Sommer 2018 [– Die grosse Trockenheit]
17 | 08 | 2018 Schweiz | VideoArtikel: Nils Anderson, Erich Bolli, Christoph Maurer, Kurt Bischof, Patrick Wasem 0197
17 | 08 | 2018 Schweiz | Video
Artikel: Nils Anderson, Erich Bolli, Christoph Maurer, Kurt Bischof, Patrick Wasem 0 197

Sommer 2018 – Die grosse Trockenheit

Es ist vielleicht ein schwacher Trost, aber noch gilt ein solcher Sommer als aussergewöhnliches Ereignis. Jedem Fischer dürfte der Schreck tief in die Knochen gefahren sein. Und eines scheint auch klar geworden zu sein: Was noch kommt, wird nicht lustig werden. 

Es war verbreitet ein schöner, trockener Frühling mit einem Pollenflug, wie man ihn kaum je gesehen hatte. Und dem schönen, trockenen Frühling folgte ein ebensolcher Sommer mit wenig Niederschlag. Die Folgen der Trockenheit liessen nicht lange auf sich warten. In den Bächen wurde das Wasser schon Anfang Juni knapp. Die vereinzelten Gewitter bewirkten dann eher Sunk/Schwall-Verhältnisse, und Murgänge, welche in die Bachbetten hinunterdonnerten, trugen nichts zur Entspannung der Situation bei. Anfang Juli dann herrschte in der gesamten Nordschweiz eine trockene Biswind-Lage, welche die Gewässertemperaturen glücklicherweise (noch) nicht sprunghaft ansteigen liess, jedoch auch das Entstehen von Gewittern erschwerte. Derweil akzentuierte sich die Wasserknappheit immer mehr. Wo, wie am Oberlauf der Töss, Was­serentnahmen fürs Trinkwasser oder die Landwirtschaft vorgenommen wurden, spitzte sich die Lage noch zusätzlich zu; einige Bäche und Flüsse trockneten schon relativ früh komplett aus. Vor allem in der Zentralschweiz wie auch in der Ostschweiz lagen bald einmal viele kleinere Fliessgewässer trocken.


Trockenheit auf dem Radar der Öffentlichkeit

Die prekäre Situation der Fische wurde spätestens mit dem Einsetzen der Hitzewelle Ende Juli zu einem dominierenden Thema in den Tagesmedien. Sowohl im Fernsehen wie auch in den Printmedien wurde verbreitet über die prekäre Verfassung unserer Gewässer berichtet. Neben dem Futtermangel fürs Vieh, den vertrockneten Laubbäumen und dem Feuerwerksverbot wurde auch der immense Einsatz der Fischereiaufseher und ihrer Helfer hervorgehoben. Die ausgeprägte Solidarität mit den Fischen und Fischern war sehr erfreulich. Auch bei den üblicherweise gehässigen Online-Kommentaren zeigte sich ein erfreuliches Verständnis und Mitgefühl für die Fische und Fischer. Hier wurde neben dem Klimawandel auch die intensive Gewässer-Nutzung durch Freizeitaktivitäten (Gummiboote) und Wasserkraft sowie Landwirtschaft beklagt. Ein vermeintlicher Sündenbock war ebenfalls schnell gefunden: Die Wasserkraft-Industrie, welche das dringend benötigte Schmelzwasser in den randvollen Stauseen zurückhalten würde.


Heldenhafter Einsatz

Ich bin grundsätzlich sehr zurückhaltend in der Verwendung von Superlativen, aber wenn man bedenkt, was diesen Sommer geleistet wurde, und wie die eigentlich unvermeidliche Katastrophe mit wahrhaft unermüdlichem und heldenhaftem Einsatz bekämpft wurde, da bleibt einem nichts anderes als eine tiefe Verneigung übrig! Fischereiaufseher, Pächter und viele freiwillige Helfer haben Sonderschichten geleistet und unzählige Fische und Krebse vor dem Ersticken gerettet. Dies kann nicht hoch genug gewürdigt werden. Da war keine Spur von Fatalismus zu spüren; das berührt und stimmt einen trotz allem optimistisch für die schwierigen Zeiten, die da höchstwahrscheinlich noch kommen werden. Was einen ebenfalls optimistisch stimmt: Aus dem Hitzesommer 2003 wurde gelernt, und zum Beispiel am Rhein haben die Notmassnahmen erstaunlich gut gegriffen. Mit gezieltem Ausbaggern, Absperren, Beschatten und der Schaffung von Rückzugsgebieten kann viel Unheil abgewendet werden. 

 Einige Schweizer Flüsse sind über weite Abschnitte komplett trocken gefallen. So auch der Oberlauf der Töss (Bild vom 12. Juli 2018).

Einige Schweizer Flüsse sind über weite Abschnitte komplett trocken gefallen. So auch der Oberlauf der Töss (Bild vom 12. Juli 2018).

