Alarm am Skeena, wo sind die Rotlachse geblieben?
24 | 09 | 2013 DiversesText: Erich Bolli 086
24 | 09 | 2013 Diverses
Text: Erich Bolli 0 86

Alarm am Skeena, wo sind die Rotlachse geblieben?

Im ganzen Skeena-Flusssystem (Britisch Kolumbien, Kanada) dürfen dieses Jahr keine Rotlachse (Sockeyes) entnommen werden. Den Hintergründen ist der Autor vor Ort nachgegangen.

Die Enttäuschung war gross, als die hoffnungsvoll angereisten europäischen Fischer erfuhren, dass dem Skeena dieses Jahr keine Rotlachse entnommen werden dürfen. Der Skeena ist einer der produktivsten Rotlachsflüsse in Britisch Kolumbien.
In den letzten beiden, hervorragenden Jahren stiegen je weit über eine Million Rotlachse auf. Entsprechend fantastisch war die Fischerei auf diesen begehrten Fisch. Aber anscheinend ist es wie an der Börse: Wenn ein Run eingesetzt hat, glauben viele, dass es ewig so weitergehe. Auch am Skeena kam nach den guten Jahren das böse Erwachen. Die entsprechende Verordnung des DOF (Fischereidepartement) war kurz und trocken:
«Ab sofort und mit unmittelbarer Wirksamkeit ist die Tagesquote für Rotlachse bis auf Weiteres auf Null reduziert. Die vorhergesagte Anzahl der zurückkehrenden Skeena-Rotlachse liegt unter der für die Arterhaltung nötigen Limite.»
Was ist passiert? Es kursierten wie überall, wenn man etwas nicht erklären kann, verschiedene Theorien. Einheimische sagten, es sei ein natürlicher Zyklus. Nur liegt das letzte sehr schlechte Rotlachs-Jahr mit Entnahmeverbot 19 Jahre zurück. Ein etwas langer Zyklus für Rotlachse, die eine Lebenszeit von vier bis fünf Jahren haben. Andere sagten, dass der schneearme Winter in den Rocky Mountains mit extrem tiefem Wasserstand und der grossen Hitze schon ab Mitte Juli einen negativen Einfluss auf den Aufstieg gehabt hätte. Bereits eine Auswirkung der Klimaerwärmung, die auch hier, wie in den Alpen am Abschmelzen der ehemals gigantischen Gletscher deutlich zu erkennen ist? Wieder andere waren der Überzeugung, die extensive letztjährige Berufsfischerei der Kanadier direkt vor der Einmündung des Skeenas ins Meer habe den Beständen geschadet. Auch wurde die Meinung vertreten, die amerikanischen Berufsfischer Alaskas würden dieses Jahr so weit südlich fischen, dass sie die aus dem Norden zurückkehrenden Skeena-Rotlachse wegfangen. Dann gab es auch noch solche, die den Indianern die Schuld in die Mokassins schoben: Die «First Nation People» würden jeweils nachts mit ihren Netzen den Skeena abfischen.


Zählung der aufsteigenden Lachse

Die Fischereibehörde in Britisch Kolumbien stützt sich beim Erlass eines Fangverbots auf die Anzahl der zurückkehrenden Lachse. Im Skeena liegt die zur Arterhaltung nötige Zahl bei 800 000 Rotlachsen. Da diese Zahl in diesem Jahr bei weitem nicht erreicht werden dürfte, wurde konsequenterweise ein totales Fangverbot erlassen.
Doch woher weiss die Fischereibehörde, wie viele Lachse kommen? Am Skeena wird ein besonderes Zählsystem für die Kontrolle des Aufstiegs praktiziert. Seit 1955 werden am Unterlauf des Skeenas während der Saison täglich drei Netzzüge gemacht. Gefischt wird mit einem 365 Meter langen und 18 Meter breiten Netz, genau eine Stunde lang, immer an der gleichen Stelle. Auf Grund von Erfahrungswerten kann die Zahl der im Netz gefangenen Rotlachse auf die totale Anzahl der im ganzen Fluss pro Tag aufsteigenden Lachse hochgerechnet werden. Diese Zahlen haben sich als erstaunlich zuverlässig herausgestellt.


Auswirkungen des Entnahmeverbots von Rotlachsen

Ob er einen Einbruch in seinem Geschäft wegen ausbleibender Fischerkundschaft befürchte, fragte ich Bruce, den Manager des Fischereiartikelgeschäfts Misty River in Terrace. Klares Nein, die Fischer kämen trotz des Fangverbots, es gebe genügend Alternativen mit dem Königslachs, etwas später die Steelhead und der Silberlachs. Es werde übrigens ein sehr guter Silberlachs-Aufstieg erwartet (ab August bis Oktober), es gebe positive Meldungen vom Meer, es befänden sich massenhaft Silberlachse in der Bay vor Prince Rupert.
Auf den Königslachs fischen die Kanadier meistens mit einem sogenannten «Spinning Globe», eine Art Wasserrädchen, das als Springer am schweren Bodenblei angeboten wird. Durch die Drehung (Spinning) des Propellerchens (Globe) soll die Aufmerksamkeit des Lachses erweckt und der Beissreflex ausgelöst werden. Diese Fischerei ist für Leute, die es beim Fischen gerne gemütlich haben, denn nach dem Setzen der Montage, wird die Rute in den Rutenhalter gesteckt und dann beginnt das Warten auf den grossen Moment.
Shin aus Tokyo und Franco aus Weinfelden, zwei hervorragende Zweihandfliegenfischer, blieben ihrer Fliegenfischerpassion treu. Ihnen bedeutet die Ästhetik des Werfens so viel, dass sie auf Ferry Island in Terrace, fast als einzige dieses Jahr, unverdrossen weiter mit der Fliege fischten. Für sie steht die Entnahme von Fisch erst an zweiter Stelle. Natürlich hatten sie dennoch die Alternativen im Hinterkopf: Sie sind fähig, auch einen Königslachs oder Silberlachs mit der Fliegenrute zu landen.
Schwieriger war die Situation für eine Gruppe von über 80-jährigen Oldies aus Schaffhausen. Sie haben es nicht mehr so mit der Fliegenrute. Deshalb sind sie zu Spezialisten für das etwas einfachere, aber effiziente «Bottom Bouncing» geworden und befischen schon viele Jahre lang einen guten Spot etwas oberhalb von Terrace.
Das «Bottom Bouncing» imitiert das Fliegenfischen mit sehr tief geführter Fliege. Die Fliege wird mit einem genau auf die Tiefe und Strömung abgestimmten Gewicht vorgebleit und knapp über dem Grund (Bottom) mit leichtem Bodenkontakt angeboten (Bouncing). Da durch die Vorbleiung mit einer starken Spinnrute weit geworfen und die für den Lachsfang erforderliche Tiefe sehr rasch gewonnen werden kann, ist diese Technik manchmal dem Fischen mit der Fliegenrute sogar überlegen. Ist das Wasser aber klar und die Sichtigkeit hoch, der Grund zudem mit ruppigen Steinblöcken übersät, hat der Fliegenfischer die Nase vorn.
Natürlich haben sich die Fischer aus Schaffhausen auf die Rotlachse gefreut, die kalt geräucht in ihrem leuchtenden Rot so schön aussehen und so gut schmecken. Aber in ihrem langen Fischerleben haben sie schon etliche Tiefschläge weggesteckt. So lassen sie sich ihre gute Laune auch dieses Jahr nicht verderben und geben sich auch mal mit einem Buckellachs zufrieden.

 

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