Regensommer
24 | 08 | 2021 SchweizText: Nils Anderson & Erich Bolli 01329
24 | 08 | 2021 Schweiz
Text: Nils Anderson & Erich Bolli 0 1329

Regensommer

Der Regen beherrschte den Sommer. Hochwasser, Überschwemmungen und nicht enden wollende Gewitterzüge dominierten. Was bedeutet dieses Wetter für die Fische? Wir haben mit ein paar Experten gesprochen.

Die Bilder von überschwemmten Strassen, reis­senden Flüssen und randvollen Seen waren diesen Sommer omnipräsent. Die Schäden an Kulturland, Häusern und Infrastruktur waren gross. Glücklicherweise ist bei uns – ganz im Gegensatz zu Teilen Deutschlands – die grosse Katastrophe ausgeblieben. Wenn nun ein Bach innert Minuten um das Vielfache anschwellt, ganze Bäume und grosse Steine mitreisst und mehr aus Schlamm als aus Wasser zu bestehen scheint, stellt sich uns Fischern unweigerlich die Frage, was dies mit den Fischen anstellt.


Berggebiete

Die Bilder aus Einsiedeln waren auf «Blick-Online» der Renner: Ein Feuerwehrmann hält eine Forelle in den Händen, die er auf einem Parkplatz gerettet hat. Der Fluss Alp erreichte dort einen Pegelstand wie kaum je zuvor. Auch benachbarte Bäche wie die Wägitaler Aa gingen in kurzer Zeit sehr hoch. Kuno von Wattenwyl, Schwyzer Abteilungsleiter Fischerei weiss zu berichten, dass es sicher einige Fische weggespült habe, doch seien eine Woche später nebst Forellen um die 30 Zentimeter auch noch Jungfische auszumachen gewesen, eine immer wieder erfreuliche Überraschung.

Nachteilig für die Fische seien vor allem längere Phasen von trübem Wasser, weiss von Wattenwyl. So, wenn nach einem Murgang noch tagelang stark lehmhaltiges Wasser mitgeführt werde oder wenn nach Verschüttungen das Kies aus den Bachbetten geräumt werden müsse, was weitere Trübungen verursache. Dadurch können teils auch nach langer Zeit bei geschwächten Fischen und erneuten, oft auch künstlichen Trübungen, noch Schäden auftreten, die tödlich sein können. Diese verzögerte Sterblichkeit sei schwierig zu beziffern.

Ferner sind vereinzelt Wiesenbäche mit Kies gefüllt worden, so dass auch dort der Lebensraum der Forellen stark durcheinander gekommen ist, erst recht, wenn diese als Sofortmassnahme gleich wieder von jeglichem Kies befreit wurden. Über alles gesehen ist der hohe Grundwasserspiegel für von Wattenwyl begrüssenswert, den Sommer 2021 ordnet er aber nicht nur als einen guten Sommer ein: «Die Niederschlagsmenge war gut, doch besser wäre, der Regen wäre gleichmässiger verteilt gewesen.» Auf längere Sicht können sich die Hochwasser 2021 jedoch sehr wohl auch positiv auswirken.

Hochwasser-Spitze der Maggia vom 13. Juli.
Hochwasser-Spitze der Maggia vom 13. Juli.
Der Pegelstand  und die Abflussmenge stiegen innert kürzester Zeit extrem stark an.


Eine ähnliche Einschätzung kommt aus dem Tessin. Dort ist man sich zwar sehr starke Regenfälle und stark schwankende Gewässerpegel der Flüsse schon länger gewohnt, und die Auswirkungen auf die Fischbestände waren bisher keineswegs nur negativ. Doch in diesem Sommer sei es mit dieser Häufung von Hochwasserereignissen einfach zu viel gewesen, so Danilo Foresti vom Amt für Jagd und Fischerei des Kantons Tessin. Die wiederholt aufgetretenen extremen Hochwasser in den Gebirgsflüssen, begleitet von Erdrutschen wie z. B. im Bleniotal, hätten aufgrund der geologischen Gegebenheiten grosse Mengen von feinem und feinstem Material in die Flüsse eingetragen, was zu einer Verdichtung der Kiesböden führte. Was dies für die Fischbestände bedeutet, sei noch nicht bekannt, man müsse im Herbst zuerst mit Elektroabfischungen genaue Erhebungen machen und dann im Spätherbst die Laichaktivität der Forellen beobachten. Es sei noch zu früh, präzise Aussagen zu machen, die Befürchtungen seien aber gross. Wenn Danilo Foresti die in diesem Sommer auch im Tessin ausgebliebenen extremen Temperaturerhöhungen z. B. in der Maggia gegen die Hochwasser abwägt, ist er der Ansicht, dass die Fische letztlich mit dem Hochwasser besser zurechtkommen als mit überhöhten Temperaturen.

