer näher ans Wasser rückte. «Vertraust du mir?», fragte er. «Ja.» – «Das solltest du nicht», grinste er.

 Briana lässt sich voll auf das Fischen ein und wirft schon bald gekonnt zwischen die Felsen.

Briana lässt sich voll auf das Fischen ein und wirft schon bald gekonnt zwischen die Felsen.

Das Werfen war schwierig. Überall Felsen, weite Distanzen. Ich verlor Köder, er band neu. Ich hatte das Gefühl, ihm den Spass zu verderben. Erst später verstand ich: Er wollte mehr als alles andere, dass ich einen Fisch fange. Die Flut stieg weiter, dann rutschte ihm auch noch die Köderbox zwischen die Felsen. Plötzlich hatten wir nur noch drei Haken und drei Gewichte. Meine Motivation sank.

Wir wechselten die Seite. Ich zeigte auf eine erhöhte Stelle, die vielversprechend aussah. «Ich gehe dorthin.» Von oben war die Landschaft atemberaubend. Für einen Moment wollte ich nur in der Sonne liegen. Doch ich griff zur Rute. Ich warf, tastete den Grund ab, zog den Köder zweimal kurz an, wieder und wieder. Kein Biss – aber es war friedlich. Ich dachte: Ein Mädchen aus Kalifornien wirft Köder in der Normandie mit einem Belgier. Seltsam. Schön.

 Die Krönung von Brianas Einstand als Fischerin kann sich sehen lassen.

Die Krönung von Brianas Einstand als Fischerin kann sich sehen lassen.

Dann landete ein perfekter Wurf nahe bei einem Felsen. Plötzlich fühlte ich mich wie eine Fischerin. Nicht mit den Augen suchen – sondern mit der Verbindung zur Rute. Ich verstand dieses Jagdgefühl. Und dann kam der Einschlag: ein harter Ruck. Ich setzte den Anhieb und zog mit meinem ganzen Körper. «Einholen? Nicht einholen?», rief ich. «Das ist der grösste Fisch der Reise!», rief Cédric. Wir standen drei Meter über dem Wasser. Zu schwer zum Hochziehen. Ich hielt die Schnur straff, während er hinunterkletterte. Der Fisch tobte, Cédric balancierte auf den Felsen und griff zu. Er reichte mir den Fisch und ich legte ihn in ein Felsenbecken. Ein grosser Lippfisch in schillernden Farben mit leuchtenden Augen. Für ein paar Sekunden lag er still da. Dann setzte ich ihn zurück – und er verschwand. Das war mein grosser Moment!

 Geteilte Freude ist doppelte Freude.

Geteilte Freude ist doppelte Freude.

Wie berauscht genoss ich danach noch einen Moment an der Sonne auf diesem Felsen. Wir hatten nicht einmal die Hälfte der 48 Kilometer geschafft – aber das spielte keine Rolle mehr. Nun verstand ich, was das Fischen für Cédric bedeutet. Liebe Fischerinnen und Fischer, wenn Ihr Eure Leidenschaft teilen wollt, dann mischt Eure Welten, macht Fehler, aber bleibt dran. Und wenn Ihr in die Normandie reist, dann nehmt unbedingt eine Rute mit.

 Briana macht auch «ihr Ding» unterwegs. Ob Cédric sich auch darin versuchen sollte?

Briana macht auch «ihr Ding» unterwegs. Ob Cédric sich auch darin versuchen sollte?

 


Empfohlene Ausrüstung

  • Mittelgrosse Spinnrute ab etwa 2,4 m
  • Rolle: Grösse 2500 bis 4000 mit 0,12- bis 0,16er-Geflochtener
  • Vorfach: 0,27er- bis 0,35er-Fluorocarbon
  • Texas-Haken Grösse 2 bis 2/0
  • Bullet-Gewichte von 7 bis 21 g
  • Köder: Krebse, Würmer oder Fischimitate von 5 bis 10 cm
  • Eine robuste Zange

 Gummikrebse und -würmer am Jig oder Carolina-Rig an Offsethaken haben sich am besten bewährt.

Gummikrebse und -würmer am Jig oder Carolina-Rig an Offsethaken haben sich am besten bewährt.

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