 Auch Krebse kämpfen mit der Trockenheit. Diese hier konnten im letzten Moment gerettet werden.

Auch Krebse kämpfen mit der Trockenheit. Diese hier konnten im letzten Moment gerettet werden.

 Landauf, landab war in vielen Seitenbächen nichts mehr zu machen. Zahlreiche Jungforellen überlebten die Trockenheit nicht.

Landauf, landab war in vielen Seitenbächen nichts mehr zu machen. Zahlreiche Jungforellen überlebten die Trockenheit nicht.


Schulterschluss für die Fische

Die Notsituation dieses Sommers einte die Leute und verstärkte das Engagement für und auch die Akzeptanz der Fischerei. Und ein solches «zivilgesellschaftliches» Engagement für die Fische ist auch dringend nötig. Vielleicht brauchte es ein solches Extremereignis, um die gesamte Bevölkerung für die Dringlichkeit von Revitalisierungen, Beschattungen, Kaltwasserrinnen und funktionierenden Restwassermengen zu sensibilisieren. Die Interessen der Wasserkraft und teils auch der (übrigens ernteausfallsversicherten) Landwirtschaft bei der Wassernutzung müssten ganz besonders im Sommer zurückstehen.  

Die Rufe nach einem totalen Verzicht auf Besatz dürften etwas leiser werden, da insbesondere zahlreiche der so wichtigen kleine Nebenbäche, die als Kinderstube der Forellen dienen, völlig ausgetrocknet sind. Immerhin dürfte die ach so wichtige «freie Partnerwahl» bei der Fortpflanzung der verbleibenden Forellen diesen Herbst besonders gut funktionieren. Denn die Chance, dass sich ein Dritter ins Laichgeschäft zweier Forellen einmischt, dürfte ausserordentlich klein sein.

Nils Anderson


«Dank dem Einsatz aller Beteiligten konnten tausende Äschen gerettet werden.»

Patrick Wasem, Fischereiaufseher des Kantons Schaffhausen, war während der extremen Hitzetage mit Temperaturen im Rhein von über 27 Grad fast rund um die Uhr im Einsatz und arbeitete beim Versuch, Äschen zu retten, mit seinen Helfern bis zum Umfallen. 


«Petri-Heil»:   Nun ist es leider doch passiert, nach 2003 eine erneute Äschenkatastrophe. Kann das Ausmass des Schadens schon abgeschätzt werden?

Patrick Wasem:   Leider mussten wir bis heute ca. 3 Tonnen Äschen entsorgen. Es sind alle Jahrgänge des Bestandes betroffen. Das genaue Ausmass des Schadens im Bestand muss aber erst noch genau ermittelt werden.


Man hat das irgendwie kommen sehen, dass es wieder einmal passieren würde, all die letzten Sommer waren ja eine Zitterpartie für die Äschen. Hat man etwas als vorbeugende Rettungsmassnahme vorbereiten können?

Wir haben unser Notfallkonzept für einen Hitzesommer wie 2003 frühzeitig umgesetzt und in Zusammenarbeit mit unseren Fischern laufend neue Massnahmen ergriffen. Die Fischer der Schaffhauser und Thurgauer Rheinreviere haben zum Teil bis zur totalen Erschöpfung versucht, so viele Äschen wie möglich zu retten.
Nur dank dem Einsatz aller Beteiligten ist es auch gelungen, tausende Äschen zu retten.


Du hast seit Deinem Amtsantritt hervorragende Arbeit zur Erhaltung des Äschenbestandes am Schaffhauser Rhein geleistet. Und nun das. Wie steht es im Moment mit Deiner Motivation?

Hervorragende Arbeit leistet selten einer alleine. Ich wurde seit meinem Amtsantritt immer durch meine Fischer, in allem was ich für die Fischerei tat, grossartig unterstützt. Und auch dieses Mal war es so. Jeder einzelne, der bei dieser Katastrophe dabei war, hat einfach alles gegeben. Vielen Dank für alles.
Meine Motivation ist ungebrochen.


Wiederaufbau des Bestandes? Siehst Du eine Möglichkeit? Massnahmen? Moratorium?

Auch nach dem Äschensterben 2003 konnte sich wieder ein Äschenbestand im Rhein etablieren. Über Möglichkeiten und Massnahmen zu sprechen ist aber noch zu früh.


Die Schaffhauser Fischereivereine werden hart gefordert: Kormoranabwehr jeden Winter, und nun wegen der Hitze doch noch der Zusammenbruch des Äschenbestandes. Was könnten der Kantonalverband und die Vereinsvorstände unternehmen, um genügend Fischer zum Durchhalten zu bewegen, damit Massenaustritte bei den Vereinen vermieden werden können?

Auch zu diesem Thema müssen erst noch Gespräche geführt werden.