 Viel Wasser allenthalben. In der ganzen Schweiz führten die Bäche, Flüsse und Seen Hochwasser. So auch an der Aare. © Dario Hässig

Viel Wasser allenthalben. In der ganzen Schweiz führten die Bäche, Flüsse und Seen Hochwasser. So auch an der Aare. © Dario Hässig


Mittellandbäche und -flüsse

«Seit einem Jahrzehnt hatten wir hier kein richtiges Hochwasser mehr. Jetzt ist endlich wieder eines gekommen», erzählte mir Roland Herrigel Mitte Juni bei einem Besuch an der aargauischen Bünz, seiner – mittlerweile ehemaligen – Pachtstrecke. «Grosse Abschnitte waren über Jahre komplett kolmatiert, da konnte kaum ein Kleinlebewesen Unterschlupf finden. Durch das starke Hochwasser hat es den Untergrund endlich wieder einmal aufgebrochen.» Auch in den Zuflüssen des Zürichsees zeigt sich Ähnliches: Wo der Gewässergrund vorher mit fädigem Gewebe und Schlick bedeckt war, ist jetzt blankes Kies zu sehen. Waren die Forellen vorher gezwungenermassen in ihren Unterständen und Verstecken, so funktioniert mit dem hohen Wasserstand und dem sauberen Kies ihre Tarnung wieder viel besser. Die Forellen können ständig in der Strömung stehen und fressen. Und nebst den besseren Lebensbedingungen für Wasserinsekten ist auch die Anzahl mitgespülter Landinsekten und Würmer deutlich höher als bei anhaltender Trockenheit. Zudem dürfte den laichwilligen Forellen im Herbst deutlich mehr geeignetes Laichsubstrat zur Verfügung stehen. Einen grundsätzlich positiven Einfluss auf die Mittellandbäche bestätigt denn auch Lukas Bammatter von der zürcherischen Fischerei- und Jagdverwaltung. Aus Sicht der Fische könne man «sehr zufrieden sein mit diesem Sommer». «Das Schadenspotenzial, selbst von extrem starken Hochwassern, wird oft überschätzt. Auch wenn kleine Murgänge lokal Schäden anrichten können, so überwiegen die positiven Einflüsse gegenüber den lokalen Ausfällen deutlich.» Bei Bächen, die stark über die Ufer getreten sind, hat es zwar lokal Landwirtschaftsflächen überschwemmt, in welchen kleinere und grössere Tümpel entstanden sind. So mussten an der Glatt und an der Lorze bei Maschwanden Forellen eingesammelt und in die Fliessgewässer zurückgesetzt werden, doch auch hier seien die Hochwasser für die Fische vor allem positiv zu werten.

In Flüssen wie z. B. der Limmat hätten die kälteliebenden Arten wie Äsche und Forelle von den Bedingungen profitiert, meint Lukas Bammatter: «Das waren wirklich sehr gute Konditionen. Es gab hitzebedingt keine einzige Stressperiode dieses Jahr und es hat zudem viel Futter im Wasser. Und das war nach den Sommern von 2018 und 2019 auch wieder mal bitter nötig.»

