Das grosse Revitalisierungsbuch
26 | 03 | 2021 Schweiz | PraxisText: Nils Anderson 0446
26 | 03 | 2021 Schweiz | Praxis
Text: Nils Anderson 0 446

Das grosse Revitalisierungsbuch

Die Mittelland-Bäche sind für Roland Herrigel eine Herzensangelegenheit. Das soeben erschienene Revitalisierungsbuch ist eine kompetente Anleitung für geglückte Revitalisierungen und führt konsequent weiter, was im 2017 erschienenen Vorgängerwerk «Tatort Bach» bereits vorgespurt wurde.

Die ökologische Situation unserer Mittellandbäche und -flüsse ist hinlänglich bekannt. Von den einstigen Fischpopulationen ist nur noch ein Bruchteil anzutreffen und es werden zusehends weniger. Die Probleme sind vielfältig und es besteht grosser Handlungsbedarf. Die gute Nachricht, die im neuen Buch von Roland Herrigel vorangestellt wird, ist folgende: Der Wille und die Mittel zu Revitalisierungen sind vorhanden. Dass dringend etwas für unsere Natur und ihre Bewohner getan werden muss, davon ist ein Grossteil unserer Bevölkerung überzeugt. Die zahllosen Bäche und Flüsschen, die einst mit grossem Eifer kanalisiert, begradigt, verbaut und eingedohlt wurden, sollen so gut wie möglich der Natur zurückgegeben werden. Revitalisierungen, auch auf kleinstem Raum und im grösstmöglichen Einklang mit dem Hochwasserschutz und den Ansprüchen der Landwirtschaft, sind dazu das Mittel der Wahl.


Das Buch als grosse Checkliste

Für die Begleitung und Beurteilung von Revitalisierungen hat Herrigel einen umfangreichen Fragebogen mit 50 Fragen entwickelt, um den Revitalisierungsbedarf, die drängendsten Massnahmen, aber auch allfälligen Korrekturbedarf richtig einzuschätzen. Wer den Fragebogen überfliegt, fühlt sich im ersten Moment etwas verloren. So viele Details und Zusammenhänge müssen berücksichtigt und Eventualitäten miteinbezogen werden. Doch in Herrigels neuem Buch wird Schritt für Schritt auf jede einzelne Frage eingegangen. Und so verdichtet sich nach und nach, worauf es ankommt, damit eine Revitalisierung glückt. Denn ein Patentrezept, das sich auf jedes beliebige Gewässer anwenden liesse, gibt es leider nicht. Vielmehr verlangt jedes Gewässer, ja gar jeder Abschnitt nach einer individuellen, gut durchdachten Lösung.


Das grosse Revitalisierungsbuch
von Roland Herrigel

270 Seiten mit 356 Bildern und Illustrationen.
Erhältlich in unserem Shop



Kein einfaches Patentrezept

Herrigel will uns dabei auch gar nichts vormachen. Der Autor verzichtet auf Vereinfachung und weist vielmehr unermüdlich auf die komplexe Vielfalt eines jeden Bachs hin. Vieles muss in der Planung und Umsetzung gegeneinander abgewägt werden. Wo braucht es eine Hartverbauung? Welcher Raum muss dem Bach gelassen werden? Braucht er ein enges Korsett? Und wo muss man ihm den Platz lassen, um sein Bett selbst zu gestalten? Ist ein breites Bett besser oder kann es gar negative Auswirkungen auf den Lebensraum haben? Ist jetzt die Bedeutung eines einzelnen Pools unterhalb einer Schwelle höher zu gewichten oder die Fischgängigkeit einer Schwelle? Um diese Fragen gewinnbringend für den Lebensraum Bach zu beantworten, sind Empathie und langjährige Gewässerkenntnisse vonnöten.


Neue Aspekte

Nebst der Wichtigkeit von Unterständen und der Schaffung von Laichplätzen werden auch bisher in der Revitalisierungsdiskussion weniger beachtete Details beleuchtet. So wird gezeigt, wie mit dem Einbringen von Strohsäcken die Menge an Makrozoobenthos, darunter das aktuelle Tier des Jahres, der Bachflohkrebs, punktuell massiv gesteigert und Jungfischen so ein regelrechtes Schlaraffenland geschaffen werden kann. Auch wie eine richtige Einmündung eines Nebenbachs auszusehen hat, wird anschaulich erklärt. Und ebenso wird die sich stetig verschärfende Problematik von tendenziell weniger Niederschlägen und immer häufiger auftretendem Starkregen sowie die allgemeine Erwärmung eingehend behandelt. Es wird beispielsweise detailliert dokumentiert, welchen Einfluss Steine und fehlende Beschattung auf die Wassertemperatur haben oder welche Gefahren von einem starken Algenwachstum ausgehen.


Konstruktiv und geordnet

Verglichen mit dem Vorgängerbuch «Tatort Bach» schlägt Herrigel hier einen konstruktiveren Ton an. Offensichtlich haben die Gewässerbau-Ingenieure aus ihren Fehlern gelernt und die bei Gewässeraufwertungen einst so beliebten, weil dekorativen Störsteine sind seltener anzutreffen, dafür ist der Einbau von Holz im Aufkommen. Überhaupt sind gut gemeinte, aber schlecht realisierte Revitalisierungen allgemein seltener geworden, aber der Autor findet noch immer zahlreiche Verbesserungsansätze. Hier bekommt die Neuerscheinung den zweiten grossen Pluspunkt: Roland Herrigel gelingt es, die immense Vielfalt an zu berücksichtigenden Aspekten geordnet zu behandeln und Schritt für Schritt eine Systematik einzubringen.

Wenn man im vorliegenden Werk etwas vermisst, dann eine breitere Abgestütztheit. Gute Gastbeiträge wie derjenige von David Bittner über die Wichtigkeit grosser Kolke sind etwas zu selten; hier hätten ein paar weitere Farbtupfer ganz gutgetan.

Trotz diesem kleinen Mangel wird das Buch seinem Anspruch als aktuelles Standardwerk für Gewässer-Revitalisierungen vollumfänglich gerecht. In einer leicht verständlichen, anschaulichen Sprache und mit grosszügiger Bebilderung wendet es sich an den Praktiker, der aus seinem Gewässer so naturnah wie möglich das Maximum herausholen will.

 

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