Interview: Erich Bolli

 Unzählige Äschen wurden mit grossem Aufwand ins Äschenasyl in der Schaffhauser Biber umgesiedelt.

Unzählige Äschen wurden mit grossem Aufwand ins Äschenasyl in der Schaffhauser Biber umgesiedelt.


Leserbrief

«Unermüdlich haben die Mitglieder der Fischerzunft mit Unterstützung von freiwilligen Helfern über Wochen für die Rettung der Äschen gekämpft. Fischer haben ihre Ferien abgebrochen, um ihre Kameraden in Diessenhofen zu unterstützen. Durch diesen beispiellosen Einsatz haben alle Beteiligten dazu beigetragen, dass wenigstens ein Teil der Äschen überleben wird.

Der junge Äschenfreund Leon hat die Bemühungen in einem Video dokumentiert. Nehmt Euch bitte einige Minuten Zeit und «geniesst» die Bilder dieses Einsatzes! 

Diese vorbildliche Eigeninitiative der Fischerzunft Diessenhofen verdient unser aller Hochachtung und Respekt. Es ist ein Beispiel dafür, wie wir Fischer einen angewandten Naturschutz verstehen.»

Christoph Maurer, Bischofszell


 


Schweizerischer Fischerei-Verband SFV: 

Nach der Hitze ist vor der Hitze

Der Schweizerische Fischerei-Verband SFV hat sich in den heissen Wochen stark engagiert, um die Bevölkerung für die Auswirkungen der Hitze für Fische und Gewässer zu sensibilisieren. Der SFV hat in der Öffentlichkeit auch klar gemacht, dass unter dem Motto «Fische retten und nicht Fische fangen» beherzte Freiwilligenarbeit geleistet wird. 

Der SFV dankt Hunderten, wenn nicht Tausenden von engagierten Fischern im ganzen Land, die sich zum Teil Tag und Nacht zusammen mit den kantonalen Fischereiverwaltungen an Abfischungen oder aufwändigen Rettungsaktionen beteiligt haben. «Verhindern konnten wir das Fischsterben in gewissen Regionen nicht, aber wenigstens einschränken», sagt SFV-Präsident Roberto Zanetti und fügt an: «Ich danke den Fischereiverwaltungen und den ehrenamtlich tätigen Fischern für ihren Einsatz, das war bester Beweis für das Hegen und Pflegen im und am Wasser.»


Das Klima schlägt zurück 

Die Geschäftsleitung des Schweizerischen Fischerei-Verbands SFV ist der Meinung, dass der Sommer 2018 allen gezeigt hat, dass der Klimawandel ein Gesicht hat. Unsere (westliche) Gesellschaft ist jahrzehntelang masslos mit den natürlichen Ressourcen umgegangen. Jetzt schlägt das Klima unerbittlich zurück. Wer jetzt noch den Klimawandel leugnet, muss sich vorwerfen lassen, er stecke den Kopf Tag um Tag in den Sand. 

Der SFV teilt die Einschätzung von nationalen und internationalen Klimafachleuten, dass der Hitze-Sommer 2018 keine Ausnahme bleibt. Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft müssen sich daran gewöhnen, dass die Naturgefahren steigen und die Sommer heisser werden und sich alle entsprechend anpassen müssen. Oder anders gesagt: Nach der Hitze ist vor der Hitze!


Forderungen an Bevölkerung, Politik und Fischer

Der Schweizerische Fischerei-Verband stellt folgende Forderungen auf – nicht nur an Bevölkerung und Politik, sondern auch an die Fischerinnen und Fischer: 

  • Der Bevölkerung konstruktiv aufzeigen, wie sich der Klimawandel auf den Gewässerhaushalt auswirkt. Die Resultate des nationalen Forschungsprogramms 61 sind hierzu eine gute Grundlage.
  • Konsequente Umsetzung des Gewässerschutzgesetzes mit Revitalisierungen: Kühlere, wasserreiche Rückzugsgebiete sind zu realisieren, reich an natürlichen Strukturen wie Unterständen und Vertiefungen, in denen Fische Schutz finden.
  • Fische müssen frei wandern können. Die Sanierung der rund 1000 Wanderhindernisse, vor allem bei Kraftwerken, muss höchste Priorität haben. 
  • Bei den vielen geplanten Hochwasserschutzprojekten müssen die Faktoren Wärme und Trockenheit stärker gewichtet und folgende Elemente standardmässig einplant werden: Niederwasserrinnen, Vertiefungen (Kolken), Beschattung durch Bestockung der Ufer mit Büschen und Bäumen.
  • Kantonalverbände und Vereine nutzen das Modul «Fischer schaffen Lebensraum» des SFV und realisieren in ihrem Einzugsgebiet Verbesserungen.

Kurt Bischof

 Die ernste Lage der Äsche wird sich nicht so schnell entspannen.

Die ernste Lage der Äsche wird sich nicht so schnell entspannen.

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