 An der aargauischen Bünz sorgte das Hochwasser zum ersten Mal seit zehn Jahren für ein Aufbrechen und Lockern des kolmatierten Gewässergrunds. © André Suter

An der aargauischen Bünz sorgte das Hochwasser zum ersten Mal seit zehn Jahren für ein Aufbrechen und Lockern des kolmatierten Gewässergrunds. © André Suter

 Regelmässige Hochwasser lockern den Boden. Die Kleinlebewesen profitieren davon. © Nils Anderson

Regelmässige Hochwasser lockern den Boden. Die Kleinlebewesen profitieren davon. © Nils Anderson


Seen

Die Schweizer Seen waren diesen Sommer ebenfalls randvoll gefüllt. So erreichte der Bielersee einen neuen Rekordstand und auch Vierwaldstättersee, Thuner- und Brienzersee sowie Zürich- und Neuenburgersee waren «tätschvoll». Am Neuenburgersee und Bielersee sperrten die Behörden voreilig die Ufer ab und warnten Kitesurfer wegen Treibholz und Badewillige wegen Wasserverschmutzungen. So konnte die Kläranlage in Neuenburg die biologische Reinigungsstufe nicht mehr betreiben. In Deutschland ist zwar in der Region Berlin nach dem Überlauf einer Kläranlage ein Fischsterben aufgetreten, dies aufgrund einer Sauerstoffarmut wegen zu hoher Nährstoffeinträge, doch hierzulande sind keine solchen Fälle dokumentiert. Den Fischbeständen unserer Seen dürfte das Hochwasser wie erwartet kaum etwas ausgemacht haben. Unser Mitarbeiter Ivan Valetny beobachtete in überfluteten Uferwiesen Schwärme von Kleinfischen, die sich hier vor den Prädatoren in Schutz gebracht hatten und meint, dass Jungfische wohl von diesen willkommenen Versteckmöglichkeiten profitiert hätten und überdurchschnittlich gut abwachsen konnten.

Auch bei den Mündungsbereichen von Flüssen wie dem Ticino, der Maggia, der Kander, der Glarner Linth oder der Hasliaare bedeutet ein starkes Hochwasser auch massiv mehr eingeschwemmtes Holz. Dies sorgt, sofern es nicht gleich umgehend abtransportiert wird, für einen Zuwachs an Strukturen, welche den Fischen aller Grös­sen­ordnungen als Unterstand und Versteck willkommen ist. Allerdings beklagten sich die Berufsfischer an den Tessiner Seen über diese grossen Mengen von Schwemmholz, das sich zum Teil unsichtbar auf den Gewässergrund setzte und die Netzfischerei erschwerte. So stellten die Tessiner Netzfischer ihre Arbeit im Sommer ganz ein. Die überdurschnittlich lang anhaltende Trübung der Tessiner Seen führte überdies zu einem Einbruch der Felchenfischerei; die Felchenfischer im Tessin gingen in diesem Sommer praktisch leer aus.

 Vom vielen Regen profitiert: Die Forellen hatten vielerorts reichlich Futter zur Verfügung und zeigen sich entsprechend gut genährt. © Nils Anderson

Vom vielen Regen profitiert: Die Forellen hatten vielerorts reichlich Futter zur Verfügung und zeigen sich entsprechend gut genährt. © Nils Anderson


Strukturierte Gewässer sind nötig

Einmal mehr zeigt sich, dass Gewässer, in welchen Hochwasserschutz mit Strukturierungsarbeiten einhergehen, ganz sicher besser abschneiden als strukturarme Gewässer. Bäche mit viel Gefälle benötigen grosse Steine und Felsen mit Kehrwassern, und Fliessgewässer mit flachem Gefälle brauchen Platz, um zu mäandrieren. Auch wenn es rollt und «tätscht» auf dem Gewässergrund bieten sich da den Fischen noch immer genug Versteckmöglichkeiten.

Unter diesen Bedingungen können die Fischbestände auch schwerste Hochwasser einigermassen schadlos überstehen. Was dieser Sommer auch zeigte: Häufigere Trockenperioden wie 2018 und 2019 stellen für die Fische das grössere Problem dar. Sie dürften auf den Fischrückgang vor allem in den Bächen erheblicheren Einfluss haben, als ab und zu ein reissendes Hochwasser samt Schlamm und Baumstämmen. Weniger Wasser bedeutet weniger Lebensraum, höhere Schadstoffkonzentrationen, weniger Futter und schnellere Erwärmung.

Ein Hochwasser ist also grundsätzlich mal kein Problem für die Forellen und andere Bachfische. Naht ein Gewitter, so verziehen sich die Forellen instinktiv in ihre Unterstände. Wer in dieser Situation am Fischen ist, kommt sich vor, als ob er plötzlich in einem total fischleeren Gewässer stehen würde. Es ist dann auch definitiv der richtige Zeitpunkt, um nach Hause zu gehen.

 

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